J.M.G. Le Clézio: Der Goldsucher

Auf der Buchrückseite steht etwas von „wilden Abenteuern“ – die wird man in dem Buch vergeblich suchen. Es ist kein wildes Buch, mit viel Action und wilden Kampfgeschehen. Und auch unter einem „Abenteuerroman“ stellt man sich etwas anderes vor. Es ist ein ruhiges, gemächliches Buch mit vielen genauen und ausufernden Naturbeschreibungen. Es geschieht rein äußerlich gesehen, seitenweise gar nicht viel. Und es geht letztendlich auch gar nicht um eine Suche nach richtigem „Gold“.

Erzählt wird die Geschichte von Alexis. Er wächst auf der Insel Mauritius auf und träumt nach dem frühen Tod seines Vaters davon, einen legendären Piratenschatz zu finden, den sein Vater auf einer Insel im indischen Ozean vermutete. Es wird seine Familiengeschichte beschrieben, seine Reise zu der Insel, seine Suche nach dem Schatz (den er letztendlich nicht findet), seine Liebe zu einer schönen Eingeborenen (die letztendlich auch keine Erfüllung findet) und eine etwas deplatziert wirkende Zwischenepisode als Soldat im ersten Weltkrieg.

Es geht Le Clézio nicht um das Abenteuer oder das Gold, es geht nicht um einen spannenden und fesselnden Abenteuerroman, sondern es geht um die Suche (nach sich selbst, nach Erfüllung, nach der Verwirklichung seiner Träume oder dem Enttarnen seiner Träume…). Es geht ihm um die Auseinandersetzung zwischen europäischer Zivilisation und ursprünglicher Naturverbundenheit. Immer wieder klingt das Motiv des „edlen Wilden“ an, der den wahren Wert und Sinn des Lebens viel besser erkannt hat, als der auf Macht und Reichtum fixierte Europäer. Letztendlich ist die Geschichte des Helden eine Entwicklungsgeschichte, in der er lernt, dass der Goldschatz gar nicht so wichtig ist.

Was findet er am Ende? Eigentlich nur das, was er schon von Kindheit an gehört hat und was sein Herz höher schlagen ließ: Das Rauschen des Meeres.

Kein Buch von dem ich ganz unmittelbar begeistert und gefesselt bin. Es hat seine Längen, man muss sich durchkämpfen, der Schreibstil ist teilweise etwas ausufernd und kompliziert. Aber trotzdem hat der Stil und auch die Geschichte eine gewisse Magie, die einen bezaubert, die einen hinein nimmt in eine fremde Welt. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvolleres liest und es dabei schätzt, dass trotzdem noch einen Geschichte erzählt wird (wenn auch auf etwas schleppende Weise) und der sich auch von manchmal etwas langen Natur- und Seefahrerbeschreibungen abschrecken lässt, für den ist es das richtige Buch.

Ich hab es nach dem Lesen erst einmal etwas unzufrieden (auch über den Schluss) aus der Hand gelegt. Aber nachdem sich das Buch gesetzt hat und ich ein bisschen darüber nachgedacht habe, finde ich den Roman gar nicht so schlecht: er hat seinen Zauber, seinen Reiz, er regt zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte an.

Zitate:

„Bedürfen sie [die Seevögel] des Goldes, der Reichtümer? Ihnen genügen der Wind, der Morgenhimmel, das Meer, das von Fischen strotzt, und die Felsen, die aus ihm emporragen, ihrem einzigen Schutz vor den Unwettern.“ (S.221)

„Das Gold ist nichts wert, man muß keine Angst vor ihm haben, es ist wie die Skorpione, die nur den stechen, der Angst hat.“ (S.273)

„Mir scheint, mit dem Tod meines Vaters habe ich begonnen, rückwärts zu schreiten, einem Vergessen entgegen, das ich nicht akzeptieren kann, das mich für immer von dem entfernt, was meine Kraft war, meine Jugend. Die Schätze sind unerreichbar, unwirklich. Sie sind das ‚Narrengold‘, das die schwarzen Goldsucher mir bei meiner Ankunft in Port Mathurin gezeigt haben.“ (S.365)

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