Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

Ein monströser Roman der versucht, alles mögliche mit einzubinden. Gewaltig ist allein schon der Umfang: über 750 Seiten. Vielfältig sind auch die Erzählstränge und Personen. Schwer einzuordnen ist auch das Genre: Was ist dieser Roman? Ist es ein Entwicklungsroman? Ein Selbstfindungroman? Eine Liebesgeschichte? Ein surrealistischer Traum? Eine Fantasygeschichte? Eine Allegorie? Pure Esoterik? Eine neuromantische Suche nach dem Kern des Seins? Ein postmodernes Spiel mit der Realität? Irgendwie ist es von allem etwas…

Die Hauptfigur und der Ich-Erzähler des Romans ist Toru Okada. Der 30-jährige steht an einem Scheidepunkt in seinem Leben. Er hat seinen Job als besserer Laufbursche in einer Anwaltskanzlei gekündigt und ist sich unsicher, wie sein Leben weitergehen soll. Doch dann gerät sein normales bürgerliches „Hausmannsdasein“ aus den Fugen. Er erhält seltsame obszöne Anrufe, der geliebte Kater seiner Frau verschwindet, dann verschwindet ohne ersichtlichen Grund und ohne deutlicher Erklärung seine Frau (mit der er eigentlich ganz glücklich zusammen gelebt hat), er begegnet vielen seltsamen Menschen…

Am Ende wird deutlich, dass es um einen Kampf zwischen Gut und Böse geht. Das Böse wird repräsentiert vom Bruder seiner Frau, Noboru Wataya. Er ist ein aufstrebender, mediengewandter Politiker. Von Anfang an ist er Toru unsympathisch und im Lauf des Buches wird deutlich, dass Noboru eine übersinnliche Gabe hat, um Menschen auszunutzen und zu manipulieren.

Neben diesem Grundgerüst gibt es noch jede Menge Nebenfiguren, Erzählstränge und wiederkehrende Motive. Ein Motiv ist das des Aufziehvogels. Verschiedene Personen hören in entscheidenden Phasen ihres Lebens den Schrei eines Vogels, der sich anhört, als ob eine Feder aufgezogen wird. Die Hauptfigur deutet das so, als ob der Vogel durch seinen Schrei die Feder der Welt aufzieht, um sie am Laufen zu halten. Er selbst bekommt den Spitznamen „Mister Aufziehvogel“ von einer 16-jährigen nachdenklichen und suchenden Nachbarin, weil ihr sein wirklicher Name zu kompliziert ist.

Ein weiteres Motiv ist das des Brunnens. Toro Okada steigt in einen tiefen trockenen Brunnen, um in Ruhe über sich und seine Welt nachzudenken. Das Motiv symbolisiert deutlich die innere Einkehr, den Rückzug in die eigene innere Welt, indem man sich von allem Äußeren abschirmt. Zugleich ist für die Hauptfigur der Brunnen der Ort an dem er Zugang zu anderen Welten findet.

Etwas verloren und zusammenhanglos kommen mir in der Rahmenhandlung einige Episoden aus dem japanisch-chinesischen Krieg (welcher von 1937-1945 stattfand). Hier tritt das phantastische Element zurück und Murakami schildert eindrücklich an Einzelschicksalen die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges.

Charakteristisch ist für Murakami der prägnante, fesselnde und sehr realistische Erzählstil. Dieser steht in Spannung zu den fantastischen und surrealen Inhalten, welche in die reale Welt eingeschoben werden. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind fließend. Aber es sind nicht unbedingt nur reale und surreale Welt, die aufeinander stoßen, sondern es sind unterschiedliche Wahrnehmungen der Welt und damit – postmodern gesprochen – unerschiedliche Welten, die aufeinander stoßen.

Ich fand den Roman einerseits faszinierend. Er erinnert mich an fantastisch-phantasiereiche Romane von E.T.A Hoffmann, allerdings vermischt mit der bedrückenden Schwere eines Kafkas und einem schonungslos realistischen modernen Erzählstil. Handwerklich und stilistisch ist Murakami ein richtig Großer.

Andererseits wurde es mir nach dem ersten Drittel auch ein wenig zu viel. Zu viele Unklarheiten, zu viele surreale Begebenheiten, zu viele Personen, die dann plötzlich verschwinden, zu viele Nebenschauplätze,… Es ist teilweise kein roter Faden mehr zu erkennen. Aber vielleicht will der Autor gerade damit die Verlorenheit von uns Menschen in der postmodernen Welt verdeutlichen, in der einfach alles zu viel wird. Auf jeden Fall erschwerte es mir das Lesen, des vom Stil her eigentlich spannenden Buches. Man braucht schon eine gewisse Geduld und Ausdauer.

Es gelingt Murakami eine faszinierende fremde Welt aufzubauen. Ich kann verstehen, dass der Roman so manchen Leser in seinen Bann zieht und auf manche fast therapeutische Wirkung haben kann. Für mich ging der Roman aber hart an den Punkt, an dem ich dem Autor seine Romanwelt nicht mehr abgenommen habe. Nach meinem Empfinden ist der Roman knapp davor, den Bogen zu überspannen. Für mich wäre der Roman mit etwas weniger Durcheinander und weniger Übersinnlichem überzeugender gewesen. Aber Murakami bleibt trotzdem ein faszinierender Schriftsteller und jeder Leser muss selbst entscheiden und ausprobieren, ob er in das Murakamische Universum abtauchen und überzeugen lassen kann.

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