Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah

Ein wundervolles Buch von Schmitt. Wieder mal! Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Eleganz er es auf relativ wenig Seiten schafft, eine tiefgehende Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die fesselt, berührt und nachdenklich macht.

Es geht um einen kleinen jüdischen Jungen, namens Joseph. Er ist zu Beginn der Erzählung sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Nazi-Deutschland. Als die Situation für die Juden immer brenzliger wird, entschließen sich seine Eltern, ihn zu verstecken. Über Umwege landet er bei Pater Bims, der in seinem katholischen Waisenhaus außer Joseph noch mehr jüdische Kinder versteckt. Joseph bekommt einen gefälschten Pass und verliert den Kontakt zu seinen Eltern. Das Buch erzählt nun, wie Joseph die Zeit im Waisenhaus bis zum Ende des Krieges übersteht und wie ihm sein älterer Freund und Beschützer Rudy und vor allem Pater Bims ans Herz wachsen.

Aber bei Schmitt geht es natürlich um mehr als „nur“ eine spannenden Überlebendgeschichte aus dem dritten Reich. Es geht um das jüdische Volk und im Besonderen auch um den jüdischen Glauben (auch in seiner Beziehung zum christlichen Glauben). Pater Bims will aus Joseph keinen Katholiken machen, sondern im Gegenteil: Er bringt ihm den jüdischen Glauben nahe. Der Pater sieht sich selbst als eine Art Noah: So wie Noah damals in der Arche die Tiere vor dem Aussterben bewahrt hat, so möchte er die jüdische Tradition vor dem Untergang bewahren. Er beschäftigt sich selbst mit der hebräischen Sprache, mit den jüdischen Gebräuchen und trägt auch durch die Rettung von jüdischen Kindern zum Fortbestand des Judentums bei. Seine Waisenhaus  ist auch so etwas wie die Arche Noah. Und Joseph ist als Jude, der die Katastrophe des Natinalsozialismus überlebt, ein Kind von Noah: Er rettet in seiner Person die jüdische Kultur in die Zukunft.

Schmitt ist ein richtiger Sprachkünstler. Man merkt an vielen Stellen, dass er richtig um treffende und originelle Formulierungen gerungen hat. Und trotzdem scheint sein Schreibstil immer leicht und mühelos zu klingen. Er zeichnet die Personen scharf und eindrücklich. Ganz besonders gefallen hat mir in diesem Buch der Charakter der „Kruzitürk“ (Sie wird von allen so genannt, weil sie gerne und oft flucht und dabei vorzugsweise diesen Ausdruck gebraucht…). Ein richtiges, deftiges Original wird uns hier vor Augen gemalt, mit harter Schale und darunter doch irgendwo ein weicher Kern.

Hier ein Zitat (die Stelle an der „Kruzitürk“ eingeführt wird):

„Madmoiselle Marcelle galt als Kinderschreck, und als sie sich zu mir hinunterbeugte, blieb die übliche Wirkung nicht aus: Ich hätte um ein Haar laut aufgeschrien. War es das diffuse Licht? Die Beleuchtung von unten? Madmoiselle Marcelle ähnelte allem, nur keiner Frau, eher einer Kartoffel auf einem Vogelkörper. Ihr Gesicht, matt, braun, gefleckt und unförmig, wirkte mit seinen grobgeschnittenen, faltigen Zügen und den zusammengekniffenen Lidern wie eine frisch geerntete Rübe, in die ein Bauer mit seiner Hacke einen schmalen Mund und zwei kleine Ausbuchtungen – die Augen – geschlagen hatte; schütteres, an den Wurzeln weißes und an den SPitzen rötliches Haar ließ vermuten, dass es im Frühjahr möglicherweise neu wuchs. Auf dünnen Beinen, ihren wie bei einem Rotkelchen vom Hals bis zur Leiste bauchiger Rumpf vornübergebeugt, die Hände in die Hüften gestemmt und die Ellbogen wie Flügel nach hinten gelegt, beäugte mich Madmoiselle Marcelle, ehe sie nach mir pickte.“ (S.33)

Köstlich!!!

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