Johannes 10, 31-42 Wer ist Jesus?

Immer wieder umkreist das Johannesevangelium die Frage nach dem Unglauben: Warum glauben die Menschen nicht an Jesus, obwohl sie doch seine Werke sehen und zumindest Jesus selbst seinen Selbstanspruch im Einklang mit der Schrift sieht. Es geht immer wieder um die Frage nach dem Selbstverständnis Jesu. Es wird ihm vorgeworfen, dass er sich selbst mit Gott gleichsetzt – obwohl wir das so direkt nirgends im Johannesevangelium aus dem Mund Jesu hören. Er spricht von sich selbst aber als vom Vater gesandten Sohn Gottes, und er sagt, dass Gott in ihm ist und er in Gott (V.38). Und im Prolog und aus dem Mund des Thomas finden wir eine Gleichsetzung Jesu mit Gott (Joh. 1,1.18; 20,28). Insofern ist der Vorwurf der Gotteslästerung verständlich und aus jüdischer Sicht nicht unberechtigt.

Jesu Verteidigung an dieser Stelle finde ich seltsam. Er führt ein Zitat aus Psalm 82,6 an und bezieht die Aussage „ihr seid Götter“ auf das Volk Israel („zu denen das Wort Gottes geschah“, V.35). Allerdings ist der Vers nach damals üblicher rabbinischer Schriftauslegung völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Im ursprünglichen Psalm geht es um eine himmlische Thronratsversammlung und die Angesprochenen sind eben keine Menschen. Wenn ich heute so die Bibel auslegen würde, dann würden sich zurecht viele beschweren. Aber auch wenn man der Argumentation folgt und annimmt, dass alle aus dem Volk Israel auch Gottes Kinder sind, so trägt sie doch wenig dazu bei Jesu Selbstanspruch verständlicher zu machen. Er sieht sich ja gerade nicht als einer unter vielen, als ein Kind Gottes von vielen, sondern als der eine, erstgeborene Sohn Gottes.

Ich kann den Unmut, das Unverständnis und den Unglauben der Menschen damals recht gut nachvollziehen. Jesus kann seinen Anspruch nicht beweisen. Er verweist auf seine Werke: aber Wundertäter gab es damals viele. Er verweist auf die Schrift. Aber mit seinen Ausführungen kann er seinen Anspruch nicht wirklich beweisen. Glaube bleibt ein Vertrauen auf etwas, das man nicht beweisen kann. Glaube ist bis heute ein Risiko. Es gibt Hinweise in unserem Leben (Jesu Werke oder Dinge, die auch heute noch in seinem Namen geschehen) oder in der Schrift – aber keine Beweise. Es damals wie heute ein Wunder, wenn Menschen glauben und vertrauen können.

| Bibeltext |

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