J.M. Coetzee: Zeitlupe

Seltsames Buch! Und abermals sage ich: seltsames Buch. Bis Seite 91 ein sehr gutes Buch über einen sechzigjährigen Mann, der durch einen Unfall eines seiner Beine verliert. Nach diesem Unfall verläuft sein Leben und auch er selbst nur noch in Zeitlupe. Wunderbare, einfühlsame, präzise Sprache. Interessante Hauptfigur, ein Mensch, der in einer tiefen Krise sein Leben neu überdenken und finden muss.

Aber dann taucht auf Seite 92 plötzlich eine mysteriöse Frau auf, die bisher gar nichts mit der Geschichte zu tun hatte und bringt die Hauptfigur völlig durcheinander, ja, sie scheint auf geheimnisvolle Weise die Geschichte mitzuschreiben. Bis zum Ende wird nicht genau geklärt, wer diese Frau eigentlich ist.

Wenn ich den Autor richtig verstanden und gedeutet habe, dann ist diese Frau so etwas wie das alter ego des Romanschreibers selbst. Sie ist auf Gedeih und Verderb mit der Hauptfigur verbunden und will ihn nicht einfach fallen lassen, weil er nicht so interessant und handlungsfreudig ist, wie sie sich das gerne wünscht. Die Frau versucht an verschiedenen Stellen den Romanhelden zu beeinflussen, merkt dann aber, dass er seinen eigenen Willen hat und sie ihn zu nichts zwingen kann. Sie kann ihn nur immer wieder auf manchmal ziemlich penetrante und nervige Weise zum Handeln antreiben oder sich von ihm seine Vorgeschichte (sein Leben vor dem Unfall) erzählen lassen.

Eine raffinierte Konstruktion. Spannend zu beobachten, wie hier der Autor mit seiner von ihm geschaffenen Romanfigur ringt. Aber man fühlt sich als Leser auch irgendwie unwohl und hinters Licht geführt, weil nie so richtig deutlich wird, wer diese Frau ist. Mir selbst hätte als Leser durchaus die ursprüngliche Geschichte – nämlich wie ein älterer, einsamer Mann mit solch einem Schicksalsschlag umgeht – gereicht. Diese zweite Ebene, die Coetzee in den Roman einbaut hat mich eher verwirrt und gestört. Naja, trotzdem ein gutes Buch und spannend zu lesen. In der Auseinandersetzung mit der geheimnisvollen Frau werden auch manche Gedanken und Charakterzüge der Hauptfigur aufgedeckt, die sonst nicht so leicht zu beschreiben gewesen wären.

Das Buch regt immer wieder zum Nachdenken an: Was bleibt von meinem Leben? Wie wichtig ist Familie? Was ist belastend, was ist schön an Familie? Was ist Liebe – Zuneigung, Erotik, für andere da sein, für andere sorgen, etwas, das man lernen muss oder etwas, das einen trifft wie eine Blitz,…?

Zitate:

„‚Etwas hat Sie gepackt, nicht wahr?‘, sagte sie. ‚Eine Eigenschaft an ihr zieht Sie an. Wie ich sehe, ist diese Eigenschaft ihre Lebensprallheit, die Prallheit reifer Früchte. Lassen Sie mich andeuten, warum Marijana diesen Eindruck macht – auf Sie und auch auf andere Männer. Sie ist lebensprall, weil sie geliebt wird, so geliebt, wie man man es in dieser Welt nur erwarten kann. […] Der Grund, warum auch die Kinder einen solchen Eindruck auf Sie machen, der Junge und das kleine Mädchen, ist der, dass sie mit Liebe überschüttet aufgewachsen sind. Sie sind in der Welt zu Hause . Sie ist für sie ein guter Ort.'“ (S.100f)

„Ich bin nicht verwirrt. Vielleicht bin ich labil, aber labil zu sein ist keine Schwäche. Wir sollten alle labiler sein, wir alle. […] Wir sollten uns häufiger selbst aufrütteln. Wir sollten uns auch zusammenreißen und in den Spiegel schauen, auch wenn uns nicht gefällt, was wir dort sehen. Ich meine nicht die Spuren der Zeit. Ich meine die hinter dem Spiegel gefangene Kreatur, deren starrem Blick wir normalerweise sorgsam ausweichen.“ (S.239)

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