Galater 1, 6-10 Der liberale Paulus

Irgendwie traurig: schon damals haben sich Christen auf theologischer Ebene die Köpfe eingeschlagen. Paulus legt in seinem Brief gleich richtig los: statt der an dieser Stelle üblichen Danksagung, greift er sofort diejenigen an, die ein anderes Evangelium als er lehren. Ist das jetzt eingebildet oder konsequent? Fehlt da die Demut oder ist das ein notwendiger Kampf für das Evangelium?

Aus heutigem Abstand können wir das natürlich leichter beurteilen. Die Briefe des Paulus sind Teil des Neuen Testaments, Paulus hat sich mit seiner Ansicht durchgesetzt. Gott sei Dank und meiner Meinung nach zurecht. Theologisch gesehen stand er damals für eine Öffnung des Christentums gegenüber der heidnischen Welt. Um Christen zu werden, sollten die Heiden nicht erst Juden werden müssen (mit Beschneidung und Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes). Andere legten die Botschaft Jesu konservativer aus: Für sie war klar, dass Jesus Jude war und das jeder echte Nachfolger zuerst auch einmal Jude werden musste.

Paulus wurde dementsprechend vorgeworfen, dass er seine Botschaft zu sehr den Menschen anpasse. Er verwässere das Evangelium. Dieser Vorwurf spiegelt sich in V.10 wieder, wo Paulus seine Gegner fragt: „Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein?“ Das war genau der Vorwurf: dass sein Evangelium von der Gnade zu billig ist und nur den Menschen gefällig ist. Seltsam, wenn man sich das so überlegt: in dieser Frage wurde Paulus damals als zu liberal beschimpft und verurteilt (wobei er in anderen Fragen, z.B. gegenüber der Gnosis, alles andere als liberal war).

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