Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

Hesse: GlasperlenspielEin komplexer und vielschichtiger Roman, dem man sicher nicht in einem kurzen Blogartikel gerecht werden kann. Es ist das große Alterswerk von Hermann Hesse, an welchem er von 1931 bis 1942 (bzw. mit letzten Überarbeitungen bis 1943) gearbeitet hat. Es ist ein Werk in welchem viele Lebensthemen Hesses aufgenommen werden, in welchem aber auch indirekt die geschichtlichen Ereignisse der Entstehungszeit des Romanes verarbeitet werden. Das Ganze geschieht auf eine kühl und distanziert wirkende Weise, hinter der sich aber – wie kann es bei Hesse anders sein – seine eigenen existentiellen Kämpfe wiederspiegeln.

Rein formal gibt sich der Roman als eine Biographie eines Dritten über die Hauptperson Josef Knecht aus. Schon diese Erzählperspektive ergibt eine gewisse Distanz, weil der Erzähler ja nur aus der Außenperspektive und anhand von fiktiven Quellen diese Lebensgeschichte beschreiben kann. Die Handlung spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in welcher die chaotische Welt des 20. Jh. längst überwunden ist. Die Geschichte spielt in einer Provinz namens Kastalien, welches eine Art weltlicher Orden ist, der sich ganz der Pflege der Geisteswissenschaften verschrieben hat. Das Studium der Musik, Mathematik und Philologie spielen eine zentrale Rolle. Aber auch die Persönlichkeitsbildung der Einzelnen durch Ein- und Unterordnung unter das große Ganze und durch Meditationsübungen wird als wichtig erachtet. Die Provinz wird vom weltlichen Staat getragen und bildet dafür im Gegenzug die geistige Elite zu Lehrern aus.

Im ersten Kapitel werden die Grundzüge des Glasperlenspieles angedeutet. In diesem Glasperlenspiel kommt der Geist und die Absicht von Kastalien am besten zum Ausdruck. Bei dem „Spiel“ geht es darum, das gesamte Weltwissen in spielerischer Form miteinander in Beziehung zu setzen. Es geht um so etwas wie eine Durchdringung des Geistes in einer Universalwissenschaft, um das Erkennen von einer höheren Logik, welche alles menschliche Wissen durchdringt. So werden z.B. Musikstücke analysiert, um sie in formelhafter Weise in Entsprechung zu setzen zu mathematischen Gleichungen. Im Buch selbst wird das Glasperlenspiel mit einer Orgel verglichen, die unzählige Register, Pedale und Tasten hat und mit der man mit genügend Wissen und Übung jede Erkenntnis der Welt auf spielerische Weise nachvollziehen kann.

Aus naheliegenden Gründen wird das eigentliche Glasperlenspiel nicht näher beschreiben, es wird nur angedeutet. In Kastalien hat es als Ausdruck der höchsten Geistigkeit schon quasi-religiöse Züge angenommen. Das Glasperlenspiel wird in feierlichen Riten zelebriert und vergewissert so die Mitglieder des Ordens ihrer Identität.

Nach dem sehr abstrakten Einleitungskapitel beginnt die eigentliche Lebensgeschichte der Hauptperson Josef Knecht. Als vor allem musisch sehr begabter Schüler, wird er von seinem von ihm sehr verehrten Musiklehrer ausgewählt, um auf die Schule in Kastalien zu wechseln. Dort bestätigt sich sein Talent und er steigt in der strengen Ordenshierarchie bis in die Führungsebene empor. Weil er schon als Schüler Kastalien gegenüber einem weltlichen Gastschüler vorbildlich verteidigt hat, bekommt er den Auftrag, in dem christlichen Kloster „Mariafels“ die Beziehungen zwischen Kastalien und Rom zu verbessern. Dies dauert mehrere Jahre und Knecht erfüllt den Auftrag zur vollen Zufriedenheit der Ordensleitung.

Während der Zeit in Mariafels lernt Knecht Pater Jakobus kennen und schätzen. Er ist Geschichtswissenschaftler und auch politisch sehr gebildet und engagiert. Knecht wird immer deutlicher, wie auch die so rein geistliche Welt in Kastalien Teil der geschichtlichen Welt ist und nicht einfach eine überzeitliche und aus den politischen Gegebenheiten heraus zu lösende Erscheinung ist.

Nach seiner Rückkehr nach Kastalien wird Knecht zum Meister des Glasperlenspieles, „magister ludi“ genannt, berufen. Dies ist das höchste und angesehenste Amt des Ordens. Knecht nimmt das Amt gerne an, auch wenn er schon zu Beginn weiß, dass seine immer tiefere Einordnung in die Welt Kastaliens seine individuellen Freiheiten immer mehr einschränkt.

Doch nach einigen Jahren als magister ludi merkt Knecht, dass er in seinem Leben den nächsten Schritt gehen muss. In der geistig orientierten Welt Kastaliens ist er auf der höchsten Stufe angekommen. Aber gerade im Interesse Kastaliens realisiert er, dass er diesen Abschnitt seines Lebens transzendieren muss, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Er merkt, dass die geistige Welt Kastaliens auf Dauer nicht bestehen kann, wenn sie sich so absolut von der geschichtlich-politischen Welt abgrenzt. Knecht möchte in seiner Person beide Welten einander näher bringen.

Praktisch geschieht das dadurch, dass er sein Amt niederlegt und bei einem „weltlichen“ Freund die Erziehung seines Sohnes übernehmen will. Dieser junge Schüler Tito verkörpert in seiner Naturliebe genau den Pol, welcher der so abstrakten und geistigen Welt Kastaliens fehlt. Knecht will Tito nicht nur in die Welt des Geistes einführen, sondern auch selbst von dem Weltmenschen Tito lernen.

Doch dazu kommt es nicht. Noch bevor der Unterricht richtig beginnen kann, stirbt Knecht. Er springt hinter dem jungen Tito in einen eiskalten Bergsee, um mit ihm ein Wettschwimmen zu machen. Doch bei diesem Sprung in das kalte Wasser der ganz realen Welt ertrinkt er im See. Aber trotzdem hinterlässt er bei Tito einen bleibenden Eindruck und es bleibt offen, wie Tito es gelingt beide Welten miteinander zu verbinden.

Nach diesem Ende der Lebensbeschreibung von Josef Knecht gibt es noch einen dritten Buchteil, in welchem der Biograph die hinterlassenen Schriften von Josef Knecht zusammenstellt. Das sind einige Gedichte und drei fiktive Lebensläufe, welche Knecht während seiner Schulzeit als Teil der Persönlichkeitsbildung für sich selbst erfinden musste.

Bei den Gedichten ist vor allem das Gedicht „Stufen“ bekannt, in welchem es darum geht, dass man im Leben verschiedene Stufen durchschreitet. Immer wieder geht ein bisheriger Lebensabschnitt zu Ende und es beginnt etwas Neues. Man sollte nicht wehmütig am Alten festhalten, sondern gerne zum Neuen übergehen, da jedem Anfang auch ein Zauber innewohnt. So hat auch Knecht selbst in seinem Leben verschiedene Stufen durchschritten und Neues gewagt – ohne dass die vorherigen Stufen dadurch abgewertet werden. Sie waren die Voraussetzung für die nächste Stufe.

Alle drei Lebensläufe spiegeln die Spannungen zwischen einer geistigen Welt der Vernunft und einem materiellen Leben in der Welt. Der erste Lebenslauf handelt von einem Regenmacher in einer archaischen Welt. Knecht stellt sich als weisen Regenmacher dar, der viel über die Naturzusammenhänge erkannt hat und in seinem Dorf für die Beschwörung der Kräfte des Wetter zuständig ist. Am Ende opfert sich der Regenmacher selbst den Naturkräften, um nach einer langen Dürreperiode für Regen zu sorgen. Er tut dies obwohl oder gerade weil er weiß, dass sein Opfer mehr dem inneren Frieden des Dorfes, als den Naturmächten dient.

Im zweiten Lebenslauf geht es um einen Beichtvater, der den Menschen in der Wüste ihre Lebensbeichten abnimmt. Er weist sie nicht zurecht, sondern hört einfach nur zu und entlässt sie mit einem Kuss und einem Segen. Doch irgendwann beginnt er an dem Sinn seines Tuns zu zweifeln. Durch einen anderen Wüsteneremit lernt er jedoch, dass auch sein scheinbar unzulängliches Tun den Weltmenschen hilft, mit ihrem Leben klar zu kommen.

Der dritte Lebenslauf ist ein indischer Lebenslauf. Ein junger Mann ist hin und her gerissen zwischen einem weltlichen Leben voller Erfolg, Macht, Reichtum und Ansehen und einem geistigem Leben in Versenkung und Meditation. Durch eine Art intensiven Tagtraum lernt er erkennen, dass aller weltlicher Erfolg letztendlich vergänglich und müssig ist. Er entscheidet sich daraufhin, einem alten Meister der Meditation auf seinem Weg zu folgen.

Was will Hesse dem Leser mit seinem Alterswerk mitgeben? Schwer zu sagen. Es gibt so manche Interpretationsansätze. Es gibt so manche Motive in dem Buch, die man verfolgen und deuten könnte.

Ein Ansatz ist sicherlich, den Roman auf seinem zeitgeschichtlichen Hintergrund als eine Art Utopie von einer besseren Welt zu verstehen. Während um Hesse herum die Welt im zweiten Weltkrieg in Chaos versinkt, hält er an einer Welt des Geistes und der Vernunft fest. Die Provinz Kastalien ist ein Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Reich. Beide sind streng hierarchisch aufgebaut und verlangen Unterordnung des Einzelnen. Aber Josef mit dem bezeichnenden Nachnamen Knecht dient nicht einem menschlichen Führer oder eine nationalen Ideologie, sondern er dient dem Geist.

Allerdings macht der Roman auf diesem Hintergrund auch deutlich, dass reine Weltflucht in eine ideelle Welt des Geistes nicht reicht. Josef Knecht hat erkannt, dass Kastalien nur als eine Teil der geschichtlichen Welt existieren kann. Die Welt des Geistes kann sich auf Dauer nicht leisten, sich völlig aus der Politik heraus zu halten, sonst wird sie untergehen. Die Welt des Geistes kann nur weiter bestehen, wenn sie sich die Hände dreckig macht und versucht Politik und Geschichte mit zu gestalten.

Man könnte den Roman auch von einer philosophischen Sicht her lesen. Kastalien steht dann für eine platonische Philosophie, in welcher die Welt der Ideen und Ideale die eigentliche Realität ist. Dem entgegen steht ein eher aristotelischer Ansatz, dass wir die Realität nur durch empirisches Wahrnehmen und durchdenken der Welt erfassen können. Kastalien steht für einen Idealismus, der das Eigentliche hinter den Erscheinungsformen unserer Welt sucht. Pater Jakobus steht eher für einen Empirismus und Pragmatismus, der von den äußerlich wahrnehmbaren Erfahrungen ausgeht. Knecht versucht beides zu verbinden und zu versöhnen.

Wenn wir Hesses Leben betrachten, dann können wir das Ganze aber auch auf eine persönliche Ebene herunterbrechen. Sein ganzes Leben lang war Hesse eine zerrissene Persönlichkeit. Auf der einen Seite wollte er frei werden von allen irdischen Bindungen und einen höheren Sinn suchen als alleine eine bürgerlich-materielle Zufriedenheit. Auf der anderen Seite war er immer wieder fasziniert von der unmittelbaren Kraft der Natur und auch der Kraft von menschlichen Leidenschaften und Begierden. Die Spannung zwischen ideeller Welt und materieller Welt durchlitt er in seiner eigenen Existenz. Er war auf der Suche nach einem Ausgleich und einem Miteinander von beiden Sehnsüchten.

Noch vieles mehr steckt in dem Roman und man könnte noch über so einiges nachdenken. Mir persönlich sind noch zwei andere Motive aufgefallen und wichtig geworden. Zum einen betont Josef Knecht immer wieder, wie wichtig die Meditation und die innere Sammlung ist, um mit den konkreten Problemen seines Lebens zurecht zu kommen. Ich denke, da hat er durchaus Recht. Gerade in unserer so materiellen und triebgesteuerten Welt würde es uns gut tun, regelmäßig inneren Abstand zu gewinnen und mehr aus der Ruhe heraus zu leben. Vielleicht kann es uns auch als Christen gelingen, hier an uns selbst zu arbeiten und auch anderen zu helfen. Kontemplation und Gebet sollten ja eigentlich zu unseren Stärken gehören…

Das andere Motiv das mich angesprochen hat, ist das Lehrer-Schüler-Motiv. Josef Knecht hatte immer wieder Lehrer von denen er viel gelernt hat, nicht nur wissensmäßig. Und auch er selbst wurde für andere zum Lehrer. Auch und gerade für Tito – obwohl der eigentliche Unterricht ja noch gar nicht begonnen hatte. Wir brauchen auch in unserer heutigen Welt nicht nur Lehrer als Wissensvermittler, sondern noch viel dringender „Lehrer“ als ganzheitliche Vorbilder und Orientierungspunkte für junge Menschen.

Also: Auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Auch wenn es für unsere heutigen Lesegewohnheiten sicher nicht einfach zugänglich ist. Es ist nicht unbedingt spannend. Es ist emotional nicht so berührend und unmittelbar wie so manche andere Hesse-Bücher. Es ist vom Stil her zwar gut zu lesen, aber eher unterkühlt und distanziert. Zum Einstieg in die Hesse-Lektüre eignen sich sicher andere Romane von ihm bessern. Aber das Glasperlenspiel gibt dem Leser jede Menge Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken.

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Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
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