Dem Tod ins Angesicht schreien

Sie jammern, schreien, weinen und klagen um ihre Toten.

Gestern hab ich eine Doku gesehen über einen Stamm von südamerikanischen Ureinwohnern. Es ging vor allem um eine bestimmte Art des Ringkampfs, den sie untereinander und gegen andere Stämme austragen. Aber es ging auch darum, wie sie von ihren Toten Abschied nehmen. Einmal im Jahr gibt es ein großes Totenfest.

Jeder Tote des vergangenen Jahres wird durch einen großen Holzstamm repräsentiert. Dieser Holzstamm wird von den Dorfbewohnern liebevoll angemalt. Jeder Tote erhält einen individuell gestalteten Stamm, es werden Symbole drauf gemalt, die etwas von der Persönlichkeit des Verstorbenen deutlich machen.

Beim Fest selbst gibt es dann eine große Totenklage. Und da ist die Stimmung nicht still und feierlich, sondern laut und durcheinander. Es wird geschrien, geweint und gejammert. Man sieht den Gesichtern den Schmerz an, die Traurigkeit und die Verzweiflung. Der Schmerz kommt heraus, er kommt an die Oberfläche, er wird laut und erlebbar.

Auch in biblischen Zeiten wurde ja auf ähnliche Weise getrauert. Es gab viele Rituale, es gab die unterschiedlichsten Möglichkeiten den Tod auch lautstark zu beklagen.

In unserer Kultur geht es da seltsam ruhig und gefühlskalt zu. Das Wichtigste auf einer Beerdigung scheint zu sein, dass man die Fassung nicht verliert. Ein paar verstohlene Tränen sind erlaubt, aber ansonsten muss es ruhig, würdevoll und feierlich zugehen. Warum? Wann haben wir verlernt den Schmerz heraus zu schreien? Warum dürfen wir keine Gefühle zeigen?

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