Johannes 3, 1-12 Neugeburt

Interessant dass im Johannesevangelium gleich nach der Tempelreinigung Nikodemus zu Jesus kommt. Die Tempelreinigung ist ein Affront gegen die Vertreter der offiziellen und geregelten Religion. Und Nikodemus ist ein Vertreter dieses religiösen Establishments. Er ist Mitglied des Hohen Rates und damit einer der höchsten Vertreter des jüdischen Glaubens. Allerdings wird schon hier deutlich, dass er sich gerade in dieser Rolle nicht in aller Offenheit an Jesus wenden kann, sondern er kommt im Schutz der Nacht.

Er wählt einen unverfänglichen Gesprächseinstieg und signalisiert damit seine Offenheit gegenüber Jesus. Aber wie so oft im Johannesevangelium hält sich Jesus nicht mit Äußerlichkeiten auf, sondern kommt gleich zum Zentrum. Er antwortet auf eine Frage, die Nikodemus noch gar nicht gestellt hat: Wer Gottes Reich sehen will, der muss von neuem geboren werden (V.3). Das ist für das ganze Evangelium eine zentrale Aussage. Es geht Jesus nicht um menschliche Anstrengungen, sei es im moralischen oder im religiösen Bereich, um Gott näher zu kommen. Nein, das Zentrale ist, dass wir neu geboren werden. Das ist ein uns unverfügbares Geschehen, das widerfährt uns, das können wir nicht erzwingen, es ist ein Geschenk Gottes.

Natürlich taucht auch in diesem Gespräch ein typisch johanneisches Missverständnis auf. Nikodemus versteht Jesus auf der Wortebene und fragt sich, wie ein alter Mensch neu geboren werden kann (V.4). Aber Jesus geht es nicht um eine Neugeburt im Kreissaal, sondern eine Neugeburt aus „Wasser und Geist“ (V.5). Mit diesen Stichworten ist wohl auf die Taufe angespielt. Jesus macht mit diesen Begriffen „Wasser und Geist“ deutlich, dass es nicht allein auf den äußerlichen Ritus des Wassers ankommt, sondern dass Gottes Geist wirken muss. Und dieser Geist ist uns unverfügbar, er weht wo er will (V.8). Nicht die Taufe als sakramentale Handlung ist wirksam, sondern Gottes Geist, der in ihr wirkt. Neu geboren werde ich nicht weil ich mich für Jesus entscheide und dies durch die Taufe bekenne – das gehört als Voraussetzung mit dazu. Neu geboren werde ich allein, weil Gottes Geist in mir wirkt.

| Bibeltext |

Johannes 2, 13-25 Worauf es wirklich ankommt

Für Johannes hat die Tempelreinigung ebenso programmatische Bedeutung wie das Zeichen bei der Hochzeit zu Kana. Gleich zu Beginn des Berichts über Jesu Wirksamkeit wird auch hier deutlich, um was es Jesus geht. Indem er den Tempel reinigt, macht er zeichenhaft deutlich, dass er die wahre Gottesverehrung wieder herstellen will. Glaube soll kein religiöses Geschäft sein, sondern soll sich allein auf Gott ausrichten. Gleich in dieser Geschichte wird auch deutlich, wie Jesus das letztendlich erreichen will: durch seinen Tod und seine Auferstehung (V.19). In der damaligen Situation konnte das niemand verstehen – erst im Nachhinein ist auch den Jüngern klar geworden, was damit gemeint ist.

Gleich zu Beginn lesen wir also hier einen Hinweis auf Jesu Heilshandeln in Tod und Auferstehung. So wie es schon vorher Hinweise darauf gab (z.B. Joh.1,29: Jesus als Gottes Lamm), soll hier deutlich werden, dass das ganze Evangelium unter diesem Blickwinkel zu lesen ist. Hier handelt nicht ein menschlicher Wundertäter oder ein großer Rabbi, sondern es handelt der Sohn Gottes, der für uns Erlösung und Heil bringt.

Für viele interessant ist natürlich die Frage, warum die Tempelreinigung bei Johannes zu Beginn von Jesu Wirksamkeit steht und bei den anderen Evangelien am Ende seiner Wirksamkeit. Was stimmt jetzt? Wer hat Recht? Wie war es historisch tatsächlich? Wenn wir ängstlich am Buchstaben kleben bleiben wollen, dann müssen wir behaupten, dass es zwei Tempelreinigungen gab. Ich für mich sage: Ich kann es historisch nicht genau sagen. Wir haben zwei Überlieferungen, die verschiedene Aussagen machen und dahinter kann ich nicht zurück. Wichtig ist für mich auch nicht, wann es geschehen ist, sondern dass es geschehen ist – und darin sind sich beide Überlieferungen einig.

Gerade dieser Abschnitt zeigt uns ja, wie sehr wir Jesus missverstehen, wenn wir uns nur am Buchstaben festklammern: die Juden können Jesu Aussage über den Tempel überhaupt nicht verstehen, weil sie Jesus nur buchstäblich verstehen (V.20). Jesus geht es aber in Wahrheit um eine ganz andere Ebene. So begegnen uns im Johannesevangelium häufig Missverständnisse, weil die Zuhörer Jesus auf einer viel zu oberflächlichen Ebene verstehen und gar nicht die geistlichen Wahrheiten dahinter erkennen. Ähnlich geht es uns, wenn wir die Wahrheit der Bibel an rein historischen Fragen festmachen wollen.

| Bibeltext |

Johannes 2, 1-12 Ein Hochzeitsfest am dritten Tag

Es ist kein Zufall, dass die erste öffentliche Handlung Jesu nach Johannes (er nennt es das „erste Zeichen“ Jesu; V.11) gerade die Weinvermehrung bei einer Hochzeit ist. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass Johannes am Anfang so betont, dass dies „am dritten Tag“ geschah (V.1). Das Johannesevangelium steckt voller tiefsinnigen Andeutungen hinter der Erzählebene.

In der alttestamentlichen Zukunftshoffnung wird die endzeitliche Erfüllung von Gottes Verheißungen oft mit einer Hochzeit verglichen. Wenn Gott kommt, dann wird ein Freudenfest gefeiert. Jetzt beginnt Jesu seine Wirksamkeit mit einem Freudenfest. Er sorgt sogar dafür, dass das Fest nicht so schnell zu Ende geht. Er sorgt für genügend Wein. Der Wein wird im Alten Testament teilweise kritisch gesehen, aber er ist auch ein Zeichen der Freude und der Fülle. Zu einem gelungenen Fest gehört einfach Wein dazu. Die Zeitangabe „am dritten Tag“ erinnert den Leser natürlich an Jesu Tod und Auferstehung. Jeder der die Geschichte Jesu auch nur ein wenig kennt, weiß dass er am dritten Tag nach seiner Kreuzigung auferstanden ist. In Jesu Wirksamkeit und erst recht durch seine Auferstehung am dritten Tag beginnt das endzeitliche Hochzeitsfest. Am Anfang des Markusevangeliums sagt Jesus: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen (Mk.1,15). Hier im Johannesevangelium macht er dasselbe durch seine Zeichenhandlung deutlich. In Jesus baut Gott sein Reich.

| Bibeltext |

Johannes 1, 43-51 Vom Finden

Das Finden ist ein zentrales Wort in den ersten Versen. Philippus sagt: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben.“ (V.45) Das heißt, sie haben den gefunden, den das Alte Testament als den von Gott gesandten Messias verheißen hat. Sie haben zum Glauben gefunden, sie haben Jesus gefunden. Aber spannend ist, was davor geschieht. Das zum Glauben finden ist keine einseitige Angelegenheit des Jüngers. Voraussetzung für sein Finden ist, dass er von Jesus gefunden wurde: „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus“ (V.43). Auch hier geht es nicht um ein zufälliges über den Weg laufen, sondern Jesus findet einen Menschen, nach dem er gesucht hat. Auch wir können Jesus nur finden, wenn wir zuerst von ihm gefunden wurden.

Das Finden hat hier sogar noch eine dritte Dimension: „Philippus findet Nathanael“ (V.45). Derjenige, der von Jesus gefunden wurde, wird selbst zu einem Menschen, der andere für Jesus findet. Philippus wurde von Jesus gefunden und das öffnet ihm die Augen, so dass auch er andere Menschen finden kann. Jesus kann auch heute noch selbst Menschen ganz direkt finden und ihnen den Weg zum Glauben öffnen. Aber er kann auch uns gebrauchen, um Menschen zu finden und sie zu Jesus einzuladen: „Komm und sieh es!“ Wir brauchen nicht selbst zu überzeugen, dass Jesus tatsächlich der erhoffte Retter ist. Wir brauchen nur einladen: Komm und schau es dir selbst an. Probier es aus.

Das ganze erste Kapitel hat dann in V.51 seinen Höhepunkt. Im ganzen Kapitel tauchen gängige Hoheitsbezeichnungen für Jesus auf (z.B. Gottes Sohn und König von Israel in V.49). Am Schluss bezeichnet Jesus sich selbst ausgerechnet mit dem Titel „Menschensohn“ (V.51). Das ist eigentlich gar kein Hoheitstitel, sondern in der Alltagssprache einfach die Bezeichnung für einen Menschen. Jemand der Sohn eines Menschen ist, der gehört zur Gattung Mensch. Insofern ist jeder von uns ein Menschensohn bzw. Menschentochter.

Im Zusammenhang wird es hier jedoch zu einem Hoheitstitel. Der Menschensohn ist derjenige, über dem sich der Himmel öffnet. Das ist eine Anspielung auf 1. Mo. 28,12, wo sich Jakob im Traum der Himmel öffnet und er die Engel Gottes sieht. Jesus sagt von sich, dass er der Ort auf Erden ist, an dem sich der Himmel öffnet, an dem sich irdische und himmlische Welt verbinden. Außerdem ist der Titel „Menschensohn“ auch eine Anspielung auf ein Vision von Daniel. In Dan. 7,13 sieht der Prophet jemand „mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn“. Von diesem Menschensohn sagt Daniel, dass er in einem Reich ohne Ende herrschen wird.

„Menschensohn“ betont also einerseits, dass Jesus einer von uns ist. Ein Mensch wie wir. Es betont aber anderseits auch seine Hoheit. In ihm öffnet sich für uns der Himmel. In ihm können wir von Gott gefunden werden und in ihm können wir Gott finden.

| Bibeltext |

Johannes 1, 35-42 Erste Worte

Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium sind eine Frage: „Was sucht ihr?“ Der zweite Satz den er spricht, ist eine Einladung: „Kommt und seht!“ Das Johannesevangelium ist mehr als ein historischer Bericht über etwas Vergangenes. Johannes möchte vor allem die Leser im Hier und Jetzt ansprechen. Jesus spricht nicht nur zu seinen ersten Jüngern, sondern er spricht hier mit jedem Leser. Diese Frage gilt uns: „Was suchst du?“ Ich finde es wunderbar, dass dies die erste Aussage Jesu ist. Er setzt uns nicht seine fertigen Antworten vor die Nase, sondern fragt uns erst einmal, war wir suchen. Das ist die Frage eines jeden Lebens: Was suchen wir eigentlich? Und dann lädt uns Jesus ein: „Komm und sieh!“ Glaube ist in erster Linie eine Einladung, mit Jesus unterwegs zu sein. Zu ihm zu kommen und zu sehen.

Diese doppelte Ebene des Erzählens begegnet uns bei Johannes häufiger. Er erzählt immer auf mehreren Ebenen. Da ist zunächst die oberflächliche Erzählerbene. Jesus ruft seine ersten Jünger in die Nachfolge. Da ist aber darunter zugleich die existentielle Ebene eines jeden Menschen: Was suchen wir? Wo suchen wir? Wie finden wir was wir suchen? Da ist zugleich die Einladung an den Leser: Lasse dich auf dieses Evangelium von Jesus Christus ein, folge ihm, erlebe und sehe was die ersten Jünger mit Jesus erlebt und gesehen haben.

| Bibeltext |

Johannes 1, 29-34 Lamm Gottes

Gleich zu Beginn des Evangeliums wird deutlich gemacht, wer dieser Jesus von Nazareth ist: er ist „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (V.29) und er ist „Gottes Sohn“. Im Lauf des ersten Kapitels folgen noch andere Hoheitstitel: „Messias“ (V.41), „König von Israel“ (V.49) und „Menschensohn“ (V.51). Gottes Lamm ist sicher eine Anspielung auf den Gottesknecht aus Jesaja, der „um unserer Sünde willen zerschlagen“ (Jes.53,5) wird und der ist „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“ (Jes.53,7). Zugleich ist es eine Anspielung auf das Passalamm, das jedes Jahr zur Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten geschlachtet wird. Jesus wird später genau am Passafest als das Lamm Gottes sterben.

Nach dem fulminanten Auftakt des Evangeliums (V.1-14), in welchem Jesus als Schöpfungsmittler, als Licht der ganzen Welt und als Sohn Gottes vorgestellt wird, in dem die Herrlichkeit Gottes aufstrahlt, ist der Titel „Lamm Gottes“ doch eher bescheiden. Was kann ein Lamm schon ausrichten? Ein Lamm ist ein kleines schutzloses Wesen, das auf die Schlachtbank geführt wird. Was ändert sich, wenn ein undschuldiges Lamm den ganzen Dreck, den ganzen Hass, die ganze Bosheit dieser Welt trägt? Mir kommt Jesus auch heute noch oft so vor wie ein kleines Lamm, das nichts anderes tun kann, als an der Bosheit dieser Welt zu leiden. So manches mal wünsche ich mir, dass ich Jesus nicht nur als Lamm, sondern auch als Löwe erlebe.

| Bibeltext |

Johannes 1, 19-28 Wegbereiter

Es ist im Johannesevangelium auffällig, welchen breiten Raum Johannes der Täufer in der Darstellung einnimmt. Schon im Prolog (Joh.1,1-14) wird zweimal auf ihn verwiesen. Auch danach folgt keine Geburtsgeschichte Jesu, sondern sofort die Auseinandersetzung mit der Rolle des Täufers. Man kann vermuten, dass es zur Zeit der Abfassung des Evangeliums eine Konkurrenz zwischen Jünger Jesu und Jünger des Täufers gab. In manchen Kreisen wurde wohl auch Johannes der Täufer als endzeitlicher Retter gesehen. Das Johannesevangelium betont dagegen deutlich, dass schon der Täufer selbst sich ganz bewusst als Wegbereiter Jesu verstanden hat. Er sah sich selbst nicht als der erwartete Messias, sondern er wollte auf Jesus verweisen.

Die hier dargestellte Demut des Täufers beeindruckt mich. Echte und ernst gemeinte Demut, die nicht aus Minderwertigkeitskomplexen heraus entsteht, ist heute auch unter Christen selten. Mir geht es ja selbst so. Versuche wir wirklich dem Herrn den Weg zu ebnen? Oder sind wir nicht oft genug unsere eigenen Herren? Suchen wir im Glauben nicht in erster Linie Glück und Erfüllung für uns selbst? Suchen wir nicht in erster Linie Trost und Halt für unser unruhiges Herz? Können wir wirklich demütig weg von uns selbst schauen und nur auf Gott sehen? Geht das denn überhaupt? Wenn ich mich selbst anschaue und auch andere Christen, dann sehe ich soviel „Ich, ich, ich!“ und so wenig „Du“. Das ist so manches mal verborgen unter einem frommen Deckmantel einer scheinbaren Demut. Aber dieser Deckmantel ist meist sehr dünn.

Johannes 1, 1-14 Alles gesagt

Diesen Anfang des Johannesevangeliums habe ich schon oft gelesen. Schon im Studium haben wir uns ein ganzes Semester lang in einem Seminar mit diesem Prolog beschäftigt. Und trotzdem bin ich auch beim heutigen Lesen wieder ins Stauen gekommen über diesen gewagten und gewaltigen Anfang den Johannes hier an den Beginn seines Berichtes über Jesus setzt. Größer und umfassender kann man nicht beginnen. „Im Anfang war das Wort…“ – allein in dieser Aussage liegt ein ungeheurer Anspruch. Es ist Anklang an den Beginn der hebräischen Bibel, an die Schöpfungsgeschichte. In Jesus Christus wird nicht nur Geschichte geschrieben, sondern in ihm geschieht Neuschöpfung!

In diesen wenigen Versen wird eigentlich schon alles ausgesagt. In und durch Jesus Christus wurde alles erschaffen und in und durch ihn geschieht Erlösung. In ihm wohnt alle Fülle. In ihm und durch ihn können wir Gott begegnen und Gottes Kinder werden. Er wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, um uns die Herrlichkeit Gottes zu zeigen. Und trotz allem nehmen ihn viele nicht auf, bleiben lieber in der Dunkelheit. Zentrale Schlüsselbegriffe des ganzen Evangeliums tauchen hier schon auf: Leben, Licht (und dazu der Gegensatz der Finsternis), Herrlichkeit, Wahrheit…

Für mich sind diese Verse immer wieder neu tröstlich. Vor allem anderen ist Jesus schon da. Auch wenn wir uns manchmal in der Schöpfung verloren vorkommen und so manches nicht verstehen – Jesus Christus ist viel größer und umfassender als unsere Fragen, Zweifel und Anfechtungen. Es geht nicht um ein menschliches Vorbild, dem ich mit aller Kraft und menschlichen Bemühungen nacheifern muss, um irgendwie vor Gott gut dazustehen oder ein gelingendes Leben zu haben. Nein, Jesus ist viel mehr. Er umfasst und trägt mich in all meinen Begrenzungen.

| Bibeltext |