Jesaja 63 – Beziehungskrise

Das Buß- und Bittgebet des Volkes, das in Jes. 63,7 beginnt, liest sich wie das Dokument einer tiefen Beziehungskrise. Zuerst wird Gottes Zuwendung und Liebe zu seinem Volk beschrieben (Jes. 63,7-9). Doch dann schlägt diese Liebe in Feindschaft (!) über: Weil das Volk widerspenstig war und Gott betrübte, wurde Gott zu ihrem Feind und stritt wider sie (Jes. 63,10). Da dachte das Volk an die gute alte Zeit zurück und es wird eine Breitseite von vorwurfsvollen, verzweifelten und bittenden Fragen in Richtung Gott geschleudert (Jes. 63, 11-18). Das Volk fragt: Wo bist du denn nun Gott? Warum hast du uns allein gelassen? Es fordert: Komm doch herab vom Himmel und hilf uns. Und es stellt die Frage, die sich wahrscheinlich viele stellen, die eigentlich an diesen Gott glauben möchten, aber es nicht schaffen: „Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?“ (Jes. 63,17)

Darin spiegelt sich etwas vom Geheimnis des Glaubens wider: Wir können den Glauben nicht machen, wir können das Vertrauen auf Gott nicht aus uns selbst heraus produzieren. Der Glaube ist ein Geschenk. Da stellt sich dann automatisch die Frage, warum Gott es nicht allen schenkt. Warum sind manche Herzen verstockt und andere nicht? Warum lässt Gott so viele Menschen vom rechten Weg abirren? Die Frage wird im Text nicht beantwortet. Wenn man es sich einfach machen will, dann bringt man an der Stelle immer den Hinweis auf die menschliche Freiheit und dass Gott uns die Freiheit lässt, dass wir uns auch gegen ihn entscheiden können. Da ist sicher was dran, aber allein das ist mir zu platt und einseitig. Dass diese Frage hier bei Jesaja auftaucht und dass sie eben nicht einfach beantwortet oder beiseite geschoben wird, zeigt doch dass es eben eine bleibende und schmerzliche Frage ist, die wir nicht zu schnell auflösen sollten. Auf dem Weg Gottes zu bleiben ist eben nicht nur meine Leistung und meinem tollen Glauben zu verdanken, es ist auch etwas, das Gott in mir bewirken muss. Und deswegen dürfen wir – wie das Volk damals – diese Frage zurecht auch stellen.

Ich bin bei diesem Kapitel auch erstaunt darüber wie hart und deutlich die beiden Beziehungspartner Gott und das Volk miteinander reden. Gott: „Du warst widerspenstig, ich bin jetzt dein Feind.“ Volk: „Wo bist du denn nun in deiner ganzen Macht und Herrlichkeit? Wenn du wirklich Gott bist, dann komm doch runter von deinem himmlischen Thron und hilf uns!“ Erstaunlich wie offen die Bibel da ist und wie wir mir Gott reden dürfen. Es ist besser unserer Enttäuschung Luft zu machen, als sie aus falscher Ehrfurcht verschweigen zu wollen.

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Ein Gedanke zu „Jesaja 63 – Beziehungskrise“

  1. Die Aufforderung an Gott endlich zu handeln wird sicher durch lauter Enttäuschungen verursacht. Wenn es demjenigen gut gehen würde, dann wäre der Ruf Gottes zu handeln nicht so bitter.

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