Genesis 4 – Wenn Gottes Segen ausbleibt

In Genesis 4 geht es um die Geschichte von Kain und Abel. Beide Brüder bringen Gott ihre Opfer, doch nur das Opfer von Abel wird von Gott gnädig angeschaut. Daraufhin wird Kain zornig und bringt seinen Bruder um. Gott stellt Kain zur Rede und er muss als Folge seines Handelns den Fluch der Heimatlosigkeit tragen. Zugleich segnet Gott ihn aber auch, indem er ihn unter seinen Schutz stellt.

Die interessanteste Frage bei diesem Bibeltext ist für mich: Warum freut sich Gott über die Geschenke von Abel und sieht Kain und sein Opfer nicht mal an (so übersetzen Douglass und Vogt sehr treffend)? Es gibt unterschiedliche Versuche, diese Unterschiedlichkeit zu begründen. In der jüdischen Auslegungstradition wird gesagt, dass Kain einfach nur wahllos ein paar Feldfrüchte opfert – Abel dagegen ganz gezielt das Beste für Gott aussucht. Begründet wird das mit der kurzen Ergänzung beim Opfer Abels, dass er von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett das Opfer bringt (beides hat im hebräischen Denken einen hohen Stellenwert: die Erstgeburt und auch das Fett galten als etwas Besonderes).

Douglass und Vogt begründen dagegen die unterschiedliche Reaktion Gottes, indem sie aus den Namen der beiden Brüder ihren Charakter herauslesen (nach hebräischem Denken sagt der Name einer Person sehr viel über das Wesen einer Person aus). Kain bedeutet „Ich habe einen Mann geboren“, Abel dagegen „Nichtigkeit, Hinfälligkeit“. Aus diesen Namen entfalten die beiden Autoren nun sehr plastisch die Lebenseinstellung der beiden Brüder: Kain ist der Stolze und Starke, Abel der Benachteiligte und Schwache. Wie so oft in der Bibel ergreift nun Gott Partei für den Kleinen und Schwachen.

Nach meinem Empfinden hat die jüdische Auslegunsvariante mehr Anhalte im Text. Douglass und Vogt lesen da schon sehr viel rein in die Namen der Brüder. Ich selbst sehe jedoch die Pointe des Textes gerade darin, dass das Verhalten Gottes unverständlich und nicht nachvollziehbar ist. Es wird im Text nicht ausdrücklich begründet, sondern einfach nur festgestellt. Als ich den Text gelesen habe, hab ich mir gedacht: Ja, ist doch logisch, dass Kain sauer ist.

Die entscheidende Frage ist nicht: Warum sieht Gott das Opfer des Kains nicht an? Sondern sie ist: Wie reagiere ich, wenn Gott mein Opfer, meine Bemühungen nicht so segnet, wie ich mir das vorstelle? Es geht in dem Text nicht darum, wie ich mir durch Opfer den Segen Gottes erarbeiten kann, sondern darum, wie ich damit umgehe, wenn Gott mein Bemühen nicht segnet. Kain hat falsch reagiert. Sein Zorn ist verständlich, aber er hätte seinem Zorn nicht Raum geben sollen.

Noch ein anderer Gedanke: Sehr gut fand ich bei Douglass und Vogt den Begriff „Spirale der Schuld“. Im Blick auf die Urgeschichte in der Bibel wollen sie nicht von dem etwas problematischen Begriff der „Erbsünde“ reden, sondern von der „Spirale der Schuld“. Das drückt sehr schön das Problem und Wesen der Sünde aus: Wenn sich Menschen von Gott lossagen, dann werden sie immer stärker in eine Spirale  der Schuld hineingezogen. Die Verstrickung in der Sünde wird immer größer. Jeder Mensch wird nicht einfach mit dem Makel einer weiter vererbten und ihm anhaftenden Erbsünde geboren, sondern er wird in diese Spirale der Schuld hinein geboren. Ob wir wollen oder nicht: Jeder steckt von Anfang an in dieser Spirale drin und kommt alleine nicht heraus.

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