Exodus 21 Auge um Auge

Manches in diesem Kapitel erscheint mir fremd. Das sind Rechtssätze aus einer anderen Zeit und anderen Kultur. Niemand den ich kenne würde z.B. ernsthaft auf die Idee kommen, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen (vgl. V.7 – wobei das auch heute in anderen Kulturen noch normal ist). Die konkreten Gebote der Bibel kritisieren nicht die damalige Kultur des Sklavenhandels, aber sie ordnen die damalige Kultur mit bestimmten Grundsätzen.

Einer dieser Grundsätze ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn,…“ (V.24). Dieser Grundsatz gilt von der Bedeutung her bis heute in unserem Rechtssystem. Es ist der Grundsatz der angemessenen Strafe: Die Schwere der Strafe muss dem Gewicht des Vergehens angemessen sein, sie darf nicht zu leicht und nicht zu schwer sein. Jemand der einen Kaugummi geklaut hat muss anders bestraft werden, als jemand der einen Mord begangen hat. Ob dieses Auge um Auge damals wörtlich ausgeführt wurde ist umstritten. Verse wie V.18f und V.26f deuten eher auf eine übertragene Bedeutung hin. Dieses Gebot verhindert eine hemmungslose Rachsucht, sie beschränkt die Bestrafung auf ein angemessenes Maß. So fremd und veraltet sind also die Grundsätze hinter diesen Geboten gar nicht.

Nun hat ja Jesus bekanntlich dieses Gebot in Frage gestellt (Mt.5,38-42). Wen uns jemand Böses tut, so sollen wir uns nicht wehren, sondern im Gegenteil: wenn uns jemand auf die linke Backe schlägt, sollen wir ihm auch noch die rechte hinhalten! Was gilt nun als Christ? Auge um Auge? Oder soll ich die andere Backe hinhalten?

Ich denke es ist wichtig, den Hintergrund der Aussagen mit ein zu beziehen. In Exodus geht es um allgemeine Rechtssätze für das Zusammenleben. Hier muss es gewisse Grundsätze geben, wie eine Gemeinschaft mit Menschen umgeht, die andere schädigen. Jesus spricht den Menschen persönlich an: Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand Böses tut? Poche ich auf mein Recht oder verzichte ich bewusst darauf, um dem anderen etwas von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes deutlich zu machen? In dieser Spannung leben wir: Wo ist es nötig, dem Bösen Einhalt zu gebieten und wo ist es nötig, das Böse durch Gutes zu überwinden?

| Bibeltext |

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.