Ian McEwan: Am Strand

Ein traurig-melancholisches Buch über das Scheitern einer Liebe. Edward und Florence sind ein Herz und eine Seele, sie verstehen sich prächtig und sie lieben sich von Herzen. Sie haben nur ein Problem: Sie leben in den prüden 60ern. Über Sex wird nicht gesprochen und jeder hat so seine geheimnisvollen Vorstellungen und Vermutungen, wie das denn nun funktioniert.
Florence kann mit der körperlichen Liebe gar nicht viel anfangen, aber sie findet keine Worte, um ihre Ängste Edward deutlich zu machen. Edward sehnt sich nach Sex, respektiert aber die Zurückhaltung seiner großen Liebe. In der Hochzeitsnacht kommt es dann aber unweigerlich zum großen Showdown und zur großen Katastrophe…
Wie in vielen anderen Büchern zeigt McEwan auch in diesem sein großes erzählerisches Können. Im richtigen Tempo und mit genauen Beobachtungen beschreibt er das Gefühlschaos dieser zwei Menschen. Sehr eindringlich arbeitet er das Gefangensein in die Konventionen der damaligen Zeit heraus.
Aber es geht um mehr als um die prüde Verklemmtheit der 60er. Es geht auch um das erschrockene Staunen darüber, wie ein einziges Ereignis das Leben zweier Menschen grundlegend verändern kann. Wenn sie nur ein klein wenig offener für den anderen gewesen wären, wenn sie nur ein klein wenig mehr Verständnis für den anderen gehabt hätten, wäre alles ganz anders gekommen.
Ich fand es ein sehr interessantes und spannendes kleines Buch. Und ich weiß auch nicht, ob sich wirklich so wahnsinnig viel geändert hat seit den 60ern. Wir werden heute zwar ständig mit Sex bombardiert und jeder redet darüber. Es scheint kaum noch Tabus zu geben. Aber dafür gibt es heute andere Erwartungen und andere Konventionen. Wie ist das, wenn der Sex nicht so romantisch-elegant abläuft wie in den Hollywoodfilmen? Wie ist das wenn es nicht so gekonnt-lässig abläuft wie in so manchen Schmuddelfilmen? Auch heute noch ist es nicht leicht, wirklich ehrlich über seine Ängste und Enttäuschungen zu reden.
Insofern ist das Buch – unabhängig von der Zeit in der wir leben – ein Plädoyer für einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Es ist auch eine Ermutigung, die Chance zur Vergebung und Versöhnung nicht leichtfertig verstreichen zu lassen. Es kann sein, dass es schon kurz darauf zu spät ist und unser Leben dadurch einen anderen Gang nimmt.

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