Jacobsen und Coleman: Der Schrei der Wildgänse

von windhauch

Eines der Bücher, die ich im Urlaub gelesen habe war “Der Schrei der Wildgänse” von Jacobsen und Coleman. Es hat mich ziemlich beschäftigt (und beschäftigt mich immer noch). Es hat mich verärgert, provoziert, zum Nachdenken gebracht und es hatte vor allem eine Auswirkung: Es hat mich müde und resigniert gemacht.

In dem Buch legen die Autoren in Form der Geschichte eines christlichen Pastors ihre Kritik an institutionellen Kirchen dar. So wie die Hauptperson Jake sollen auch die Leser “aufbrechen zu einem freien Leben in Christus jenseits von Religion und Tradition” (so der Untertitel des Buches). Ein großen Teil des Buches nehmen die Dialoge zwischen Jake und einer geheimnisvollen Person mit dem Namen John ein. John taucht immer wieder spontan und unerwartet in Jakes Leben auf und redet mit ihm über den Glauben und seine Beziehung zu Jesus. Er hat solch eine besonderes Ausstrahlung und scheint ein solch persönliches Verhältnis zu Jesus zu haben, dass Jake am Anfang überlegt, ob dieser John nicht tatsächlich der Jünger Johannes (in der englischen Bibel als John übersetzt) ist, von dem an einer Stelle in der Bibel angedeutet wird, dass er nicht stirbt bevor Jesus wieder kommt.

John macht Jake immer wieder deutlich, dass es nicht auf die äußere Form des Glaubens und damit auch nicht auf eine bestimmte Gemeindetradition ankommt, sondern auf eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Er sagt, dass die Gefahr jeder institutioneller Kirche ist, dass man nur die äußere Form der Glaubens lebt und meint, das sei schon alles. Aber es kommt nicht auf die festgelegten und regelmäßigen Treffen von Christen an, sondern es kommt auf das Hören auf Jesus an und auf echte und tiefgreifende Beziehungen zu anderen Christen. Außerdem beklagt er, dass es in normalen Gemeinden oft mehr um Macht und Machterhalt geht, als wirklich um den Glauben.

An mehreren Stellen wird betont dass in normalen, institutionellen Gemeinden es prinzipiell nicht unmöglich ist wirklich Jesus nachzufolgen, dass diese Art der Gemeinschaft aber immer in der Gefahr steht, den eigentlichen Glauben zu formalisieren (Nach der Art: Geh jeden Sonntag in die Kirche, werde Mitarbeiter, gib der Kirche genügend Geld, … und dann ist alles okay). Wenn man wirklich ein Nachfolger Christi sein will, dann geht das nur wenn man sich vollständig, allein von Christus abhängig macht (und z.B. auch in Geldfragen nicht nach Sicherheit fragt, sondern danach, was Jesus will).

Grundsätzlich teile ich viele Kritikpunkte, die in dem Buch angeführt werden. Es ist tatsächlich so, dass in vielen Gemeinden der Glaube sich um Äußerlichkeiten dreht und wenige (ich einbegriffen) eine wirklich tiefgreifende Beziehung zu Jesus haben. Wir stecken wahnsinnig viel Energie in die Gemeinde hinein, allein um den ganzen Laden einigermaßen am Laufen zu halten. Wir brauchen so viel Kraft, Geld und Arbeit, um das Gemeindeleben aufrecht zu erhalten – und was erreichen wir mit all den Bemühungen? In den meisten Gemeinden gibt es immer wieder Streitigkeiten über Nichtigkeiten, es dreht sich vieles darum das Äußere in Form zu halten (sei es das Gebäude oder seien es die unzähligen Gemeindeveranstaltungen mit denen wir uns ein lebendiges Gemeindeleben vortäuschen) – aber wie wenig erreichen wir nüchtern betrachtet mit all diesen Anstrengungen? Werden die Menschen wirklich Christus ähnlicher? Wie viele Menschen erreichen wir wirklich mit dem Evangelium? Sind wir wirklich für die Armen und Ausgestoßenen da? Haben wir in den Gemeinden wirklich aufrichtige, tiefe, ermutigende Beziehungen untereinander?

Jacobsen und Coleman betonen, dass Kirche nicht ein Gebäude ist, dass es auch nicht eine Veranstaltung ist, sondern dass Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen ist. Kirche sind wir Christen in Beziehung zueinander. Dazu braucht es kein bestimmtes Gebäude, dazu braucht es keinen Hauptamtlichen, dazu braucht es keine bestimmte Gottesdienstform, dazu braucht es überhaupt keine regelmäßig festgelegten Treffen – dazu braucht es einfach nur Gemeinschaft und gemeinsames Hören auf Gott.

Als jemand, der mit “institutioneller Religion” sein Brot verdient, machen mir solche Gedanken natürlich Angst. Wenn ich das Buch ernst nehmen würde, müsste ich meinen Job aufgeben und auf andere Weise versuchen meinen Glauben zu leben. Aber abgesehen von den existentiellen Ängsten, die da aufkommen, habe ich auch meine Anfragen daran, ob solch eine Leben, wie es in dem Buch propagiert wird, überhaupt möglich ist.  Kann ich diese abslute Freiheit in Christus in dieser gefallenen Welt wirklich leben? Brauche ich nicht bestimmte Formen und Traditionen, um als fehlbarer Mensch einen Rahmen für mein Glaubensleben zu haben?

Es ist ja eine uralte Diskussion, die das Christentum von Anfang an begleitet hat: die Spannung zwischen Geist und Amt, die Spannung zwischen charismatischer Freiheit und einem durch Ämter organisiertem Gemeindeleben. Schon im Neuen Testament kann man ja beobachten, dass bestimmte Ämter und Aufgaben eingeführt werden, um das Zusammenleben in der Gemeinde zu organisieren. Schon im Neuen Testament fängt also diese “Institutionalisierung” der Kirche an. Schon Paulus hat ja bei den Korinthern so seine Probleme mit einer absolut freien Gottesdienstform, bei der alles drunter und drüber geht. Er versucht bestimmte Richtlinien aufzustellen, um die gemeinsamen Treffen zu ordnen.

Müde und resigniert macht mich das Buch, weil tatsächlich in vielen Gemeinden so vieles so schief läuft. Es wird mehr Energie in das christliche Drumherum gesteckt, als in das eigentliche Leben und Hören auf Jesus. Ich bin ja selbst viel zu oft von Gemeinde frustriert. Aber wirkliche Alternativen und Antworten finde ich in dem Buch nicht. Der Gegenentwurf bleibt mir zu utopisch und zu wenig greifbar. Kritisieren ist immer leicht (mach ich selbst ja gerade auch ;) ), aber es wirklich besser zu machen – das dürfte auch für Jacobsen und Coleman schwierig sein.

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