Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Hesse: Narziß und GoldmundImmer wieder geht es in Hesses Bücher um das eine: um sich selbst, um seine Kämpfe mit sich selbst und der Welt, um die Suche nach dem persönlichen Lebensweg, um ein erfülltes, sinnvolles Leben. Auch die beiden Hauptfiguren mit Namen Narziß und Goldmund sind im Grunde Repräsentanten von verschiedenen Persönlichkeitsanteilen von Hesse selbst. Narziß ist asketische Denker, welcher der sinnlichen Welt entfliehen will und ganz dem Geist dienen will. Goldmund ist der sinnenfreudige und freiheitsliebende Lebemann, der alle Höhen und Tiefen des Lebens voll auskosten will. Die asketische Seite Hesses kann man leicht erkennen, wenn man Fotos von ihm anschaut: eine dürre, hagere Gestalt mit klaren Augen, die hinter die Oberfläche der Welt zu sehen scheinen. Die rebellische Seite Hesses lässt sich in jeder Biographie nachlesen: schon von klein auf will er sich nicht ein- und unterordnen lassen und hat seine Lust an der Schönheit der Welt.

Die Geschichte von Narziß und Goldmund spielt in einer nicht näher festgelegten Zeit im Mittelalter. Die beiden Hauptfiguren begegnen sich im Kloster Mariabronn – welches leicht als das Kloster Maulbronn identifiziert werden kann, in dessen Klosterschule Hesse selbst als Jugendlicher war und aus der er geflohen ist. Narziß ist ein schöner und besonders begabter Klosterschüler. Schon früh darf er seine kaum jüngeren Kameraden unterrichten. Goldmund wird von seinem Vater ins Kloster gebracht und soll einmal Mönch werden. Er ist sofort beeindruckt von Narziß und will ihm zuliebe ein besonders guter und eifriger Schüler sein. Doch Narziß hat eine besondere Menschenkenntnis und bemerkt schnell, dass Goldmund kein weltabgewandter Denker ist und er im Kloster nicht froh werden wird.

Narziß und Goldmund werden gerade in ihrer Unterschiedlichkeit Freunde. Narziß hilft Goldmund die verborgene Erinnerung an seine Mutter zu wecken, welche seinen Vater früh verlassen hatte. Das wird für Goldmund zum Schlüsselerlebnis, um seinen eigenen Lebensweg zu suchen. Er verlässt das Kloster und wird zum Landstreicher, Frauenverführer und freien Künstler. Er lernt die Freuden der sinnlichen Liebe kennen, er lernt die Todesangst kennen, im Akt der Selbstverteidigung wird er sogar selbst zum Mörder. Er verliebt sich in manche Frauen, doch nie findet er zu einem normalen bürgerlichen Leben. In Zeiten der Pest erlebt er die Faszination des Todes, der alle früher oder später trifft und mit Schrecken sieht er auch die menschlichen Abgründe, in welche Menschen im Angesicht der Pest getrieben werden. All diese existentiellen Erfahrungen machen ihn zu einem besonderen Künstler, der mit seinen Holzfiguren tiefe Wahrheiten des Lebens ausdrücken und darstellen kann.

Gegen Ende kommen Narziß und Goldmund wieder im Kloster Mariabronn zusammen. So wie in der Jugend Narziß die bis dahin feste Welt des Goldmund erschüttert hat und ihn auf neue Wege geführt hat, so erschüttert nun die Begegnung mit dem Künstler Goldmund die klösterliche Welt des inzwischen Abt gewordenen Narziß. Dieser erkennt, dass Goldmund in seinen Kunstwerken sehr viel mehr von der Welt verstanden hat und ausdrücken kann, als er selbst mit all seinem philosophischen Wissen und seinen abstrakten Wörtern.

Hesse verknüpft mit Narziß das kühle und sachliche Denken eines Vaters und mit Goldmund die intuitive und sinnliche Tiefe einer Mutter. Goldmund sucht in seinem Leben nicht nur das Bild der verlorenen Mutter, sondern immer mehr das archetypische Bild der Urmutter Eva. Dahinter steht wohl die Psychologie des C.G. Jung, mit der sich Hesse ausführlich beschäftigt hat. Für den Künstler Hesse war es zeitlebens ein Kampf zwischen geistigem und sinnlichem Streben. Als Künstler braucht er sowohl die Bilderwelt der sinnlichen Erfahrungen, als auch das Abstraktionsvermögen, um diese ahnungsvolle Bilderwelt in Wörter und Geschichten zu kleiden. Hesse war auch immer wieder hin- und hergerissen zwischen der Freiheit eines Künstlers und der Sehnsucht nach der Ordnung einer festen Heimat. Narziß und Goldmund sind zwei Seiten seiner Seele, die ganz verschieden sind und sich dennoch gegenseitig brauchen.

Ich lese Hesse immer wieder gerne. Ich weiß, dass er einen Hang zum romantisch-kitschigen hat. Ich stimme auch mit so manchen Aspekten seiner Weltsicht nicht überein. Und doch fesselt er mich immer wieder, er regt mich an, über mich selbst und mein Leben nachzudenken. Das Lesen seiner Bücher hat, zumindest bei mir, einen therapeutischen Effekt. Hesse will den Leser nicht nur unterhalten, sondern Mitnehmen und Anstoß geben, zur Suche nach dem eigenen Weg.

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