Jeremia 20 Biblischer Realismus

Ähnlich wie in Jer. 15,10-21 wird in diesem Kapitel das Leiden und die Verzweiflung des Jeremia deutlich. Er leidet an seiner schweren Aufgabe, er leidet darunter, dass er Gericht ankündigt, dass keiner ihn hören will und dass Gott das, was Jeremia immer wieder androht, scheinbar nicht vollzieht. Er leidet körperliche Schmerzen, die ihm andere zufügen, aber viel schlimmer sind die psychischen Schmerzen: Er wird wie ein Ausgestoßener und Volksfeind behandelt. Er ist so verzweifelt, dass er sich wünscht, nie geboren worden zu sein, dass er den Tag seiner Geburt verflucht.

Nun gibt es in der Bibel genügend Aussagen, die uns zur Freude, Dankbarkeit, Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen in Gott auffordern. Es gibt genügend Verheißungen in dieser Art: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes. 40,1) Und es gibt genügend Christen, die anderen in Notzeiten mit einem seligen Lächeln im Gesicht sagen: „Freue dich in dem Herrn allezeit und sei dankbar für alles!“

Das ist ja alles gut und richtig. Aber selbst bei einem solch großen Propheten wie Jeremia, der ein Leben voller Hingabe an Gott und voller Hingabe an seinen Auftrag lebt, gibt es Situationen, in denen auch ihm das Vertrauen und die Hoffnung schwindet.

Mir tut es gut, dass die Bibel hier nicht verschämt schweigt über diese dunkle Stunde des Jeremia. Ich erlebe es zur Zeit nicht so. Ich weiß mich getragen, bin voller Hoffnung und Vertrauen auf Gott. Aber diese Stelle zeigt mir, dass dieses Vertrauen ein großes Geschenk ist. Ich weiß: Es kann auch anders kommen. Es können auch bei mir Zeiten der Verzweiflung und Dunkelheit kommen.

Aber Jeremia macht mir auch deutlich: Selbst da lässt Gott nicht los. Selbst da fängt Gott einen auf – auch wenn wir das nicht merken. Wichtig ist bei Jeremia, dass er sich in seiner Verzweiflung nicht von Gott abwendet, sondern dass er weiß: er darf mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen, er muss vor Gott nicht so tun als ob alles in Ordnung wäre, als ob er voller Freude und Zuversicht sei. Er darf ganz realistisch und nüchtern mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen.
Bibeltext

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