Hermann Hesse: Peter Camenzind

Peter Camenzind wächst in einem abgelegenen Bergdorf der Schweizer Alpen auf. Eingeklemmt zwischen hohen Bergen und einem See wird auch Peter von klein auf durch die Natur bestimmt. Er liebt es auf die Berge zu steigen, träumend auf der Wiese zu liegen und ist fasziniert von den Wolkengebilden, die am Himmel vorbei ziehen. Die Menschen des Dorfes sind größtenteils miteinander verwandt und die meisten heißen mit Nachnamen Camenzind. Es sind wortkarge und einfache Leute. Über Gefühle wird nicht geredet und der Frust des Lebens wird, wie z.B. von Peters Vater, im Wirtshaus hinunter getrunken.

Peter hat von Anfang an einen schwermütigen Charakter und träumt Zeit seines Lebens von der großen Liebe und von der Erfüllung seines persönlichen Lebenssinns. Er sucht den Einklang mit sich selbst, der Natur und einem liebenden Gegenüber. Doch schon seiner großen Jugendliebe Rosi gesteht er nicht einmal seine Gefühle. Er liebt sie auf heimliche Weise für sich selbst und das Größte, das er für sie vollbringt ist, dass er ein Strauß mit schwer erreichbaren Gebirgsblumen vor die Tür legt.

Sein Talent zum Schreiben fällt auf und er kann aufs Gymnasium gehen und studieren. In den Großstädten Zürich und Basel lernt er die Welt der Kunst und Künstler kennen und kann sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als Schreiber von Artikeln und Rezensionen über Wasser halten. Die Liebe zur Malerin Erminia Aglietti bleibt unerwidert. Wichtig ist für ihn die Freundschaft zu Richard, mit dem er eine beglückende Reise durch Italien macht. Allerdings stirbt Richard nach dem Ende der Studienzeit überraschend.

Von der Welt enttäuscht zieht Camenzind weiter und sucht, wie sein Vater Trost im Trinken. Der Wein wird sein Tröster, der in in das süße Land der Träume entführt. In der Liebe hat er weiterhin kein Glück, die schöne Elisabeth heiratet einen Anderen. Camenzind wird sich immer mehr bewusst, dass er ein menschenscheuer Einsiedler ist. Das versucht er zu überwinden, indem er eine Freundschaft zu einem einfachen Schreiner und seiner Familie eingeht.

Wirklich innerlich berührt wird er durch eine intensive Freundschaft zu Boppi, dem Schwager des Schreiners. Boppi ist stark körperlich behindert und auf Hilfe angewiesen. Peter zieht mit ihm zusammen und kümmert sich um ihn. Nicht nur Boppi wird durch diese Beziehung geholfen, sondern auch Peter wird durch den Austausch und die gemeinsamen Erlebnisse beschenkt. Doch auch Boppi stirbt.

Am Ende kehrt Camenzind in seine Heimat zurück. Er hilft seinem Vater und wird wieder ein einfacher Dörfler. Das Buch endet mit dem Ausblick, dass Peter die Gastwirtschaft seines Dorfes übernimmt und sein Lebenstraum vom Schriftsteller erst einmal gestorben ist.

Ich hab das Buch jetzt zum zweiten oder dritten mal gelesen. Mir ist aufgefallen, dass hier schon alle Themen seiner späteren Bücher angelegt sind. Im Grunde schreibt Hesse immer über Einzelgänger, die ihren Weg suchen. Er schreibt von idealistischen Träumen, die in Konflikt mit der realen Welt geraten. Er schreibt über das Leiden an der Welt und den Schmerz der unermüdlichen Suche nach dem eigenen Ich.

Hesse schreibt im Grunde immer über sich selbst. Das ist einerseits eine große Stärke, weil seine Bücher den Leser mitnehmen auf der Reise durch die eigene Seele. Hesse möchte mit seinen Büchern Wege zu sich selbst eröffnen. Das ist zugleich aber auch eine Schwäche, denn durch Selbstbetrachtung allein wird man seinen Weg nicht finden. Wer sich immer um sich selbst dreht, wird nie zu dieser befreienden Erfahrung kommen, die Hesse in diesem Roman ja beschreibt: Peter Camenzind findet zur Ruhe und zu sich selbst erst dann, als er sich um Boppi und um seinen Vater kümmert.

Hesse ist ein leidender Romantiker. Er träumt von einer besseren Welt und einem besseren Ich. Dieses romantische Träumen wird auch in seinem Schreibstil deutlich – uns heutigen kommt es vielleicht an manchen Stellen etwas kitschig vor. Auch achtet Hesse weniger auf stringente äußere Handlung und auf detaillierte Zeichnung der Nebenfiguren. Es geht ihm um die innere Entwicklung des Hauptdarstellers. Es geht ihm um die Suche des Einzelnen nach sich selbst.

Zeit seines Lebens ist Hesse ein Suchender geblieben, der nie die große Erfüllung gefunden hat. Mit seinem eigensinnigen Beharren auf diesen Träumen hat er sich selbst und auch vielen Menschen um ihn herum das Leben schwer gemacht. Seine Eltern, seine Frauen und seine Kinder haben unter diesem Eigensinn gelitten. Aber zugleich hat er viele Leser zum Träumen und Suchen angeregt – so auch mich.

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