Hermann Hesse: Siddhartha

Siddhartha ist für mich persönlich ein wichtiges Buch. Das erste mal habe ich es als Jugendlicher gelesen und damals war es eine wichtige Stufe auf meinem persönlichen Lebensweg. Wie so viele Jugendliche war ich auf der Suche – auf der Suche nach Halt, nach Sinn, nach Leben. Hesses Buch hat mich deswegen so bewegt, weil man in diesem Buch spürt, dass auch der Autor auf der Suche ist und er sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt.

Der Roman beschreibt die fiktive Lebensgeschichte des indischen Brahmanen Siddhartha. Er verlässt seine Heimat, um göttlichen Frieden zu finden. Zunächst geht er den typisch östlichen Weg der Weltverneinung. Er meditiert, wandert und fastet, um so frei zu werden von den Bindungen an die materielle Welt und auch vom eigenen Ich. Er will aufgehen im göttlichen Geist, der alles durchdringt. Dabei begegnet er auch Buddha. Dieser strahlt den tiefen Frieden eines Heiligen aus. Aber Siddhartha merkt instinktiv, dass er diesen Frieden nicht finden kann, wenn er den Lehren des Buddhas folgt. Diesen Frieden kann er nicht erlernen, sondern nur durch selbst erfahren.

Im zweiten Teil des Buches sucht Siddhartha die Erfüllung auf einem anderen Wege. Er merkt, dass das Göttliche nicht verborgen hinter den Dingen dieser Welt zu finden ist, sondern nur in den Dingen dieser Welt. Zum Wesen allen Lebens dringt man nicht durch Weltverneinung und Weltverleugnung durch, sondern nur indem man sich der Welt öffnet. Und so geht Siddhartha in die Stadt, wird ein reicher Kaufmann, lernt die Künste der erotischen Liebe kennen und geht mehr und mehr in weltlichen Genüssen auf.

Aber auch hier merkt er irgendwann verzweifelt, dass er zum Eigentlichen nicht durchdringt. Aller weltlicher Genuss kann seinen Hunger nicht stillen – im Gegenteil: Siddhartha ekelt sich vor sich selbst und vor dem Leben. So will er sich schließlich das Leben nehmen, aber es wird ihm im letzten Augenblick die Erkenntnis geschenkt, wie töricht es ist, wenn er versucht Frieden zu finden, indem er seinen Leib auslöscht.

Siddhartha bleibt nun als Nachfolger des alten und lebensweisen Fährmanns Vasudeva an einem Fluss und führt ein einfaches und bescheidenes Leben. Er findet keine Vollendung, aber er findet so etwas wie Frieden inmitten der Gebrochenheit unserer Welt. Er lernt langsam von Vasudeva und der göttlichen Stimme, die durch den Fluss zu ihm spricht, sich mit sich selbst und seinem Leben auszusöhnen. Am Ende leuchtet auf seinem Gesicht dasselbe Lächeln, das auch auf Buddhas Gesicht zu sehen war.

Hesse bezeichnet seinen Roman als eine „indische Dichtung“. Er schreibt in einem einfachen und doch altertümlich-legendenhaft klingendem Stil. Das macht deutlich, dass er kein Einzelschicksal darstellen will, sondern eine Beispielgeschichte erzählt für einen Menschen, der auf der Suche ist. Diese Lebensgeschichte spielt in Indien, aber vom Prinzip her könnte sie auch in einer anderen Kultur spielen. Zu jeder Zeit und in jeder Kultur sind Menschen auf der Suche nach Vollendung, nach dem Göttlichen, nach tiefem Frieden. Und jedem Menschen stellen sich dabei ähnliche Probleme wie Siddhartha: Wie finden wir das Ewige inmitten einer vergänglichen Welt und in einem sterblichen Leib? In der Philosophie- und Religionsgeschichte finden sich die unterschiedlichsten Antworten darauf. Plato sucht das Göttliche in der Welt der Ideen, die hinter der materiellen Welt liegen. Die Hedonisten suchen Erfüllung im irdischen Genuss. Beides sind Wege, die Siddhartha auch ausprobiert. Das besondere bei Siddhartha ist, dass er nach seinem jeweils verzweifelten Scheitern auf diesen Wegen beides nicht verwirft, sondern als notwendige Stationen auf seinem eigenen Weg anerkennt und integriert.

Was mir dieses mal beim Lesen besonders aufgefallen ist, ist die Betonung, dass Siddhartha seinen Weg nicht durch die Befolgung einer bestimmten Lehre findet, sondern nur durch eigene Erfahrung und eigenes Erleben. Das ist natürlich ein typisch westlicher Gedanke und spricht letztendlich für einen absoluten Individualismus. Das passt zum Individualisten und Einzelgänger Hermann Hesse. Aber es ist durchaus etwas Wahres dran: das Entscheidende können wir nicht durch Wissensvermittlung lernen, sondern nur existentiell erfahren. Wo Glaubenslehren abstrakte Normen bleiben, die durch Argumentation oder noch schlimmer durch Druck und Gewalt verteidigt werden müssen, da bleiben wir an der Oberfläche hängen.

Für mich ist dieses Buch kein Plädoyer für den Buddhismus, für mich ist es eine Ermutigung an den Leser auf der Suche nach dem Göttlichen zu bleiben. Frieden finden wir nicht indem wir bestimmte Lehren für wahr und richtig halten, sondern Frieden finden wir nur in der Begegnung mit dem Göttlichen. Für mich war als Jugendlicher Siddhartha eine Wegmarkierung auf meinem Weg zu Jesus Christus. Ich bin auch heute noch überzeugt, dass wir in ihm dem Göttlichen begegnen und näher kommen können. Beim jetzigen Lesen hat mich das Buch ermutigt auch als Christ auf der Suche zu bleiben und nicht zu meinen, ich hätte schon alles gefunden.

Eindrücklich fand ich auch die Figur des alten Färhmanns Vasudeva. Er ist nicht gebildet und doch ein wahrhaft Weiser. Er hilft Siddhartha am meisten dadurch, dass er einfach zuhört. Richtiges Zuhören ist eine hohe Kunst, die anderen Menschen oft mehr hilft, als alle gut gemeinten Ratschläge. Hier eine schön Beschreibung dieser Kunst: „“Dies war unter des Fährmanns Tugenden eine der größten: er verstand wie wenige das Zuhören. Ohne dass er ein Wort gesprochen hätte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in sich einließ, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhörte.“

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