Hermann Hesse: Gertrud

Parallel zu Hesses Romanen lese ich gerade die Hesse-Biographie von Gunnar Decker. Darin wird deutlich, dass die Romane Gertrud und Roßhalde aus einer Übergangszeit von Hermann Hesse stammen. Er hatte mit Peter Camenzind einen großen Erfolg, mit dem darauffolgenden Roman „Unterm Rad“ verarbeitete Hesse seine Jugendzeit. Inzwischen hat er eigentlich sein großes Ziel erreicht: er ist Schriftsteller und kann von seine Einkünften leben. Recht gut sogar. Er hat geheiratet, hat Kinder bekommen, hat sich in Gaienhofen am Bodensee ein ansehnliches Haus gebaut. Er hat eigentlich die Krisen seiner Jugendzeit und des beruflichen Anfangs hinter sich – aber genau das macht ihm zu schaffen.

Einerseits freut er sich über seinen Erfolg und die Anerkennung. Andererseits möchte er nicht zum langweiligen Spießbürger werden. Er merkt aber, dass er auf dem besten Weg dazu ist. Er merkt, dass ein satter und selbstzufriedener Normalbürger keine große Kunst schaffen kann, Kunst in welcher es für ihn um alles geht, in welche er sein ganzes Herzblut investiert. In „Gertrud“ setzt er sich mit dieser Situation auseinander. Zwei Künstler stehen für unterschiedliche Wege: auf der einen Seite der schüchterne und hinkende Komponist Gottfried Kuhn – er steht eher für einen appolinischen Umgang mit Kunst. Auf der anderen Seite steht der draufgängerisch impulsive Sänger Heinrich Muoth für einen rauschhaft dionysischen Umgang mit Kunst.

Beide lieben Musik und beide lieben dieselbe Frau: Gertrud. Doch Gottfried traut sich nicht so richtig, um diese Liebe zu kämpfen und der Frauenheld Muoth heiratet sie. Doch es kommt so, wie es Kuhn schon voraus ahnt. Die Ehe scheitert, weil die stille Gertrud, trotz innerer Größe und Stärke, nach der ersten Verliebtheit von Muoths exzessiven Lebensstil überfordert wird. Gertrud zieht zurück zu ihrem Vater und Muoth richtet sich durch Alkohol zu Grunde. Zurück bleibt Gottfried, welcher Gertrud als gute Freundin und Musikliebhaberin weiter verehrt.

Die Konsequenz für den Ich-Erzähler Gottfried ist am Ende, dass man das Schicksal nicht verändern kann – man kann nur sein Herz verändern, wie es mit dem Schicksal umgeht. Man kann also letztendlich das, was kommt, nur still und demütig tragen.

Wenn man Hesse kennt und sein späteres Leben dann auch anschaut, dann merkt man, dass diese Lösung für Hesse selbst zu wenig ist. Er möchte eigentlich das appolische und das dionysische Element in seiner Kunst vereinigen – aber es gelingt ihm in diesem Roman nicht – mit Muoth geht das rauschhafte Kunsterschaffen in den Abgrund.

Hermann Hesse selbst befreit sich – auf Kosten seiner Kinder und seiner Frau – einige Jahre später vom geordneten bürgerlichen Leben. Er merkt dass er die Einsamkeit des Künstlers braucht, dass er die Extreme seiner Künstlerseele nicht verbinden kann mit einer bürgerlichen Existenz.

Es ist deshalb verständlich, dass er in späteren Jahren seinen Roman „Gertrud“ eher skeptisch sah. Auch als Leser merkt man, dass Hesse hier nicht zum Eigentlichen vordringt. Er findet keine richtige Lösung für seine Fragen, und das spürt man dem Roman auch ab – wobei man ihn auch ganz oberflächlich als tragische Liebesgeschichte lesen kann. Auch vom Thema her ist die Frage nach der Künstlerexistenz ja auch nicht das, was einen normalen Leser im Innersten bewegt. Aber von der Sprache und dem Erzählstil her ist es auf jeden Fall gut geschrieben. Und als Zeugnis von Hesses eigener Unsicherheit in dieser Phase seines Lebens ist es auch aufschlussreich.

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