Jesaja 57 – Wenn Gott schweigt

„Ist es nicht so: Weil ich schwieg und mich verbarg, hast du mich nicht gefürchtet?“ (Jes.57,11b)

Ja, genau so ist es: Wenn Gott schweigt und er nicht erlebbar ist, dann hat man auch keinen Grund ihn zu fürchten, ihn zu ehren. Das merk ich ja bei mir selbst auch immer wieder.

Die meisten Exegeten gehen davon aus, dass ab Kap. 56 nicht mehr die Exilierten in Babylon angeprochen sind, sondern dass die Botschaft den inzwischen nach Jerusalem zurück gekehrten gilt (vgl. zum Beispiel Jes. 56,8: „Ich will noch mehr zu der Zahl derer, die versammelt sind, sammeln.“) Wir wissen aus Esra und Nehemia, dass die Zeit nach der Rückkehr dann doch nicht so strahlend und gigantisch war, wie das an vielen Stellen bei Jesaja verheißen war. Es gab viele Probleme, es gab Streit und auch der Wiederaufbau des Tempels ging nur schleppend voran. Da ist es logisch, dass viele enttäuscht sind. Sie haben sich so viel erhofft und es ist so wenig eingetroffen. Anstatt ganz neu Gottes Gegenwart und seinen Segen zu erleben, hatte man das Gefühl, dass Gott schweigt.

In Jesaja 57 werden zwei Möglichkeiten deutlich, wie man auf Gottes Schweigen reagieren kann. Manche haben sich anderen Göttern zugewandt, sie haben ihr Heil im Götzendienst gesucht. Wenn unser Gott nicht helfen kann, dann probieren wir’s halt doch wieder mit anderen Göttern. Andere haben am Gott Israels festgehalten und ihm vertraut. Und ihnen spricht Gott zu:

„Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ (Jes. 57,15)

Gott ist nicht nur der der in der Höhe thront, der in himmlischer Herrlichkeit und Pracht zu Hause ist, sondern er wohnt genauso bei den Zerschlagenen und Gedemütigten. Er ist nicht nur da, wenn alles glatt läuft und alle zufrieden sind, sondern auch dann wenn alles schief läuft und wir verzweifelt über das Schweigen Gottes sind. Gott verheißt, dass er die Gedemütigten trösten will, dass er sie heilen will, dass er Schalom schenken will (Jes.57,18-19).

Wenn Gott schweigt… dann kann man versuchen anderswo Antworten zu finden, dann kann man versuchen auf andere Weise Sinn und Erfüllung zu suchen. Oder man kann gedemütigt und zerschlagen bleiben und wissen, dass Gott trotzdem nahe ist.

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