Hermann Hesse: Demian

Ein Hesse-Buch mit dem ich mich eher schwer tue. Im Hintergrund steht eine der vielen Lebenskrisen von Hesse. Er hat in Bern mit psychotherapeutischen Gesprächen angefangen, wobei zum Therapeuten J.B. Lang bald eine Freundschaft entsteht und es zunehmend Gespräche auf Augenhöhe werden. Der Demian ist von dieser Erfahrung geprägt.

In dem Buch zeichnet Hesse die innere Entwicklung der Hauptfigur Emil Sinclair nach. Dabei verwischen sich die Grenzen von Traum und Wirklichkeit. Man kann den ganzen Roman auch als rein innerseelische Entwicklungsgeschichte des Emil Sinclairs lesen. Die vorkommenden Figuren sind dann Aspekte der einen Persönlichkeit, welche sich im Mit- und Gegeneinander der Persönlichkeitsabspaltungen weiterentwickelt.

Die wichtigste Figur ist der Demian, ein abgeklärter und weiser Seelenführer – so eine Art Über-Ich. Das Böse, von dem jede Person innerlich bedroht ist, wird symbolisiert durch Franz Kromer, welcher Sinclair als Junge in eine Abhängigkeit bringt. Eine weiterer Seelenführer ist der Pastorensohn Pistorius, der sich vom Christentum losgesagt hat und für sich selbst eine neue Religion zusammenbastelt. Schließlich taucht in der Mutter von Demian, Frau Eva genannt, eine große Mutterfigur auf, welche Emil Geborgenheit und Heimat vermittelt.

Das Buch ist auch so etwas wie ein Bildungsroman. Durch Schwierigkeiten hindurch findet die Hauptperson ihren Weg. Das große Ziel ist, sich selbst zu finden oder wie es gleich zu Anfang anklingt, ein Mensch zu werden, d.h. das Potential, das Gott oder die Natur in einen hineingelegt hat, voll auszuschöpfen.

Ein zentrales Motiv ist der Abraxas-Vogel. Er steht für einen Gott, der die großen Gegensätze in unserer Welt vereinigt. Zum Menschsein gehört nicht nur das Streben nach dem Heiligen, Reinen und Guten, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Bösen, das in uns wohnt. Neues Leben kann nur entstehen, wo man sich den Abgründen stellt und Altes abstirbt. Dafür steht der Vogel, der sich durch die Schale des Eis hindurch kämpft.

Ein weiteres Motiv, das immer wieder auftaucht ist das Kains-Zeichen. Für Sinclair steht es als Zeichen für diejenigen Menschen, die auf der Suche ihrem wahren Selbst sind. Die Außenseiter, die von der Gesellschaft nicht anerkannt sind und für andere etwas unheimlich wirken. Die Tatmenschen, die sich mit dem Bösen in sich selbst auseinander setzen.

Hesse veröffentlichte das Buch zunächst nicht unter eigenem Namen, sondern unter dem Pseudonym Emil Sinclair. Er erklärte seinem Verleger, dass er nur das Selbstportrait eines jungen und schwer kranken Autors weitergebe. Und tatsächlich beginnt mit dem Demian in Hesses Schreiben ja auch etwas Neues und Unbekanntes, eine ganz andere Art von Erzählen.

Mir selbst ist das Buch zu durcheinander, zu unklar. Aber das ist ja durchaus beabsichtigt: es soll wie ein Traum sein, der ja oft auch nicht klar und logisch ist, sondern offen für Deutungen. Außerdem nerven die gnostisch-esoterischen Motive, wie auch die Umdeutung der Kainsgeschichte. Faszinierend aber auch an diesem Buch ist, wie sich Hesse als Autor in seine Werke hineinbegibt. Denn Emil Sinclair ist niemand anders als er selbst – natürlich mit einigen künstlerischen Freiheiten. Mit seiner bürgerlichen Existenz steht er am Abgrund, er steckt in einer Lebenskrise, er ist auf der Suche nach sich selbst. Er setzt sich mit dem Bösen in sich selbst auseinander. Und er distanziert sich vom Glauben seiner Eltern.

Richtig finde ich die Entlarvung eines humanistischen Menschheitsideals, das den Menschen als im Kern gut ansieht und meint, diesen guten Menschen durch Bildung und Aufklärung zum Vorschein zu bringen. Auch die bürgerliche Überdeckung unserer Abgründe unter einer dünnen Schicht von Anständigkeit kritisiert der Demian zurecht. Die Frage ist nur, wie wir mit diesem Widerstreit von Gut und Böse in unserer Welt und in uns selbst umgehen. Wie finden wir in dieser Zerrissenheit unser wahres Ich? Da hat zumindest mir der gekreuzigte Christus mehr zu sagen als ein gnostischer Abraxas-Vogel.

Aber trotz allem schätze ich das sehr bei Hesse: er stellt die wesentlichen Lebensfragen, nach Sinn, nach sich Selbst, nach dem was mich und die Welt zusammenhält. Das ist gut so. Das wünsche ich mir für viele Menschen heute auch: dass sie diese Fragen nicht mit oberflächlichem Glück zudecken, durch blinden Konsum betäuben oder durch Ersatzbefriedigungen beiseite schieben, sondern dass sie sich – auch in ihren Abgründen – ehrlich stellen.

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