Johannes 18, 1-11 Keine menschliche Tragödie

Beim Lesen musste ich vor allem an die Parallelberichte in den anderen Evangelien denken. Und da fällt sofort auf, wie anders Johannes diese Szene schildert. Er betont in seiner Darstellung die Hoheit Jesu und dass es sein längst gefasster Entschluss ist, ans Kreuz zu gehen. Kein Wort von einem Gebetskampf unter Blut und Tränen, sondern ein gelassener Jesu, der „alles wusste, was ihm begegnen sollte“ (V.4). Kein verräterischer Kuss durch Judas, sondern ein selbstbewusstes „Ich bin’s“ (V.5) von Jesus. Die Soldaten die ihn verhaften sollen fallen angesichts solch einer Hoheit sogar vor Ehrfurcht auf den Boden (V.6). Nur in V.11 findet sich noch eine kleine Anspielung auf das Ringen Jesu, ob er diesen Kelch trinken soll oder nicht. Aber hier sehen wir nur das Ergebnis – Jesus geht bei Johannes ganz selbstverständlich und bewusst den Weg ins Leiden.

Ist das nun eine Verzerrung der historischen Wahrheit, die damals geschehen ist? Nein, denn eine absolut neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder erzählt seine Wahrnehmung aus einem bestimmten Blickwinkel. Jeder hat seine weltanschauliche Brille auf, durch die er die Welt und was in ihr ist, wahrnimmt. Johannes will durch seine bewusst andere Darstellung etwas in dem Geschehen herausarbeiten, das in dem Geschehen auch drin steckt. Er will nichts erfinden oder beschönigen, sondern eine verborgenen Wahrheit des Getsemanegeschehens offenbaren. Für Johannes ist Jesu Weg ans Kreuz ein Weg der Erhöhung zum wahren König Israels. Was auf den ersten Augenblick aussieht wie eine menschliche Tragödie ist in Wahrheit ein göttlicher Triumph über Sünde und Tod.

| Bibeltext |

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