Clare Dudman: 98 reasons for being

So, das letzte Buch aus meiner Urlaubslektüre. Jaaa, hatte viel Zeit zum Lesen… 😉

Den Struwwelpeter kennt wohl jeder, oder? Ich erinnere mich auf jeden Fall, dass wir den als Kinder auch hatten. In dem Buch von Dudman geht es nun um den Autor dieses Kinderbuches: Heinrich Hoffmann. Es ist eigentlich ein wenig tragisch, dass er nur noch für den Struwwelpeter bekannt ist, denn er selbst hätte als das Wichtigste seines Lebens wahrscheinlich seine Arbeit genannt. Er war Leiter der Frankfurter Nervenheilanstalt und einer der ersten, der „Verrückte“ nicht einfach wegsperren wollte, sondern ihnen durch psychologische Gespräche zur Heilung helfen wollte. Nachdem er lange Jahre in ungeeigneten und zu kleinen Räumlichkeiten in Frankfurt gearbeitet hat, wurde auf sein Betreiben hin ein moderner Neubau am Stadtrand gebaut. Der Struwwelpeter war eigentlich nur eine selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte für eines seiner Kinder, das man heute wohl als ADHS-Kind bezeichnen würde. Im Roman taucht diese Beziehung zu seinem Sohn auch als Nebenhandlung auf.

Das eigentliche Thema ist aber ein Einblick, wie es damals in einem Irrenhaus zuging. Die Charaktere beruhen zum Teil auf wahren Begebenheiten (Hoffmann selbst und seine Familie) und sind zum Teil erfunden (die Bewohner der Anstalt). Auch wenn der Autorin so manches Feingefühl für den deutschen Hintergrund fehlt, so beschreibt sie doch eindrücklich, wie damals im 19. Jh. wohl ein Leben in solchen Anstalten aussah. Hoffmann opfert sich für seine Patienten auf und sieht seine 98 Bewohner der Anstalt als seine 98 Gründe zum Leben an.

Neben Hoffmann ist die Hauptperson ein junges, jüdisches Mädchen, Hannah Meyer. Sie kommt in die Anstalt, weil sie sich völlig in sich selbst zurück gezogen hat und kein Wort mehr redet. Nach damaligen medizinischen Wissensstand versuchte man solchen Leuten mit körperlichen Mitteln zu helfen, z.B. durch den Schock von eiskalten Bädern. Man meinte, dass Nervenkrankheiten körperliche Ursachen haben und dass man sie deswegen auf diese Weise behandeln müsse. Hoffmann entdeckt bei Hannah Schritt für Schritt, dass ihr Gespräche sehr viel mehr helfen, als alles andere. Er nimmt sich viel Zeit für sie, erzählt viel von sich selbst und erlebt mit der Zeit, dass sich Hannah öffnet und auch selbst wieder anfängt zu reden. Auf diese Weise wird Hoffmann zum Pionier der Gesprächstherapie.

Auf jeden Fall ein interessanter Einblick in die Welt des 19. Jh. Gut und solide geschrieben, ordentlich recherchiert. Es wird einem deutlich, welch enorme Fortschritte die Medizin in den letzten Jahrhunderten gemacht hat und wie archaisch man noch im 19. Jh. versucht hat psychische Krankheiten zu behandeln.

Spannend fand ich vor allem die Figur der Hannah. Welche Verletzungen führen bei einem Menschen dazu, dass er sich völlig von der Welt zurück zieht? Wie kann man Menschen begegnen, die ihr Herz hart gemacht haben und die sich aus Angst vor Verletzungen vor aller Nähe abschotten? Denn ich glaube in weniger extremer Form ist das etwas, an dem auch heute viele Menschen leiden: Sie haben Angst vor Verletzungen und lassen deswegen echte Nähe nicht zu. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Angst davor haben, sich Gott und dem Glauben zu öffnen? Bei Hoffmann wird deutlich, dass ein zentraler Punkt zur Hilfe ist, dass sich das Gesprächsgegenüber selbst auch öffnet, verletzbar wird und auch eigene Schwächen preisgibt.

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