Ernst Augustin: Mahmud der Bastard

Also, ich mag seine Bücher. Ernst Augustin ist ein ausgezeichneter Erzähler mit einem weiten Horizont und einem feinen Gespür für Humor. So manches mal spürt man richtig, wie er als Schriftsteller seinem Leser zuzwinkert. Er hat einen breiten Wissens- und Erfahrungshintergrund (als Arzt und Psychologe, der auch schon einige Jahre in Afghanistan gearbeitet hat), den er mit leichter Hand in seine Bücher einfließen lässt.

Der Roman beschreibt die Geschichte einer historischen Person: Mahmud von Ghazni, der um das Jahr 1000 n.Chr. in Afghanistan gelebt hatte. Aber der Roman ist keiner dieser gewöhnlichen historischen Romane, die einem weismachen wollen, dass es sich so, oder zumindest so ähnlich, tatsächlich zugetragen hat. Dazu ist Augustin sich der historischen Distanz und der dürftigen Quellenlage viel zu bewusst. Deswegen lässt er den Leser immer wieder teilhaben an seinem Ringen mit dem Stoff und mit dieser Person, die sich im Lauf des Schreibens sympathischer entwickelt als es eigentlich gedacht war. Eigentlich geht es um einen Bösewicht, einen Schlächter (die ursprüngliche Ausgabe trug den Titel: Mahmud der Schlächter). Aber dem Autor wächst dieser Bösewicht im Lauf des Erzählens sichtbar ans Herz.

Mahmud ist einer der Söhne eines afghanischen Fürsten, der eigentlich schon kurz nach der Geburt sein Leben verlieren sollte, weil die Mutter eines anderen Sohnes gegen ihn intrigiert. Wie durch ein Wunder kommt er mit dem Leben davon und wird die ersten Lebensjahre von einer Löwenmutter großgezogen. Wir merken schon hier, dass Augustin keinen historischen Bericht geben möchte, sondern einstimmt in den vielstimmigen Chor der afghanischen Legende, die das Leben des Mahmuds umranken. Noch so manch sonderliche und wunderbare Begebenheit wird im Lauf des Buches erzählt.

Sein Gegenspieler ist ein verwöhnter indischer Prinz, der jedoch auf seine Weise auch ein schweres und entbehrungsreiches Leben führen musste. Mahmud ist eine Zeit lang als Anführer einer räuberischen und wilden Rotte unterwegs und verbreitet Furcht und Schrecken. Dabei wird sein Ruf größer, imposanter und brutaler als seine Taten. Auf jeden Fall findet er durch viele Wirrnisse hindurch am Ende doch noch so etwas wie persönlichen Frieden.

Ein phantastisches Buch. Dabei meine ich „phantastisch“ nicht in erster Linie als Bewertung, sondern als Beschreibung des Inhalts. Man kommt sich vor, als ob man irgendwo in Afghanistan am Lagerfeuer sitzt und jemand erzählt mit leuchtenden Augen und mit ganzem Körpereinsatz von dem großen Mahmud. Wie so oft bei Ernst Augustin geht es aber nicht nur um eine spannende Abenteuergeschichte, sondern auf einer anderen Ebene, um die Geschichte einer langwierigen und schwierigen Selbstfindung. Ohne dass es angesprochen wird, geht es um die Frage nach der eigenen Identität, um die Frage: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wie finde ich Erfüllung und Frieden?

Ein Buch das ich sehr genossen habe, gerade wegen der Verbindung von spannender und gut erzählter Geschichte und tiefgründigen Fragen, nach der eigenen Identität und nach historischer Wahrheit. Und das Ganze wird mit einem Schuss Humor noch etwas versüßt…

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