Christoph Schlingesief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

Schlingensief war ein deutscher Allround-Künstler, der unter anderem als Film-, Theater- und Opernregisseur tätig war. 2008 wird bei ihm, im Alter von 47 Jahre Lungenkrebs festgestellt. Es folgen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Das hektische Leben des aktiven Künstlers steht plötzlich still und es kommen jede Menge Fragen und Ängste hoch. Schlingensief versucht das alles zu verarbeiten, indem er – vor allem in der Anfangszeit nach der Diagnose und der Operation – immer wieder seine Gedanken und Gefühle auf ein Diktiergerät spricht. Das Buch ist die Verschriftlichung dieser Aufzeichnungen. Es ist so etwas wie das Tagebuch eines Krebserkrankten (der dann 2010 an seiner Krankheit stirbt).

Als jemand, der selbst eine Operation wegen eines Gehirntumors hinter sich hat und regelmäßig zur Nachuntersuchung muss, hat mich das Buch besonders berührt. Jede Krebserkrankung ist wieder anders und jeder Betroffene geht damit wieder anders um. Bewegend bei Schlingesief ist, mit welcher Offenheit und Radikalität er sich seinen Fragen und Gefühlen stellt. In den Aufzeichnungen erlebt man mit ihm den rasanten Wechsel zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung auf der einen Seite und immer wieder Hoffnung und zur Besinnung kommen auf der anderen Seite.

Der Autor sucht nach Antworten, er ringt mit sich selbst und mit Gott. Immer wieder beschäftigt ihn auch die Auseinandersetzung mit seinem vor kurzem verstorbenen Vater. Interessant für mich war vor allem die Beschäftigung mit Gott. Schlingensief stammt aus katholischen Hintergrund und er spricht immer wieder von Gott, Jesus und Maria. Manchmal will er gar nichts mehr mit Gott zu tun haben und Gott erscheint ihm weit entfernt und höhnisch. Manchmal fühlt er sich auch getröstet und der Glaube gibt ihm Halt. Spannend auch wie er realisiert, dass er sein Lebenstempo ändern muss, dass er langsamer leben muss und nicht mehr für alles Zeit haben muss.

Worin ich ihm unbedingt zustimme ist, dass sich unsere Gesellschaft nicht ernsthaft mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzt. Das hat kein Platz bei uns. Natürlich haben wir alle Angst davor – aber ob wir mit dieser Angst besser zurecht kommen, wenn wir den Tod einfach verdrängen und nicht wahr haben wollen? Ich fürchte auch wir Christen tun uns oft damit schwer. Wie oft begegnet mir gerade bei Christen eine Verdrängung der Vergänglichkeit. Viele Christen leben genauso nach dem Motto: Hauptsache gesund. Leid und Schmerz hat keinen Platz. Was zählt ist Heilung, Glück und Frieden. Wie viele Berichte und Bücher gibt es über Menschen, die von Gott auf wunderbare Weise gerettet und geheilt wurden? Und wie viele Bücher gibt es darüber, wie Christen mit Würde in den Tod gegangen sind? Aber früher oder später trifft es uns alle! Im Mittelalter gab es noch Bücher über die Kunst des Sterbens (ars moriendi) – heute beschäftigen wir uns mehr mit der unmöglichen Kunst des Nicht-Sterbens.

Das Buch von Schlingensief ist ein guter Anlass, um über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Aber auch über das eigene Leben: was ist mir wichtig, womit lohnt es sich, meine kostbare Lebenszeit zu verbringen, was will ich für mich oder auch für andere in meinem Leben tun? Schlingensief hatte auch in seiner Krankheit noch einen unbändigen Hunger nach Leben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas schöneres geben kann, als dieses irdische Leben. Ich lebe auch gern – aber ich seh das dann doch anders: wenn’s schon hier so schön ist – wie genial wird das erst im Himmel werden!

Zitate

  • „Aber Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist auch nicht da. […] Es ist alles ganz kalt. Es ist keiner mehr da. Alles ist tot.“ (S. 71)
  • „Es geht um dieses Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das kann ein Baum sein, ein leckeres Essen, alles, was mir jetzt mehr bedeutet als jemals zuvor. Das Normalste ist das Schönste.“ (S. 103)
  • „Musik kommt jedenfalls aus einer anderen Sphäre, Musik ist wirklich göttlich. Das sagen die Indios, das sagen die Afrikaner, das sagen eigentlich alle. Nur wir glauben, sie kommt aus dem Radio.“ (S. 174)
  • „Das Gottesprinzip ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip?“ (S. 211)

(Amazon-Link: Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!)

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.