Ian McEwan: Abbitte

Ach, immer wieder schön, ein gutes Buch zu lesen, einzutauchen in eine fremde Welt, mit Romanfiguren langsam vertraut zu werden und gespannt ihr Schicksal zu verfolgen. Das gelingt ja nicht immer – hab schon manches Buch wieder beiseite gelegt oder nur mit Mühe zu Ende gelesen, weil es mich irgendwie nicht erreichte. Das Buch Abbitte von Ian McEwan hab ich dagegen in wenigen Tagen verschlungen. Eine richtig gute und dramatische Geschichte, in der es um große Gefühle und bewegende Schicksale geht. Und dazu auch noch ausgezeichnet geschrieben. Das nenn ich mal ein gutes Buch!

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil geht um die Ereignisse eines Familientreffens in einem herrschaftlichen Haus in England kurz vor dem 2. Weltkrieg. Durch die Falschaussage von Briony Tallis wird der frischgebackene Liebhaber ihrer älteren Schwester eines Verbrechens verdächtigt. Auf gekonnte Weise nimmt McEwan seine Leser mit hinein in die Gedankenwelt der verschiedenen Romanfiguren und ihre Erlebnisse an diesem schwülen Sommertag.

Der zweite Teil spielt vor einem völlig anderen Hintergrund: Kein beschaulicher Sommertag in England, sondern brutale und dunkle Kriegsrealität der britischen Armee auf der Flucht vor der deutschen Invasion in Frankreich. Um seine Haftstrafe zu verkürzen, hat sich der falsch Verdächtigte zum Kriegsdienst gemeldet und alleine die Gewissheit, dass seine Geliebte auf ihn wartet, gibt ihm die Kraft das Leid des Krieges durchzustehen.

Die inzwischen größer gewordene Briony erlebt die Brutalität des Krieges an der Heimatfront: Sie macht eine Ausbildung zur Krankenschwester und versorgt die schwer verwundeten Soldaten. Langsam aber sicher wird ihr deutlich, welchen Schaden sie durch ihre falsche Aussage angerichtet hat. Auf ihre Weise versucht sie dafür Abbitte zu tun. Ganz am Ende kommt es für den Leser noch zu einer schriftstellerisch raffinierten Überraschung…

Auf gekonnte und beängstigend klare Weise arbeitet McEwan heraus, wie eine einzige falsche Tat das Leben von verschiedenen Personen zerstören kann. Selbst als Briony ihren Fehler einsieht merkt sie, dass sie zwar um Verzeihung bitten kann, dass sie aber ihren Fehler nicht rückgängig machen kann.

Ähnlich ist es ja auch mit unserer Schuld vor Gott: Gott kann uns die Schuld für unsere Fehler vergeben, er kann uns von der Schuld freisprechen, er legt die Strafe für unsere Schuld auf die Schultern seines Sohnes am Kreuz. Aber auch Gott macht die Folgen unserer Fehler nicht nicht einfach rückgängig, diese bleiben bestehen und wir müssen damit leben. Erst in der Ewigkeit werden auch diese Wunden einmal geheilt werden.

Gestern hab ich mir dann noch die Verfilmung des Buches angesehen, die vor ein paar Jahren gedreht wurde. Ich muss sagen: Ich war positiv überrascht. Literaturverfilmungen sind ja nicht immer das Gelbe vom Ei. Dieser Film blieb erstaunlich nahe an der Geschichte und hat auch die Stimmung des Buches sehr gut getroffen. Gefallen hat mir vor allem die zurückhaltende Art, mit der die Verwicklungen und Gefühle der Hauptpersonen dargestellt wurde. Sehr zu empfehlen – vor allem, wenn man vorher das Buch gelesen hat.

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.