Johannes 6, 35-40 Hunger und Durst nach Leben

Jesus sagt uns hier dass jeder, der zu ihm kommt und an ihn glaubt, nie wieder hungern und dürsten wird (V.35). Eine tolle Verheißung – aber ich glaube an Jesus Christus und habe trotzdem noch einen unbändigen Hunger und Durst nach Leben. Mir ist dazu das bekannte Gedicht „Wer bin ich?“ von Bonhoeffer eingefallen. Im zweiten Teil heißt es hier:

„Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?“

Bonhoeffer war ein Mensch, der wie kaum ein anderer mit allen Fasern seines Lebens auf Jesus Christus vertraut hat. Und auf andere hat er selbst in seiner Zelle noch wie ein gelassener und würdevoller König gewirkt (so schreibt er im ersten Teil dieses Gedichtes). Und trotzdem hat er sich selbst als unruhig, hungernd und dürstend empfunden. Wenn Jesus uns sagt, dass wir als Glaubende keinen Hunger und Durst mehr haben werden, dann meint er damit nicht, dass all unsere menschlichen Bedürfnisse plötzlich gestillt sind oder keine Rolle mehr spielen. Es geht um den Hunger und Durst nach ewigem Leben, um die Gewissheit von Gott in Ewigkeit gehalten zu sein. Genau in diesem Sinn schließt Bonhoeffer sein Gedicht mit den Worten: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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