Jeremia 12, 1-6 Getragen in den Fragen

Das finde ich tröstlich am Jeremiabuch: Jeremia ist nicht der abgehobene Glaubensheld, der all das Schwere geduldig und gelassen erträgt, sondern er ist ein ganz normaler angefochtener Mensch, der zweifelt, fragt und kämpft. In diesen Versen wird das deutlich. Jeremia ist es selbst klar, dass es keinen Sinn macht, mit Gott rechten zu wollen; er weiß, dass Gott Recht behält (V.1). Und trotzdem kann er nicht anders, als seine Fragen zu stellen. Er versteht Gott und sein Handeln einfach nicht: „Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle?“ (V.1)

Das ist ja aber auch schwer zu verstehen. Jeremia setzt sein Leben auf’s Spiel, um Gott zu dienen und es geht ihm dreckig dabei. Die Gottlosen dagegen, die er seit Jahrzehnten zur Umkehr ruft, haben scheinbar keine Sorgen und es geht ihnen gut. Was soll das? Wo bleibt da die Gerechtigkeit Gottes? Die Antwort Gottes darauf ist auch nicht unbedingt tröstlich: „Wenn es dich müde macht, mit Fußgängern zu gehen, wie wird es dir gehen, wenn du mit Rossen laufen sollst?“ (V.5) Soll wohl heißen: Wenn dich die Situation jetzt schon fertig macht, wie soll das dann erst später werden – denn es kommt noch viel extremer!“ Armer Jeremia! Und doch hat Gott ihm immer wieder Kraft geschenkt, um das alles zu ertragen.

Diese Frage, warum es den Gottlosen so gut geht (und die implizite Frage, warum es manchen Gläubigen nicht so gut geht) ist ja bis heute aktuell. In meiner Situation könnte man auch fragen: Warum bekomme ich als Pastor, der Gott dienen möchte, einen Hirntumor und viele andere Leute, die nicht an Gott glauben, leben glücklich, zufrieden und gesund? Ich für mich selbst kann nur sagen, dass mich diese Warum-Frage im Moment gar nicht groß interessiert. Ich zerbrech‘ mir darüber nicht den Kopf. Es ist einfach so und ich werde auf die Frage nach dem Warum keine Antwort bekommen (auch Jeremia hat darauf keine wirkliche Antwort bekommen). Was ich aber erlebe und was wichtig ist: Gott ist da und er hält mich. Ich wüsste nicht, wie ich ohne Gott und ohne die vielen lieben Menschen, die für mich beten, mit dieser Situation klar kommen sollte.
Bibeltext

Jeremia 12, 1-6 Getragen in den Fragen
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