Frost und Hirsch: Die Zukunft gestalten

Also ehrlich gesagt: Dieses Buch frustriert mich! Es weckt bei mir keine Begeisterung, Neues zu wagen, sondern eher Frust über die scheinbare Ausweglosigkeit traditioneller Gemeinden. Mir ging es beim Lesen so wie es David Hayward in einem Cartoon auf den Punkt bringt: „Sure, you can read church growth and success books. But read them like you read porn: it looks amazing, you’ll get excited, but it’s something you’ll never get your hands on.“

Aber der Reihe nach: Zuerst mal was zu den Autoren. Alan Hirsch „ist selbst Jude, der bei Jesus Erlösung gefunden hat“ (S.197). Schon von dieser Herkunft her legt er großen Wert auf die hebräischer Verwurzelung des Evangeliums. Er kommt aus Australien und hat dort das “Forge Mission Training Network” gegründet und leitet es auch. Es ist ein Institut und ein Netzwerk für innovative missionarische Konzepte. Außerdem lehrt er an verschiedenen Hochschulen zu eben diesen Themen. Michael Frost wuchs als Katholik auf und „begann seine geistliche Reise mit dem Ansatz der Benediktiner, das Heilige im Alltäglichen zu finden“ (S.197). Er ist als Redner und Evangelist tätig. In Sydney hat er das „Centre for Evangelism and Global Mission“ gegründet – eine Ausbildungsstätte für postmoderne Missionare.

In ihrem Buch gehen sie der Frage nach, wie Kirche aussehen muss, damit sie auch in der Postmoderne Menschen für Gott gewinnen kann und erfolgreich sein kann (ich benutze hier ganz bewusst das Wort „erfolgreich“, weil die Autoren selbst immer wieder Vergleiche zwischen Kirche und weltlichen Firmen und deren Management herstellen). Das Buch geht der Fragestellung in vier Kapiteln nach:

A. Der Stand der Dinge

Hier geht es um eine grundsätzliche Analyse der Situation unserer Kirchen in den westlich geprägten Kulturen. Hier stellen sie, durchaus zurecht, den „Bankrott des Christentums“ (S.34) fest. Mit Christentum meinen sie natürlich nicht die christliche Botschaft an sich, sondern die derzeitige Form wie wir unseren Glauben leben, die derzeitige Form von Kirche und Gemeinde. Die Kirche verliert auf’s ganze gesehen immer mehr an Kraft, Mitgliedern und Einfluss. Sie versucht mit denselben Rezepten, die ihr seit Jahrhunderten zur Verfügung stehen, der Krise zu begegnen, merkt aber dass man dadurch, dass man das Bestehende einfach nur ein bisschen „besser“ macht, keine grundsätzliche Wende herbei geführt werden kann.

Frost und Hirsch fordern diese radikale Wende. Die Kirche muss von Grund auf missionarisch (oder wie im englischen Original besser: missional) werden. Es reicht kein langsame Veränderung, keine Evolution, durch die wir Stück für Stück der postmodernen Herausforderung begegnen, nein es muss eine Revolution her. Eine grundsätzliche und radikale Neuausrichtung. An einer Stelle im Buch vergleichen sie das mit dem Graben eines Loches: Wenn man an einer Stelle ein Loch gräbt und dabei nichts findet, dann reicht es nicht wenn man einfach noch tiefer gräbt – man muss an einer anderen Stelle graben…

Dazu sind nach ihrer Meinung drei Einstellungen des bisherigen Christentums zu verändern: Die Kirche muss inkarnierend anstatt attraktional werden, sie muss messianisch anstatt dualistisch werden und sie muss auf apostolische, anstatt auf hierarchische Weise geleitet werden. Was das genauer bedeutet wird in den drei folgenden Kapiteln ausgeführt.

B. Die Menschwerdung der Kirche

Traditionelle Kirche funktioniert attraktional: Die Kirche bietet Veranstaltungen an („Attraktionen“) und lädt die Menschen ein, zu diesen Veranstaltungen zu kommen. Wir nehmen alle wahr, dass das Interesse an kirchlichen Veranstaltungen immer mehr nachlässt, deshalb versuchen wir als Gemeinden die Veranstaltungen so attraktiv wie möglich zu machen, wir versuchen Hemmschwellen abzubauen und wir passen unsere Veranstaltungen in der Form (Musik und Medien) mehr den heutigen Vorstellungen an. Hirsch und Frost sagen: Das bringt nichts! „Das Rumschrauben an alten Gemeindemodellen wird nichts bringen.“ (S.69) Wir müssen die Leute nicht zu uns einladen, sondern wir müssen mit unserer Botschaft zu den Leuten gehen.

Als Paradigma dafür verwenden sie die Inkarnation des Sohnes Gottes. Er hat seinen Platz im Himmel verlassen und hat sich mit aller Konsequenz in die Nähe der Menschen begeben, damit sie seine Botschaft hören und verstehen. So muss auch die Kirche sich in die Welt hinein inkarnieren. Nicht nur ein kurzer missionarischer Ausflug nach „draußen“ in die Welt, um die Leute nach „drinnen“ in die Kirche einzuladen. Nein, wir müssen die ganze Trennung zwischen „draußen“ und „drinnen“ aufgeben und die Ränder offen gestalten. Im Bild gesprochen: Gemeinde sollte keine Weide mit einem Zaun sein, der genau abtrennt zwischen draußen und drinnen, sondern Gemeinde sollte wie ein Brunnen sein, zu dem die Tiere von weit weg von selbst kommen, weil sie Durst haben.

Um das zu erreichen müssen wir die Kirche und den Glauben kontextualisieren. Es ist nötig sich auf die verschiedenen Millieus der Menschen einzulassen (anstatt zu erwarten, dass sie sich unserem Milleu anpassen). Frost und Hirsch sprechen von einer kritischen Kontextualisierung: Die biblischen Kerninhalte darf man nicht aufgeben und dem Kontext anpassen, aber bei der Anwendung und konkreten Gestaltung dieser Inhalte soll man auf die Kultur der Menschen eingehen. Zur konkreten Gestaltung gehört z.B. die Fragen, ob man ein kirchliches Gebäude braucht, ob die Leitung durch einen Hauptamtlichen geschehen muss oder welche Art von Musik gepflegt wird – das alles hat mit dem Kern der Botschaft nicht direkt was zu tun und ist darum veränderbar. Im Grunde müssen wir im Westen das tun, was die Missionare im Lauf der Zeit teilweise schmerzhaft lernen mussten: Sich ganz auf die Kultur des Missionsfeldes einlassen und neue Formen finden, mit denen in dieser Kultur Glaube gelebt werden kann. Dabei gehen Frost und Hirsch an manchen Stellen ganz bewusst an Schmerzgrenzen heran: Kontextualsierung heißt für sie z.B. dass es in muslimischen Ländern „Christus-zentrierte Gemeinschaften ‚messianischer Moslems'“ geben kann, die „bewusst muslimische Bräuche“ (S.161) praktizieren (z.B. weiterhin muslimische Gottesdienste besuchen) und nur Elemente der islamischen Theologie ablehnen, die der Bibel widersprechen.

C. Die Leidenschaft des Glaubens

In diesem Kapitel geht es um die jüdisch-hebräischen Wurzeln unseres Glaubens. Nach Frost und Hirsch sind traditionelle Gemeinden zu ausschließlich von einem dualistischen Weltbild geprägt. Das ist das Weltbild der griechischen Philosophie, die im Lauf der Kirchengeschichte zum zentralen Deutungshintergrund unserer Botschaft geworden ist. Nach diesem Weltbild gibt eine Trennung zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Und so trennen wir auch in unserem Glauben zu stark zwischen christlichen Aktivitäten und dem normalen, profanen Alltag. Ein weiterer Nachteil des hellenistischen Denkens ist die starke Konzentration auf das Denken und den Verstand an sich (anstatt auf das konkrete Handeln). Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche wurde das Bekennen und Für-wahr-halten von Glaubensaussagen wichtiger, als die Frage, was die Glaubensinhalte für das konkrete Leben bedeuten. Es wurde mehr darüber gestritten, wie man sich z.B. die Trinität vorzustellen hat, als darüber wie wir konkret Jesus nachfolgen können.

In einer Kultur, die insgesamt stark von diesem hellenistischen Weltbild geprägt war, hat das alles auch gut funktioniert. Allerdings stellt die Postmoderne gerade diese Betonung der Vernunft und Logik in Frage. Das hebräische Weltbild passt sehr viel besser zum Lebensgefühl der kommenden Zeit. Deswegen müssen wir unsere hebräischen Wurzeln wieder neu entdecken und als Kirche wieder „messianischer“ werden. Was nötig ist, ist z.B. „die Erlösung des Vergnügens“ (S.208): Die dualistische Sicht der Welt führt zu einer Verachtung des Körpers und des Vergnügens – in der hebräischen Kultur ist die Freude an irdischen Dingen sehr viel positiver verwurzelt. Nötig ist auch die „Heiligkeit des Alltags“ (S.219) neu zu entdecken: Nicht nur in speziell christlichen Veranstaltungen, sondern in jedem Detail des Alltags können wir der Heiligkeit Gottes begegnen. Und zu dieser Neuausrichtung gehört auch, dass wir den Wert von guten Werken wieder neu erkennen: Nicht als Mittel um uns vor Gott etwas zu verdienen, aber als Kanäle durch die Gott seine Liebe sichtbar werden lassen kann.

D. Die Leiter von morgen

Schließlich braucht die missionale Gemeinde auch neue Leitungsstrukturen: Apostolisch anstatt Hierarchisch. Frost und Hirsch greifen auf Epheser 4 zurück, wo fünf neutestamentliche Leitungsfunktionen aufgezählt werden: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie sagen dass für die Leitung der Gemeinde alle fünf Dimensionen wichtig sind. Nicht unbedingt in der Form, dass jede christliche Gemeinschaft für alle fünf Ämter auch mindestens fünf verschiedene Personen braucht, aber so, dass alle diese Dimensionen in der Leitung der Gemeinde vorkommen. Zurecht stellen sie fest, dass bisher in der westlichen Kirche bei der Ausbildung und der Praxis der Leiter vor allem die pastoralen (= Hirte) und die pädagogischen (= Lehrer) Dimensionen betont wurden. Um missionale Gemeinde zu sein, müssen die apostolischen, evangelistischen und prophetischen Leitungsaufgaben neu gelehrt und eingeübt werden.

Ein wichtiges Element bei der Leitung der Gemeinde ist für sie auch die Phantasie und die Risikofreude: Gerade in einer Zeit, in der sich der „Markt“ der durchschnittlichen Gemeinde (steht ausdrücklich so auf S.298) ständig ändert, müssen wir wie „verrückt experimentieren“ (S.303), um die Menschen zu erreichen. Dabei sollen die Leiter nicht einfach die Richtung vorgeben, sondern sie sollen durch „subversive Fragen“ (S.307), durch das Ermutigen zu einer „heiligen Unruhe“ (S.307) und andere Methoden die Visionen und Träume, die in den Menschen vorhanden sind wecken und bündeln.

Mein Fazit

Ein tolles Buch, mit vielen richtigen Analysen und Feststellungen, mit viel Anregungen Gemeindearbeit zu überdenken und hinterfragen und mit vielen Ideen. Manchmal störte mich die polemische und überspitzte Darstellung der traditionellen Gemeinde, die ja immer alles falsch macht – aber das gehört wohl dazu, um die Zielrichtung noch deutlicher werden zu lassen.

Aber letztendlich finde ich dieses Buch auch sehr frustrierend (wie oben schon gesagt): das alles ist so weit weg von meinem normalen Gemeindealltag, so utopisch, so realitätsfern, dass es mich nicht anspornt sondern entmutigt. Wenn ich mir ganz normale deutsche Durchschnittsgemeinden anschaue: Da sehe ich wenig Potential, um solch eine „Revolution“ durchzuführen. Das geht am ehesten noch bei Gemeindeneugründungen (welche oft die bestehenden Gemeinden noch mehr ausbluten lassen, weil die wenigen kreativen und innovativen Leute abgezogen werden…). Aber wir erleben ja auch bei neuen Gemeinden, dass auch sie nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten ihre Traditionen herausbilden und oft auch unbeweglich und bequem werden.

Was ist die Konsequenz des Buches? Zum Beispiel für die Gemeinde in der ich bin? Ich sehe beim besten Willen nicht, wie wir auch nur ein Bruchteil dieser Revolution umsetzen sollten. Dazu fehlen zum einen die Visionäre und Träumer und zum anderen werden wohl 95% der Gemeinde gar nicht verstehen, warum man plötzlich ALLES ganz anders machen soll (darum geht’s doch bei einer Revolution, oder?). Eigentlich müssten wir zumachen und ganz neu anfangen. Mich frustriert das Buch, weil es mir ganz klar macht, dass unsere Gemeinde, so wie sie jetzt ist, keine Zukunft in der Postmoderne hat. Zugleich macht mir das Buch deutlich, dass wir eigentlich nichts dran ändern können, weil uns die Kraft zu einer Revolution fehlt…

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