Hesekiel 36, 1-15 Rosarot?

Mhmm… so wie mir manche Gerichtsankündigungen etwas übertrieben vorkommen, so kommt mir jetzt auch diese Verheißung der Rückkehr etwas übertrieben vor. Da malt Hesekiel doch sehr rosarote Bilder vor Augen: „Aber ihr Berge Israels sollt wieder grünen und eure Frucht bringen meinem Volk Israel, denn bald sollen sie heimkehren“ (V.8), ich „will euch mehr Gutes tun als je zuvor“ (V.11). Die Wirklichkeit sieht grauer und nüchterner aus.

Die Israeliten konnten tatsächlich wieder zurück kehren. Aber nicht bald sondern erst Jahrzehnte später: 528 v. Chr. wurde das Kyrosedikt erlassen, das den Juden die Rückkehr ermöglichte – 60 Jahre nach der ersten Deportation 598 v. Chr. und ca. 50 Jahre nach der zweiten Deportation 587 v. Chr. Rein rechnerisch starb der Großteil der Deportierten im Exil. Und es war dann auch keine triumphale Rückkehr in ein blühendes Land. Der Wiederaufbau zog sich nur langsam, schleppend und unter großen Widerständen hin: erst 515 v. Chr. war der Tempel wieder aufgebaut und konnte eingeweiht werden. Ein unabhängiges Königreich Israel gab es danach nie wieder. Das sieht nicht so aus, als ob Gott seinem Volk mehr Gutes als je zuvor getan hat!

Alles nur rhetorische Überreibung? Oder brauchen wir Menschen solche visionären Zukunftsbilder, um die Hoffnung nicht ganz zu verlieren? Sind wir Menschen selbst schuld, dass sich die tollen Verheißungen nicht so umfassend erfüllen, weil wir ständig ungehorsam sind? Ich tue mich auf jeden Fall schwer, wenn auch heute großartige Zukunftsvisionen und Verheißungen für Gemeinde und Kirche im Umlauf sind und wir alle irgendwann merken, dass sich das nicht so erfüllt, wie wir das erhofft haben. Geht es nicht auch eine Nummer kleiner und realistischer? Oder ist es dann schon kein Glaube mehr? Produzieren solch übertrieben rosaroten Erwartungen nicht nur noch mehr Frust und Enttäuschung? Oder sind sie unabdingbar, um nicht dich Hoffnung zu verlieren?

| Bibeltext |

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