Daniel 12 Ewiges Leben

Daniel 12,2 ist die einzige Stelle im Alten Testament, die eindeutig von der Hoffnung auf ein ewiges Leben schreibt. Ansonsten ist der alttestamentliche Glauben sehr diesseitsbezogen. Im Alten Testament wird wenig darüber spekuliert, was nach dem Tod passiert. Erst in neutestamentlicher Zeit entsteht auch in Teilen der jüdischen Frömmigkeit die Gewissheit eines ewigen Lebens. Wobei es auch zur Zeit Jesu noch starke Gruppierungen gab (wie z.B. die Sadduzäer), welche eine Auferstehung der Toten leugneten.

Auch in unserem Text ist das noch keine ausgereifte Lehre von einem Leben nach dem Tod. Daniel spricht davon dass „viele“, die unter der Erde schlafen auferweckt werden. Dieses „viele“ lässt Raum für Spekulationen offen. Es wird auch nicht näher beschrieben, was sich Daniel unter ewigem Leben vorstellt.

Ich denke auch wir heute tun gut daran, uns mit Spekulationen und all zu genauen theologischen Lehrgebäuden zum Leben nach dem Tod zurück zu halten. Wir wissen durch Jesus Christus, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Gottes Macht des Lebens ist stärker als der Tod. Wir wissen auch, dass das Böse keinen Platz in Gottes ewiger Welt hat. Aber wie wir uns das genau vorzustellen haben, wissen wir nicht. Mir genügt es, darauf zu vertrauen, dass die Gemeinschaft mit Gott durch den Tod nicht zu Ende ist.

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Daniel 9, 20-27 Unsere Zeit in Gottes Hand

An diesem Text merken wir, dass der Umgang mit prophetischen Texten gar nicht so einfach ist. Vor allem, wenn wir anfangen wollen, genau zu rechnen. Eigentlich bekommt Daniel hier eine Deutung für eine Vision, die er nicht genau versteht. Aber auch diese Deutung ist schwierig zu verstehen. Nach Dan. 9,2 hat sich Daniel Gedanken darüber gemacht, wie die Prophezeiung von Jeremia, dass die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel 70 Jahre dauern soll (Jer.25,11f), genau zu verstehen ist. Er wollte mit den Zahlen des Jeremia rechnen und hat gemerkt, dass das nicht so einfach ist.

Der Engel Gabriel erklärt ihm nun, dass 70 „Wochen“ über das Volk Israel verhängt sind. Die meisten Ausleger deuten das so, dass Daniel zu der Erkenntnis kommt, dass es bei Jeremia nicht um 70 Jahre geht, sondern um 70 „Jahrwochen“ – also 70 mal 7 Jahre. Das wären dann 490 Jahre. Aber wenn wir aus heutiger Perspektive anfangen, mit diesen 490 Jahren zu rechnen, wird es auch kompliziert. Es gibt die unterschiedlichsten Auslegungsversuche, ab wann diese 490 Jahre gerechnet werden könnten und wie die zusätzlichen Angaben im Text verstanden werden könnten.

Wenn man vom Beginn des Exils um 600 v. Chr. (nach Dan. 1,1 wurden Daniel und seine Freunde im Jahr 605 v.Chr. nach Babylonien gebracht; endgültig zerstört wurde Jerusalem dann 587 v.Chr.) 490 Jahre rechnet dann landet man ca. 100 Jahre vor Christi Geburt. Um diese Zeit ist nichts besonderes passiert. Einige Jahrzehnte davor gab es den Aufstand der Makkabäer, von dem sich viele Juden Freiheit und den Anbruch der Heilszeit erhofft hatten – aber dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Hundert Jahre später wurde Jesus von Nazareth geboren. Man kann bestimmt dennoch irgendwelche Rechenexperimente anstellen, um die Zahl 490 mit einem bedeutenden Ereignis zu verknüpfen. Aber ist das sinnvoll?

Im hebräischen Denken haben Zahlen nicht nur einen rechnerischen Zahlenwert, sondern auch einen Symbolwert. Mit der Zahl Sieben verbindet sich in der Bibel die Vorstellung der Vollkommenheit und Vollendung. Sieben mal Siebzig könnte dann ein Symbol für die Vollendung der Zeit sein, ohne einen genauen Zeitpunkt angeben zu wollen. Das Neue Testament warnt uns auf jeden Fall davor, dass wir versuchen, das Ende der Zeit berechnen zu wollen (Mk.13,32f; 2.Petr.3,8).

Ich nehme für mich mit: Gott ist der Herr der Zeit. All unsere menschlichen Berechnungsversuche sind müssig – selbst wenn sie sich auf göttliche Offenbarungen zu gründen versuchen. Meine Zeit steht in Gottes Hand. Und auch die Zeit seiner Schöpfung steht in seiner Hand. Er weiß, wann die Zeit der Vollendung und Vollkommenheit gekommen ist. Wenn das Ewige da ist, dann hört sowieso alles Rechnen auf.

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Daniel 9, 1-19 Unsere große Schuld und Gottes große Barmherzigkeit

Ein beeindruckendes Bußgebet. Bekannt aus diesem Gebet ist vor allem V.18b: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“. Ein toller Vers! Mir hat es allerdings zu denken gegeben, dass gerade dieser Vers bekannt ist und ich stelle bei meinem Beten fest, dass ich mich nicht lange mit dem Thema Buße beschäftige, sondern sehr schnell bei der Barmherzigkeit Gottes lande.

Natürlich ist die Barmherzigkeit Gottes das Entscheidende, auch in diesem Bußgebet des Daniel. Ohne Gottes Barmherzigkeit bringt alles nichts. Aber bei Daniel dauert es eine Weile, bis er im Gebet dazu kommt. Zunächst steht das eigene Versagen und die eigene Schuld im Mittelpunkt. Er lässt sich nicht gleich von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auffangen, sondern stellt sich zunächst ehrlich der Schuld. Um Gottes Barmherzigkeit wirklich ernst zu nehmen und sie ermessen zu können, ist es nötig, dass ich mich auch dem eigenen Versagen stelle.

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Daniel 7, 16-28 Das letzte Wort

Daniel lässt sich von einem Engel noch während seiner Vision, die Bedeutung seiner Vision erklären. Aber auch diese Deutung lässt noch vieles offen. Das ist wohl bewusst so, denn solche göttlichen Visionen sollen keinen Zukunfstfahrplan festlegen, sondern sie sind offen genug, um die eigenen Erfahrungen und die eigene Zeit im Licht dieser Vision zu deuten.

Was immer wieder auffällig bei solch apokalyptischen Texten ist: Gott lässt zu, dass das Böse eine Zeit lang die Überhand behält. Hier wird in V.7 gesagt, dass ein widergöttlicher Herrscher gegen die Heiligen kämpfen wird und den Sieg über sie behält! Aber in V.25 wird diese Zeit der Unterdrückung begrenzt. Danach wird Gott eingreifen und seine Heiligen, also die, die auf ihn vertrauen, erretten. Danach wird es ein Reich geben, das Gott schenkt und das nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt ist, sondern ewig ist.

Für mich entscheidend in diesem Text ist nicht die genaue zeitliche Abfolge und der Versuch, einzelne Ereignisse in unserer Weltgeschichte wieder zu entdecken. Dazu ist der Text zu offen und vieldeutig. Was mir wichtig ist, ist die Gewichtung der Zeitverhältnisse: Das Böse wird von Gott begrenzt, aber Gottes Herrschaft wird unbegrenzt sein. Auch wir machen Leiderfahrungen in unserem Leben. Aber wir dürfen wissen: das Böse wird nicht das letzte Wort haben. Und das dürfen wir nicht erst am Ende der Zeiten erfahren, sondern auch jetzt schon immer wieder: Gott hilft durch schwere Zeiten hindurch, er lässt uns nicht fallen. Er lässt uns auch jetzt schon immer wieder einen Hauch von seinem ewigen Reich schmecken.

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Daniel 7, 1-15 Der Menschensohn

In dieser Vision geht es wohl um die vier Königreiche, welche auch in Nebukanezars Traum in Dan.2 auftauchen. Im Gegensatz zu diesen tierischen Mächten, die aus der widergöttlichen Chaosmacht des Meeres heraufsteigen und immer grausamer werden, wird ein Herrscher vom Himmel kommen, der die Gestalt eines Menschensohns hat. Nach dem Gericht über die Tiere wird er in einem ewigen Reich über alle Völker herrschen. Nach Dan.7,18.27 ist dabei an das personifizierte Volk Israel zu denken.

Vom Neuen Testament her drängt sich unmittelbar der Vergleich mit Jesus Christus auf. Jesus selbst hat sich bevorzugt als „Menschensohn“ bezeichnet. Diesen Titel hat er von sich selbst weit häufiger als alle anderen Selbstbezeichnungen gebraucht. Menschensohn kann zunächst einfach „Mensch“ bedeuten. Ein Sohn des Menschen gehört (im Unterschied zu den Tieren oder himmlischen Mächten) zu der Gattung der Menschen. Auf dem Hintergrund von Dan.7 konnte diese Bezeichnung ab auch als messianischer Hoheitstitel verstanden werden.

Jesus verstand sich selbst also vor allem vor dem Hintergrund dieses Textes aus Dan.7. Als „Menschensohn“ gehört er zu der Gattung Mensch und doch hat er himmlischen Ursprung (so wie der Menschensohn in Dan.7 vom Himmel her kommt). Er richtet kein neues irdisches und vergängliches Reich auf, sondern herrscht über alle Völker in Ewigkeit. Nüchtern betrachtet, scheint er an diesem Anspruch gescheitert zu sein. Er wurde vom römischen Weltreich hingerichtet und bis heute kommen und gehen die irdischen Reiche. Aber der Glaubende erkennt, dass im Gekreuzigten und Auferstandenen ein ganz anderes, ewiges Reich begonnen hat, welches dieser „Menschensohn“ einmal vollenden wird.

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Daniel 6 Vorbildlicher Glaube

Eine der bekanntesten Geschichten im Alten Testament. Mir ist heute beim Lesen vor allem V.6 aufgefallen: „Wir werden keinen Grund zur Anklage gegen Daniel finden, es sei denn wegen seiner Gottesverehrung.“ Fast schon verzweifelt suchen Daniels Feinde einen Anklagegrund, um ihn zu Fall zu bringen. Aber sie finden offensichtlich nichts. Daniel hat sich tadellos verhalten. Er schaut nicht auf den eigenen egoistischen Vorteil, indem er z.B. Steuern hinterzieht und dies mit einem Schwarzgeldkonto in der Schweiz vertuscht, sondern er dient dem König und dem fremden Land auf vorbildliche Weise. So sollte es eigentlich immer sein, wenn andere Menschen über Glaubende urteilen. Sie sollten keinen Grund zur Anklage finden. Es wäre schön, wenn man das auch über mich sagen könnte.

Natürlich wissen wir vom Neuen Testament her, dass auch Daniel kein perfekter und sündloser Mensch war. Auch er war vor Gott Sünder. Aber er lebte doch so, dass seine Gegner bei ihm keinen Verstoß gegen die Landesgesetze oder irgendwelche moralischen Verfehlungen entdecken konnten. Vor Gott lebte auch er aus der Vergebung. Aber vor Menschen lebte er so, dass sein Leben ein Zeugnis war: er zeigte seinen Glauben und er verhielt sich anderen gegenüber korrekt. Auch wir leben aus der Vergebung Gottes. Das heißt aber nicht, dass unser moralisches Leben völlig egal ist, weil ja eh alles vergeben wird. Daniel kann da ein Vorbild für uns sein.

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Daniel 5 Er hält die ganze Welt in seinen Händen

Wenn Gott so mächtig ist, dass er schnell mal den babylonischen König um die Ecke bringen kann, weil dieser die Tempelgefäße des Jerusalemer Tempels für ein heidnisches Gelage missbraucht, warum hat er dann nicht gleich von Anfang an verhindert, dass solch ein König an die Macht kommt? Dieser Gedanke ist mir beim Lesen dieses Textes gekommen. Ähnliche Fragen könnte man quer durch die Bibel stellen. Immer wieder wird geschildert, wie Gott mächtig ist und die menschliche Geschichte eingreift. Aber warum immer nur nachträglich eingreifen, wenn er doch die Macht hätte schon vorher zu handeln?

Gottes Handeln in der Welt können wir offensichtlich mit unserem einfachen Menschenverstand nicht so leicht nachvollziehen. Er hält die ganze Welt in seiner Hand und doch lässt er es zu, dass die Welt aus seiner Hand herausspringt. Er lässt es immer wieder neu zu, dass Menschen sich von ihm abwenden und lässt sie ihre eigene Wege gehen. Er zwingt seine Schöpfung nicht in feste Bahnen, sondern greift immer wieder zeichenhaft in unsere Welt ein, um auf sich aufmerksam zu machen.

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Daniel 3 Fester Glaube

Der König, der im vorigen Kapitel gegenüber Daniel noch bekennt, dass es keinen größeren Gott gibt, als den Gott Daniels, der verlangt nun, dass man vor dem Standbild eines anderen Gottes niederfallen soll. In einer Welt und Kultur, in der man ganz selbstverständlich davon ausging, dass es viele Götter gibt und man mehreren gleichzeitig dienen kann und soll, ist das scheinbar kein Widerspruch. Doch mit dem biblischen Glauben lässt sich das nicht vereinbaren. Die drei Freunde von Daniel weigern sich, vor dem Götterbild nieder zu fallen (Daniel wird in diesem Kapitel seltsamerweise nicht erwähnt).

Am meisten beeindruckt hat mich der V.18: die drei Freunde haben ihre Entscheidung getroffen, sie werden keine fremde Götter anbeten – und zwar unabhängig davon, ob Gott ein Wunder tut und sie errettet oder nicht. Sie überlassen Gott die Entscheidung. Sie rechnen mit der Macht Gottes, sie zu retten (V.17), aber sie wissen auch um die Souveränität Gottes. Auch wenn sie ihn um Errettung bitten, ist er frei in seinem Handeln. Göttliche Wunder können wir Menschen nicht erzwingen.

Das finde ich eine gute und beeindruckende Haltung: Ihr Glaube steht fest: sie rechnen damit, dass Gott Wunder tun kann, aber sie machen ihren Glauben nicht von Wundern abhängig. Ihr Glaube beruht auf Gott selbst.

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Daniel 2, 27-49 Die vier Weltreiche

Jeder Text ist bis zu einem gewissen Grad offen für Interpretationen und Deutungen. Für einen Text in dem es um eine prophetische Zukunftsschau geht, gilt das noch stärker. Dementsprechend ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn es zu diesem Text aus Daniel 2 unterschiedliche Deutungen gibt. Es werden vier Weltreiche aufgezählt, die aber letztendlich alle untergehen werden und am Ende wird ein ewiges Reich Gottes aufgerichtet.

Traditionell werden die vier Reiche so zugeordnet: Das erste Reich ist vom Text her klar das babylonische Weltreich. Das zweite Reich wird als das medisch-persische Reich gesehen, das viert ist das griechische Reich unter Alexander dem Großen und das vierte Reich ist das römische Reich. Dazu passt auch, dass das römische Reich am Ende in zwei Teile zerfällt (Ost- und Westreich). Es gibt aber auch andere Zuordnungsmöglichkeiten: Wenn die Reiche von Medien und Persien als eigene Weltreiche gezählt werden, dann ist das vierte Reich das griechische Reich (was nach dem Tod Alexanders auch in verschiedene Teile zerfiel). Aus christlicher Sicht würde dazu zeitlich passen, dass nach dem Ende des griechischen Reiches Jesus von Nazareth geboren wurde und in ihm das ewige Reich Gottes seinen unscheinbaren Anfang genommen hat.

Da kann man jetzt herrlich hin und her argumentieren und sich in Einzelheiten verlieren. Mir ist das letztendlich egal. Und ich denke auch, die biblischen prophetischen Bücher wollen nicht exakte Zukunftsweissagungen sein. Nein, es geht um das große Ganze: Irdische Reiche mit ihren gewaltigen Herrschern und ihrer großen Macht kommen und gehen. Aber Gott bleibt. Er richtet ein Reich auf, das ewig Bestand hat. Das ist das wichtigste.

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Daniel 2, 1-26 Traumdeutung

Träume galten in der Antike allgemein als Tor zur göttlichen Welt. Träume wurden als Botschaften der jenseitigen Welt verstanden. Auch der biblische Glaube verstand Träume auf diese Weise. Da Träume aber oft vieldeutig waren, war es nötig diese Botschaften durch Traumdeutung zu entschlüsseln. Schon im Neuen Testament verändert sich die Auffassung von Träumen. Sie kommen zwar auch vor als göttliche Offenbarungen, sie sind aber seltener und eindeutiger. So braucht z.B. Jose in Mt.1,18-25 keinen Traumdeuter, um die Botschaft Gottes, welche er im Traum empfangen hatte, zu verstehen.

Ob Gott auch heute noch in Träumen spricht? Weiß ich nicht. Ich denke, das kann durchaus geschehen. Ich selbst habe das noch nie in so eindeutiger Weise erlebt. Vorsichtig wäre ich bei Träumen, die nicht eindeutig sind und die verschieden ausgelegt werden können. Da scheint mir im Neuen Testament doch eine eindeutige Tendenz da zu sein: Wenn Gott spricht, dann spricht er deutlich. Wir wissen heute auch viel klarer als damals, wie wir in unseren Träumen unsere eigenen Gefühle verarbeiten (aber vielleicht kann Gott gerade deswegen nicht mehr so leicht in Träumen zu uns sprechen?).

Bei Daniel ist mir wieder aufgefallen, wie sich bei ihm menschliche Weisheit und Nüchternheit mit Gottvertrauen verbindet. Er verfällt nicht in Panik, sondern wendet sich „klug und verständig“(v.14)  an den Obersten der Leibwache. Zugleich wendet er sich im Gebet an Gott, welcher ihm dann auch durch eine nächtliche Offenbarung hilft (Auch im Traum? Das bleibt offen).

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