Jeremia 23, 1-8 Die bösen Pastoren

Jeremia greift hier die die Hirten des Volkes an. Sie haben ihre Herde vernachlässigt und werden dafür bestraft werden. Mit den Hirten sind wohl die damaligen politischen und religiösen Leiter des Volkes gemeint. Als Konsequenz dieses Versagens verheißt Gott einen gerechten König, der „Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Als Christen glauben wir, dass diese Verheißung sich in Jesus Christus erfüllt hat.

Bei diesem Text bin ich über die Bezeichnung „Hirten“ gestolpert und musste dabei an uns Pastoren denken. Pastor ist ja die lateinische Übersetzung von Hirte (die übrigens erst im 14. Jh. als Bezeichnung für den Geistlichen einer Gemeinde eingeführt wurde). Unser heutiges westeuropäisches Verständnis von Gemeinde ist ja ziemlich fixiert auf den Pastor. Dazu einige Gedanken:

Die Hirten im Text unterscheiden sich offensichtlich deutlich von dem, was wir uns heute unter Pastor vorstellen. Vor allem an der Verheißung wird deutlich, dass Jeremia die Könige angreift. Die Könige waren damals im Idealfall (so wie bei David) die geistlichen und politischen Führer des Landes. Sie haben die Macht und die Verantwortung in jeglicher Hinsicht für ihre Herde (ihr Volk) zu sorgen. Das kann man nicht einfach mit einem Pastor heute gleichsetzen.

Gott verheißt nicht viele andere Pastoren, welche diese Aufgabe besser machen sollen, sondern er verheißt den einen Hirten, der sich um die Herde kümmert. Jesus sagt von sich: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh. 10,11). Ist das eigentlich okay, wenn wir heute den Leiter einer Gemeinde als „Pastor“ bezeichnen? Ist das nicht eine Anmaßung bzw. eine Überforderung?

Als Pastor sehe ich unser heutiges Pastorenbild durchaus kritisch. Wir Pastoren sollen eine eierlegende Wollmilchsau sein. Unsere Aufgaben sind vielfältig: Wir sollen gute Lehrer und Pädagogen sein (und zwar für Personen jeglichen Alters), wir sollen gute Redner und Prediger sein, wir sollen einfühlsame Seelsorger sein, die sich um jedes einzelne Schaf genau nach dessen Bedürfnissen kümmern und die jedem verlorenen Schaf nachgehen, wir sollen gute Manager und Leiter sein, wir sollen gute Gremienarbeit leisten und Sitzungen souverän leiten, wir sollen von Verwaltung und Büroorganisation eine Ahnung haben, wir sollen unsere Gemeinde in ansprechender Weise nach außen repräsentieren, wir sollen uns nach Möglichkeit um hausmeisterliche Tätigkeiten kümmern, wir sollen uns in Finanzangelegenheiten und Baussachen auskennen, und es wäre natürlich toll, wenn der Pastor auch im Chor mitsingt oder sich sonst irgendwie mit seinen musikalischen Gaben einbringt,… und bei all dem sollen wir uns genügend Zeit für unsere eigene Spiritualität nehmen und mitreißende Visionen für eine zukunftsfähige Gemeinde entwickeln.

Das hört sich jetzt sehr zynisch und gefrustet an – so ist es aber gar nicht gemeint. Denn diese Vielfältigkeit ist ja auch etwas Schönes. Aber manchmal frage ich mich: Was ist eigentlich meine Hauptaufgabe als Pastor? Und was macht eine Gemeinde mit den Bereichen, wo ihr Pastor nicht so perfekt ist? Überhaupt: Wie sieht es beim Priestertum aller Gläubigen mit der gegenseitigen Verantwortung aus? Hat hier nur der Pastor für die Gemeinde zu sorgen, oder ist das auch anders herum nötig? Was bedeutet es Hirte zu sein und ist das überhaupt die passende Bezeichnung?
Bibeltext

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13 Gedanken zu „Jeremia 23, 1-8 Die bösen Pastoren“

  1. Gute Fragen Jochen!

    Denke diese Schieflage und die Überforderung entsteht u.a. dadurch, dass wir einen Pastor aus dem Kreis der Ältesten herausgehoben haben, denn sie sind alle Pastoren! Die Auf-Gaben, die du genannt hast sind nicht für eine Person vorgesehen. Wer ein guter Lehrer ist, braucht noch lange kein guter Seelsorger sein und wer Organisationstalent hat muss noch lange kein Visionär sein…

    daher werden die Ältesten einer Gemeinde auch immer in der Mehrzahl genannt. Der Pastor im Singular ist immer Jesus.

    Wenn wir da zum bibl. Plan zurückkehren würden wäre allen geholfen.

    Deinen zweiten Punkt halte ich für mind. genauso wichtig: Die Ältesten stehen nicht „über der Ggemeinde“, sondern sind fähige Männer „aus ihrer Mitte“ und dort sollten sie auch bleiben! Die Briefe der Apostel sind fast ausnahmslos an die gesamten Gemeinden gesrichtet und nicht an die Ältesten – diese sollen die Gemeinde in die ganze Fülle leiten und keine religiöse Unterhaltungsshow für Zuschauer abliefern – d.h. dass alle in die Ausübung ihrer preisterlichen Gabe kommen.

    Bei der Vorstellung wird einem Visionär doch ganz warm um´s Herz – oder?… 😉

    LG + Segen

  2. Pastoren sind nach meinem Gemeindeverständnis bestenfalls aufgrund ihrer zeitlichen Freistellung innerhalb der Leitung primus inter pares und die Ältesten dienen der Gemeinde. Diese darf und soll mündig und gabenorientiert die Gemeinde bilden (die ja kein Gebäude ist…) – davon sind die Leiter nicht ausgeschlossen. Ich kenne meine Gaben und Grenzen und das ist ok so. Wenn ich mich an dieser Stelle verbiege, brenne ich nicht nur aus, ich widerspreche (bzw. widerlebe..;-) auch Gottes Willen. Ich will Gott mehr gehorchen als den Menschen. zugegeben – diese Denke ist im Volkskirchlichen Kontext, wo hohe Erwartungen an die Amtsträger und ein weniger stark ausgeprägtes „Laienapostolat (das Wort ist schon theologisch falsch und verräterisch, denn es gibt keine Laien – nur Priester)“ existieren, schwer zu leben… Segen dir bei der weiteren Gesundung!

  3. Hallo Bento und Christof,
    danke für Eure Beiträge und die Segenswünsche. Ich seh das auch so ähnlich wie ihr: Priestertum aller Gläubigen und Gemeindeleitung durch die (der Gemeinde dienenden) Ältesten.
    Allerdings sieht die Realität oft anders aus (nicht nur in der Volkskirche, so manche freikirchlichen Gemeinden sind noch viel mehr auf die Person ihres Pastors fixiert…) und von der Wortbedeutung her dürften wir uns dann eigentlich nicht mehr Pastoren nennen.

    1. Ja, weiter trotz der unvollkommenen Kirche(n) fröhlich an Gott glauben…
      ODER: Eine neue, unabhängige Gemeinde gründen, die endlich die biblischen Grundsätze eins zu eins umsetzt und endlich das schafft, was seit 2000 Jahren keine Gemeinde geschafft hat… und dann nach fünf Jahren feststellen, dass doch nicht alles so perfekt ist… und dann am besten wieder eine neue Gemeinde gründen, die diesmal alles besser macht… 😉
      ODER: Sich ganz von allen christlichen Gemeinschaften zurückziehen, ein individualistisches und einsames Christsein leben und andere für ihre Fehler kritisieren… 😉

      1. Na ja, trotz Kirche an Gott zu glauben, ist ein bißchen wenig; ihm zu glauben, ist sicher eher zielführend. Damit meine ich: Wenn Gott ein Konzept vorlegt und wir ein Konzept haben und beide nicht so ganz kompatibel sind, dann ruhig auch einmal die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß Gott das besser beurteilen kann als wir, also: Ihm glauben.
        Was die Alternativen angeht: Kannst Du Dir außer dem gründen weiterer Denominationen und dem »einsamen Christsein« gar nichts anderes vorstellen? Die ersten Christen haben weder das eine noch das andere getan.

        1. Gegenfrage: Was ist denn Deine Alternative? Kritisieren ist immer leicht, eine positive, auf Dauer lebbare Alternative aufzuzeigen, ist schon schwieriger…

          1. Die praktischen Folgen sind auch erst dar zweite Schritt. Zuerst steht wirklich der Entschluß, Gott mehr zu glauben als der Kirchengeschichte und den Fakten, die diese geschaffen hat.
            Dann kommt der Entschluß, loszugehen und zuerst einmal alles zurückzulassen, was nicht schriftgemäß ist, auch dann, wenn vielleicht keine fertige Alternative dasteht. Es gibt da auch keine allgemeingültige Vorgehensweise, die für alle gleich ist. Aber für alle gleich ist die Feststellung, daß wir nicht nach unseren eigenen Vorstellungen Gemeinde bauen dürfen.
            Sicher werden sich die meisten erst einmal mit wenigen Mitstreitern in ihren Häusern versammeln und sehen, was Gott weiter tut. Aber wenn man bei einer Kirche in Lohn und Brot steht, ist das sicherlich brutal schwer. Es gibt aber doch Beispiele von einigen, die es geschafft haben.

  4. Das klingt für mich sehr nach „Der Schrei der Wildgänse“ von Jacobsen und Coleman… Mein Weg ist das nicht. Ich weiß mich von Gott an diese Stelle berufen, an der ich stehe. Das war nicht meine eigene Idee, sondern Gottes Wille für mich und ich habe Gott gehorcht.
    Übrigens glaube auch ich Gott mehr als der Kirchengeschichte und den Fakten, die diese geschaffen hat. Aber meine Konsequenz ist nicht, dass ich so tue als ob es 2000 Jahre Kirchengeschichte nicht gegeben hätte. Jede christliche Gemeinschaft braucht Strukturen und auch Leute, die Leitungsverantwortung übernehmen, das ist schon bei dem kleinsten Hauskreis so.
    Natürlich ist es gut, wenn wir diese Strukturen immer wieder von Gott her hinterfragen und korrigieren lassen – gerade darum ging es mir ja im ursprünglichen Artikel. Aber ich glaube nicht, dass die Strukturen meiner Kirche und Gemeinde so völlig daneben sind, dass wir das alles über Bord werfen müssten. Viel wichtiger als Strukturen zu kritisieren ist, diese Strukturen mit echtem geistlichen Leben zu füllen. Das ist das Hauptproblem vieler etablierter Kirchen und Gemeinden!

    1. Ich weiß mich von Gott an diese Stelle berufen, an der ich stehe. Das war nicht meine eigene Idee, sondern Gottes Wille für mich …

      Tja, was will man da noch argumentieren, wenn »Gott an diese Stelle berufen« hat? Da würde man ja quasi Gott widersprechen.
      Es sieht halt für den Bibelleser nur seltsam aus, daß Gott in Positionen hineinberufen sollte, die es gemäß Schrift in dieser Art gar nicht geben dürfte.

      Jede christliche Gemeinschaft braucht Strukturen und auch Leute, die Leitungsverantwortung übernehmen, das ist schon bei dem kleinsten Hauskreis so.

      Das ist unstrittig, aber keine Rechtfertigung für die kirchliche Ausprägung von Struktur und Leitungsverantwortung.

      Viel wichtiger als Strukturen zu kritisieren ist, diese Strukturen mit echtem geistlichen Leben zu füllen.

      Gibt es dafür eine Verheißung oder ist das menschliches Wunschdenken? Sieh Dir doch in diesem Zusammenhang noch mal Mt. 9, 16f an und auch Joh. 3, 6.

      1. Tja, was will man da noch argumentieren, wenn einem als Pastor per se unterstellt wird, der Kirchengeschichte mehr zu glauben als Gott? Oder wenn Du meine Berufung zum Pastor als prinzipiell unbiblisch siehst?
        Ich denke die Argumente sind ausgetauscht und es ist deutlich, dass wir hier unterschiedlicher Meinung sind. Du wirst mich von Deinen extrem kirchenkritischen Ansichten nicht überzeugen können und ich Dich von meinen gemäßigt kirchenkritischen Ansichten auch nicht…
        Liebe Grüße und Gottes Segen!

        1. … wenn einem als Pastor per se unterstellt wird, der Kirchengeschichte mehr zu glauben als Gott?

          Glauben im biblischen Sinne ist ja nicht ein theoretisches Fürwahrhalten, sondern treues Festhalten. Deshalb ist die Annahme erst einmal naheliegend, daß Du de facto in dieser Frage (mehr) an die Kirchengeschichte glaubst, da Du eine Position einnimmst, die eben aus der Kirchengeschichte heraus entstanden ist und nicht aus dem Wort.

          Du wirst mich von Deinen extrem kirchenkritischen Ansichten nicht überzeugen können …

          Den Versuch war es wert. Manchmal geht eine Saat ja auch später auf.

  5. hmm, warum denn zurückziehen wenn´s interessant wird? 😉

    Habe just mal wieder einen Austausch mit „christl. Schwulen“ an der Backe – geht es denn wirklich um „unterschiedl. Meinungen“ oder geht es uns darum, den Willen Gottes zu erkennen und danach zu tun?

    Ich schätze mal, was die Schwulen betrifft, werden wir uns hier eher einig, weil wir nicht schwul sind und die Schwulen würden mir bei der Pastorenfrage wohl eher recht geben – wie kommt´s?…

    Wenn du ein Hirte bist lieber Jochen, ist daran doch gar nichts auszusetzten, denn die hat Gott unstrittig in der Gemeinde gesetzt. Die Frage ist doch, was bedeutet das genau und wie weit hat uns die Entwicklung da vom Wort und Willen Gottes entfernt. Es ist ja nunmal nicht zu unserem Schaden, wenn wir (in Bezug auf was auch immer) wieder zu Seinem Willen zurückkehren.

    Zu der Frage nach der möglichen „Alternative“, geht es aber wohl nur darum, dass wir mit Blick auf Ihn und im Vertrauen auf Sein Wort erstmal aus dem Boot steigen, wir werden sonst nie erleben, wie tragfähig Sein Wort wirklich ist!

    Tatsächlich herrscht ein riesen Mangel an geistl. Leben – schätze darin sind wir uns soweit einig und wir alle suchen nach Möglichkeiten, dem Mangel abzuhelfen.
    Bringt es aber was, wenn wir den Entwicklungen Rechnung tragen und z.B. schwule Paare kirchlichen Segen erteilen? KANN Gott das denn segnen?

    Wir bitten Gott, dass Er segnet, was wir tun – Er aber bittet uns, dass wir das tun, was Er segnet!

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