Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsames Leben

Bonhoeffer zu lesen ist immer wieder faszinierend und herausfordernd. So auch dieses Büchlein über das gemeinsame Leben von Christen. Bonhoeffer hat die ca. 100 Seiten im Herbst 1938 geschrieben. Das Predigerseminar in Finkenwalde, welches er geleitet hatte, wurde 1937 von den Nazis geschlossen. Dort hatte er mit den angehenden Pfarrern ganz konkret gemeinsames Leben gestaltet. In dem Buch möchte Bonhoeffer seine Gedanken und Erfahrungen nun auf andere Weise weitergeben.

Im ersten Kapitel geht es allgemein um christliche Gemeinschaft. Bonhoeffer betont die Wichtigkeit von Gemeinschaft und dass es gar nicht selbstverständlich ist, dass wir Christen Gemeinschaft leben können. Gemeinschaft ist vor allem anderen ein Geschenk. Zwei Grundgedanken des Kapitels sind folgende: „Erstens, christliche Bruderschaft ist kein Ideal, sondern eine göttliche Wirklichkeit. Zweitens, christliche Bruderschaft ist eine pneumatische und nicht eine psychische Wirklichkeit.“ (S. 22) Gemeinschaft ist kein Ideal, das wir durch unsere Bemühungen erreichen müssen, sondern es ist von Gott vorgegebene Realität: wer zu Christus gehört, der gehört damit zum Leib Christi und ist damit automatisch Teil der christlichen Gemeinschaft (ob er es will oder nicht). Wichtig ist aber, dass diese Gemeinschaft nicht auf menschlichen Möglichkeiten (Sympathie, Zuneigung, Gefühlen, …) beruht, sondern es ist eine geistliche Realität: Grundlage ist allein die Zugehörigkeit zu Christus und gestaltet wird diese Gemeinschaft, wenn wir lernen, den anderen mit den Augen Christi zu sehen (als einen Menschen mit Fehlern, Schwächen und Sünden, der aber von Gott geliebt ist und Vergebung erfahren darf).

Das zweite Kapitel heißt „Der gemeinsame Tag“. Dort macht Bonhoeffer konkrete Vorschläge, wie eine regelmäßige gemeinsame Andacht einer Hausgemeinschaft aussehen sollte. Auf jeden Fall gehören für ihn Schriftlesung, Lied und Gebet dazu. Beim Gebet ist Bonhoeffer das gemeinsame Gebet des Psalters besonders wichtig: „Der Psalter ist die große Schule des Betens überhaupt.“ (S. 40) Bei der Schriftlesung spricht er sich für eine fortlaufende Lesung von Bibelbüchern aus, so dass man die Schrift in größeren Zusammenhängen kennenlernt. Ziel ist es, dass jeder Christ lernt, selbstständig mit der Schrift umzugehen. Das gemeinsame Singen steht ganz im Dienste des Wortes Gottes und dient der Einordnung in die Gemeinschaft. Aus beiden Gründen soll es daher einstimmig erfolgen. Interessant ist bei Bonhoeffer auch, dass die Tischgemeinschaft ein wichtiger Aspekt des gemeinsamen Tages ist.

Das dritte Kapitel behandelt den einsamen Tag. Programmatisch sagt der Autor dazu: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor Gemeinschaft.“ (S. 65) Es gilt aber auch umgekehrt, man nur allein sein kann, wenn man in der Gemeinschaft steht. Herausfordernd fand ich v.a. die Gedanken zur persönlichen Meditationszeit (von vielen heute als „stille Zeit“ bezeichnet). Sehr nüchtern wehrt sich Bonhoeffer hier gegen alle Verklärungen. Es geht hier nicht um besondere geistliche Erlebnisse, sondern um treue Schriftbetrachtung, Gebet und Fürbitte. Es fallen Sätze wie: „Wenn uns die Meditation lange Zeit nichts anderes bedeutete als dies eine, dass wir Gott einen schuldigen Dienst leisten, so wäre das genug.“ (S. 69) Also selbst wenn ich das Gefühl habe es bringt mir gar nichts, soll ich treu weiter machen! In der Fürbitte für die anderen in der Gemeinschaft sieht Bonhoeffer „das Herz alles christlichen Zusammenlebens“ (S. 73). Ohne Fürbitte geht die Gemeinschaft zugrunde, in der Fürbitte können alle persönlichen Spannungen überwunden werden!

Im vierten Kapitel geht es um den Dienst. Auch hier steht zu Beginn eine nüchterne Beobachtung: in jeder Art von Gemeinschaft kommt es früher oder später dazu, dass sich die Menschen gegenseitig beobachten, beurteilen und versuchen einzuordnen (diese Herstellen einer Hackordnung kann unbewusst geschehen und dabei auch sehr fromm aussehen). Dem setzt Bonhoeffer das Dienen gegenüber. Wir sollen nicht über den Anderen richten, sondern ihm dienen. Und zwar nicht nur in oberflächlichen Kleinigkeiten, sondern ganz radikal: Ein Christ „wird bereit sein, den Willen des Nächsten für wichtiger und dringlicher zu halten als den eigenen.“ (S. 81) Besonders gefallen, oder besser gesagt: aufgeschreckt, hat mich folgender Satz: „Die Sünde der Empfindlichkeit, die in der Gemeinschaft so rasch aufblüht, zeigt immer wieder, wieviel falsche Ehrsucht und das heißt doch, wieviel Unglaube noch in der Gemeinschaft lebt.“ (S. 81) Die Sünde der Empfindlichkeit! Oh ja, wie gut kenne ich diese Sünde von anderen, aber auch von mir selbst! Konkret wird der Dienst am Anderen im Zuhören, in der praktischen Hilfsbereitschaft, im Tragen (und Erleiden) des Anderen und im Zuspruch des rechten Wortes zur rechten Zeit (das wir nur sagen können, wenn wir selbst auch harte Vorwürfe und Ermahnungen demütig und dankbar annehmen).

Das abschließende Kapitel behandelt die Beichte und das Abendmahl. Eindrücklich zeigt Bonhoeffer auf, welchen Schatz wir evangelischen Christen verloren haben, indem wir die Beichte gegenüber einem anderen Mitchristen ganz aus unserem praktischen Glaubensleben verbannt haben. Für Bonhoeffer geschieht gerade in der Beichte der Durchbruch zu echter Gemeinschaft und auch der Durchbruch zum Kreuz. Es geht hier um mehr als um psychologisch geschultes Zuhören: „Vor dem Psychologen darf ich nur krank sein, vor dem christlichen Bruder darf ich Sünder sein.“ (S. 100) Gegen alle christliche Heuchelei und Schönfärberei geht es in der Beichte wirklich ans Eingemachte!

Vieles in dem Buch klingt für heutige Ohren sehr extrem und erinnert an einen vergangenen Frömmigkeitsstil. Man darf bei der Lektüre sicher auch nicht die geschichtlichen Hintergründe vergessen, in denen Bonhoeffer eine Zuspitzung der biblischen Botschaft wichtig war. Auch schimmert immer wieder der lutherische Hintergrund des Autors durch. Aber trotzdem und gerade in diesen Zuspitzungen ist das Buch absolut lesenswert. Nicht nur im Bezug auf gemeinsames christliches Leben, sondern auch für den Einzelnen stecken hier genügend Herausforderungen drin! Auch in unserer heutigen Zeit wirkt Bonhoeffers Buch sehr kraftvoll, aktuell und frisch. Ich mag Bonhoeffers Klarheit und Konsequenz. Ich mag auch seine Nüchternheit, die doch niemals trocken und farblos wird.

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