Hebräer 10, 32-39 Das süße Gift der Müdigkeit

Offensichtlich sind viele der Adressaten des Briefes zu Beginn ihres Glaubens Anfeindungen und Bedrängnissen ausgeliefert gewesen. Aber ihr Glaube war damals noch fest und treu. Inzwischen scheint ihr Glaube nicht mehr von außen bedroht zu sein. Die Bedrohung kommt von innen: ihre eigene Müdigkeit und fehlende Geduld. Leider können wir diese Beobachtung immer wieder machen: Glaube der bedrängt wird, scheint fester zu sein, als Glaube der sich ohne Widerstände entfalten könnte.

Ich hab immer ein ungutes Gefühl dabei, wenn über den christlichen Glauben in Deutschland gesagt wird: „Denn Menschen geht es zu gut, deshalb glauben so wenig an Gott.“ Das kann doch nicht die grundlegende Motivation für den Glauben sein! Gott als Notnagel, weil es mir schlecht geht?! Andererseits mache ich selbst ähnliche Erfahrungen. In der Zeit meiner Krankheit war mir Gott besonders nahe. Ich spürte in besonderer Weise seine Nähe und es war in mir ein großes Vertrauen und eine große Geborgenheit in Gott. Inzwischen geht es mir gesundheitlich wieder gut, aber zugleich merke ich, wie mein Glaube müder geworden ist und die Beziehung zu Gott nicht mehr so intensiv.

Schon Luther hat gesagt, dass zu einem gesunden Glaubensleben auch die Anfechtung dazu gehört. Damit Glaube wachsen kann und sich weiter entwickeln kann, muss er immer wieder auch in Frage gestellt werden. Dabei ist die äußerliche Anfechtung letztendlich einfacher zu bewältigen, auch wenn sie schwerer erscheint. Man hat einen deutlichen Feind, gegen den man kämpfen kann und vor dem man in Gottes Arme fliehen kann. Einer innere Anfechtung des Zweifels oder der Bequemlichkeit ist viel schwerer zu begegnen. Gegen das süße Gift der Müdigkeit hat man es schwerer als gegen einen lärmenden und waffenstrotzenden Feind.

| Bibeltext |

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