Psalm 5 – Sünder sind immer die andern

Also ich finde den Umgang mit eigener und fremder Sünde in diesem Psalm ziemlich seltsam. Die Lügner und Übeltäter können nicht vor Gott bestehen. Denen wird’s allen ziemlich dreckig gehen, weil Gott sie auf den Tod nicht ausstehen kann. Aber selbstverständlich gehört der Psalmbeter selbst nicht zu diesem Lumpenpack. Er darft vor Gott kommen und ihn in seinem Tempel anbeten. Er scheint frei von aller Sünde zu sein und darf sich deshalb in Gottes Güte sonnen.

Hmhm, hat sich da was in unserem Sündenverständnis geändert? Sehen wir heute die Sünde zu kleinlich? Ich könnte nicht in diese Richtung beten: „Hab Dank Herr, dass ich nicht so ein verkommener Sünder bin wie die anderen, sondern dass ich ein Gerechter bin, dem du Gunst erweist.“ Mein Gebet ist eher: „Herr, sei mir Sünder gnädig.“

Psalm 4 – In Frieden schlafen

Zwei Verse sind mir bei diesem Vers besonders ins Auge gefallen. Der eine ist V.5: „Sündigt nicht, wenn ihr zornig seid. Nehmt euch eine Nacht Zeit, um darüber nachzudenken und verhaltet euch ruhig.“ (Neues Leben Übersetzung). Wie viel Leid würde uns erspart bleiben, wenn wir das auch nur halbwegs praktizieren würden!!! Klasse, wie nüchtern und pragmatisch die Bibel auch mit solchen „alltäglichen“ Problemen umgeht. Zu beachten ist: Der Zorn an sich ist noch keine Sünde. Der Zorn kommt ganz einfach, ohne dass wir das groß verhindern können. Der kommt bei jedem von uns. Ob aus dem Zorn dann aber Sünde wird, entscheidet sich erst an meinem Umgang mit dem Zorn.

Die andere Stelle ist V. 9: „Ich liege und schlafe, ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ Ich erinnere mich dabei an ein Gespräch mit jemandem, der erzählt hat, dass er schon lange Zeit nicht mehr richtig schlafen kann. Dieser Mensch wird von vielen Ängsten und viel Misstrauen bestimmt. Inwieweit diese Ängste berechtigt sind, kann ich nicht so recht beurteilen.

Aber eins ist mir deutlich geworden: Es ist ein echtes Geschenk und nicht hoch genug einzuschätzen wenn man wie der Psalmbeter, wirklich in Frieden schlafen kann und sich bei Gott geborgen weiß. Natürlich gibt es für Schlaflosigkeit jede Menge unterschiedlicher Ursachen und man darf sich das nicht zu einfach machen (Nach dem Motto: Glaube nur – und alle deine Probleme werden gelöst sein). Und doch glaube ich, dass ein tiefes Vertrauen auf Gott hier manches bewirken kann. Wer diesen Frieden Gottes wirklich in sich hat, hat zumindest bessere Chancen auch im Schlaf Frieden zu finden.

Psalm 3 – Gejammer trotz Vertrauen

Ich finde an diesem Psalm das Ineinander von Bitte und Klage auf der einen Seite und der Vertrauensstellung auf der anderen Seite sehr schön und wohltuend. Einerseits klagt und bittet der Beter: „Ach, Herr, wie sind meiner Feinde so viel… Ich rufe mit meiner Stimme zum Herrn… Ach, Herr, hilf mir mein Gott!“ Auf der anderen Seite ist er sich irgendwie sicher, dass Gott hilft: „Aber du, Herr, bist der Schild für mich… der Herr hält mich… Bei dem Herrn findet man Hilfe“.

So erlebe ich das auch in meinem Glauben: Dass das Vertrauen auf Gott nicht einfach mein Klage und Bitte auslöscht. Da ist beides da: Mein Gejammer vor Gott über so manches Schlechte in meinem Leben und in der Welt um mich herum. Und zugleich auch irgendwie das Vertrauen: Gott ist da und hilft. Das eine macht das andere nicht überflüssig.

Psalm 2 – Der wahre König

Ganz schön eingebildet, dieses kleine Königreich Juda. Man geht davon aus, dass dieser Psalm ursprünglich bei der Krönung der Könige von Juda vorgetragen wurde. Es wird im Psalm berichtet, wie angesichts des neuen Königs die beherrschten Völker aufbegehren und sich befreien wollen. Ganz selbstverständlich wird angenommen, dass der jüdische König von Gott selbst eingesetzt wurde und dass sich deswegen die Könige anderer Länder Juda unterordnen sollen. Der König wurde sogar als Sohn Gottes gesehen. Mit der Krönung wurde er von Gott als Sohn gezeugt.

Nun war es aber in der Geschichte Israels nie der Fall, dass das jüdische Volk politisch eine große Rolle gespielt hätte. Am ehesten noch unter David und Salomo. Danach zerfiel das Königreich in Nordreich und Südreich. Es wurde noch mehr als vorher zum Spielball der Großmächte im Norden (zunächst die Assyrer, später die Babylonier) und im Süden (Ägypten). Israel und Juda hatten im Konzert der Mächtigen nicht viel zu sagen. Nicht mal im Traum wäre es den Ägyptern oder Assyrern eingefallen, den Gott Israels anzubeten und ihn damit als mächtiger, als die eigenen Götter anzuerkennen. In ihren Ohren muss dieser Psalm zur Thronbesteigung ziemlich lächerlich geklungen haben.

Erst mit der Zeit haben die jüdischen Gläubigen kapiert, dass hinter den Worten von Psalm 2 eine größere Wirklichkeit steht, als die aktuell tagespolitische. Der Psalm wurde später als Ankündigung des Messias gelesen. Man hoffte (und die Juden hoffen das bis heute), dass Gott einmal den wahren König schicken wird, und dass dann endlich alle Könige und Königreiche den wahren Gott erkennen werden.

Als Christ lese ich diesen Psalm im Licht von Jesus. Er ist der Sohn Gottes. Er ist der König. Aber sein Königreich ist von ganz anderer Art als alle anderen. Seine Königskrone ist der Dornenkranz. Gott macht seine Verheißungen auf eine ganz andere, viel weitreichendere und tiefgreifendere Weise wahr, als wir Menschen uns das zunächst vorstellen und denken können. Ich glaube, es geht uns bis heute mit vielen Bibelstellen so: dass wir (noch) gar nicht erfassen und verstehen können, auf welche weitreichende und tiefgreifende Weise Gott sein Wort erfüllen wird.

Psalm 1 – Zu seiner Zeit

Nachdem ich jetzt lange Zeit gebraucht habe, um Matthäus durchzulesen, möchte ich gerne wieder etwas alttestamentliches lesen: Die Psalmen. Im Studium wurde das häufig als „das Gebetbuch Israels“ bezeichnet. Und ich bin echt dankbar für dieses Gebetbuch. Denn da geht es nicht nur um theologische Richtigkeiten, sondern es begegnen uns Menschen mit ihren ganzen Fragen, Klagen und Zweifeln, aber auch mit ihrer Freude und ihrer Begeisterung für Gott. Von diesem Gebetbuch möchte ich gerne einiges für mich selbst lernen.

ObstbaumDer erste Psalm ist so etwas wie die Überschrift über den ganzen Psalter. Es werden hier zwei Wege gegenübergestellt: Der Weg des Gottlosen, der nach Überzeugung des weisheitlichen Psalmbeters früher oder später vergeht. Und der Weg des Gläubigen. Mir gefällt ganz besonders das Bild vom Baum. Wer Gott vertraut, der ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Er wird grünen und er wird seine Frucht bringen und zwar „zu seiner Zeit“. Die Frucht wird nicht immer da sein, es wird vielleicht auch mal ein Jahr mit weniger Frucht geben, es wird vielleicht mal einen heißen und dürren Sommer geben, und auch im Winter wird man garantiert nichts ernten können – aber der Baum steht am Wasser und „zu seiner Zeit“ wird er Frücht bringen.

Das gibt mir Gelassenheit. Wichtig ist, am Wasser zu bleiben. Die Frucht wird dann schon kommen. Auch wenn mir es manchmal nicht schnell genug geht ;).

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