Johannes 6, 1-15 Ein Ereignis in vier Berichten

Die Speisung der 5000 ist eine der relativ wenigen Textstellen, die in allen vier Evangelien überliefert werden. Wenn man die vier Versionen miteinander vergleicht, kann man sehr schön feststellen, wie die vier Evangelisten je ihre eigenen Schwerpunkte legen. Sie berichten über dasselbe Ereignis, aber setzen eigene Akzente – je nachdem welche Details sie berichten oder auslassen und wie sie die ganze Geschichte kommentieren.

Bei Johannes rückt die Hoheit Jesu stärker in das Zentrum des Berichts. Er berichtet nicht von Jesu Aufforderung an die Jünger, dass sie den Menschen zu essen geben sollen (vgl. Mk. 6,37) und auch nicht, dass die Jünger nach Jesu Dankgebet die Brote und Fische verteilen (vgl. Mk. 6,41). Markus möchte hervorheben, dass die Jünger an diesem Speisewunder beteiligt sind und dem Leser somit sagen, dass wir das, was wir von Jesus empfangen an andere weitergeben sollen. Johannes geht es mehr um die Person Jesu und so betont er am Schluss, dass die Leute ihn als Prophet sehen und ihn zum König machen wollen. Jesus will das aber nicht und flüchtet in die Einsamkeit.

Neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder Berichterstatter färbt das Erzählte durch die Art, wie er es berichtet. Auch ein scheinbar neutraler Zeitungsartikel ist nicht neutral, sondern ist aus der Sicht des Autors geschrieben. So ist es auch mit den Evangelien. Das heißt aber nicht, dass die Berichte deswegen unzuverlässig sind. Gerade die leichten Unterschiede bestätigen, dass hier nicht etwas erfunden wurde und von verschiedenen Zeugen möglichst gleichartig erzählt werden will. Nein, jeder berichtet von etwas tatsächlich Geschehenen aus seiner Sicht.

Für mich ist das ein wichtiger Hinweis, wie wir die Bibel lesen sollten. Die Bibel will kein Märchenbuch sein, sondern sie will von Gottes Handeln in der Geschichte erzählen. Sie will aber auch kein neutraler historischer Bericht sein, sondern will natürlich eine Botschaft transportieren. Die Bibel erzählt historische Geschichte, auch wenn wir an vielen Stellen im Nachhinein nicht mehr alle Details klären können. Aber sie lässt uns auch den Freiraum, dass wir das Geschehene uns persönlich aneignen können und unsere Schlüsse daraus ziehen können. So wie schon dem Johannes bei der Speisung der 5000 etwas anderes wichtig wurde als einem Markus.

| Bibeltext |

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