Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Hesse: Narziß und GoldmundImmer wieder geht es in Hesses Bücher um das eine: um sich selbst, um seine Kämpfe mit sich selbst und der Welt, um die Suche nach dem persönlichen Lebensweg, um ein erfülltes, sinnvolles Leben. Auch die beiden Hauptfiguren mit Namen Narziß und Goldmund sind im Grunde Repräsentanten von verschiedenen Persönlichkeitsanteilen von Hesse selbst. Narziß ist asketische Denker, welcher der sinnlichen Welt entfliehen will und ganz dem Geist dienen will. Goldmund ist der sinnenfreudige und freiheitsliebende Lebemann, der alle Höhen und Tiefen des Lebens voll auskosten will. Die asketische Seite Hesses kann man leicht erkennen, wenn man Fotos von ihm anschaut: eine dürre, hagere Gestalt mit klaren Augen, die hinter die Oberfläche der Welt zu sehen scheinen. Die rebellische Seite Hesses lässt sich in jeder Biographie nachlesen: schon von klein auf will er sich nicht ein- und unterordnen lassen und hat seine Lust an der Schönheit der Welt. Hermann Hesse: Narziß und Goldmund weiterlesen

Tomáš Halík: Geduld mit Gott

Halik: Geduld mit GottDer tschechische Psychotherapeut und Priester Tomáš Halík beschäftigt sich in diesem Buch mit atheistischer Kritik, Zweifel und Ablehnung des christlichen Glaubens. Er bedient sich als Analogie zu solchen Menschen der Geschichte von Zachäus. Zachäus war auch ein skeptischer Zeitgenosse, der kein Anhänger Jesu war, sondern sich Jesus aus sicherem Abstand und hinter den Feigenblätter seiner Zweifel anschauen wollte.

Seine Grundaussage ist folgende: „Glaube und Atheismus sind zwei Sichtweisen eben dieser Tatsache, der Verborgenheit Gottes, der Transzendenz, der Undurchdinglichkeit seines Geheimnisses.“ (S.72) Gott ist ein Geheimnis, er ist selbst in Jesus Christus noch quasi inkognito unterwegs, weil man auch die Selbstoffenbarung in Christus unterschiedlich deuten kann. Gott zeigt sich in unserer Welt nicht eindeutig und unzweifelhaft – sonst wäre ja auch kein Glaube nötig. Sowohl der leidenschaftliche Atheist als auch der leidenschaftlich Glaubende nehmen diese Abwesenheit Gottes wahr, ziehen allerdings unterschiedliche Schlüsse: der leidenschaftliche Atheismus ist letztendlich Glaube, dem die Geduld mit Gott fehlt, Glaube, der zu schnell aufgibt. Tomáš Halík: Geduld mit Gott weiterlesen

Leo Tolstoi: Anna Karenina

Tolstoi: Anna KareninaEiner der bekanntesten Romane der Weltliteratur mit einem der bekanntesten Anfangssätze: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Obwohl ich das Buch schon vor längerer Zeit einmal gelesen habe, war mir der Sinn dieses Beginns noch nie so richtig deutlich. Nach dem Wiederlesen des Romans wird er mir zum ersten mal etwas klarer. Damit eine Ehe und Familie glücklich sein kann, müssen viele Faktoren zusammen kommen. Weil so vieles passen muss, ähneln sich die glücklichen Ehen. Für eine unglückliche Ehe und Familie genügt es aber, dass nur ein Faktor nicht erfüllt ist. Es kann viele verschiedene Ursachen haben, die zu einer unglücklichen Ehe führen. Insofern ist jede unglücklich Familie auf ihre eigene Weise unglücklich. Leo Tolstoi: Anna Karenina weiterlesen

Philip Yancey: Disappointment with God

Yancey: Disappointment with GodEin Ausschnitt aus dem Buch hat mich neugierig gemacht und großer Erwartungen in mir geweckt. In einer Predigt habe ich ein längeres Zitat aus dem Buch gelesen und war von der offenen und schonungslosen Art, wie hier jemand von enttäuschtem Glauben redet getroffen. Anhand dieses Ausschnittes schien es mir, dass sich der Autor auf ebenso offene und schonungslose Art im ganzen Buch mit dem Thema beschäftigt. Schon während des Lesens musste ich feststellen, dass meine Erwartungen sich nicht so richtig erfüllt haben, bzw. dass ich die falschen Erwartungen hatte. Aber trotzdem ist es ein gutes und empfehlenswertes Buch.

Ausgangspunkt ist für Yancey die Erfahrung eines Freundes, welcher den Glauben an Gott verloren hatte. Anhand von dieser Infragestellung Gottes geht Yancey im Buch drei großen Fragen nach: Ist Gott unfair? Schweigt Gott? Ist Gott verborgen? Diese drei Fragen behandelt er in zwei großen Teilen: im ersten Teil des Buches geht er die ganze Bibel durch und versucht aus Gottes Perspektive auf menschliche Enttäuschung einzugehen. In einem zweiten Teil beleuchtet er die Fragen vom Buch Hiob aus. Philip Yancey: Disappointment with God weiterlesen

Juli Zeh: Corpus delicti

Zeh: Corpus delictiSchade! Eine gute Schriftstellerin und eine gute Romanidee – und doch hat mich ihr Buch nicht so richtig überzeugt. Es geht um eine Zukunftsvision von einer Welt in der Mitte des 21. Jh., in welcher Gesundheitsfanatiker den Staat und alles öffentliche Leben bestimmen. Eine schöne neue, saubere und gesunde Welt. Das höchste Gut für den Einzelnen und für die Gesellschaft wird in einem gesunden Körper gesehen. Juli Zeh: Corpus delicti weiterlesen

Juli Zeh: Schilf

Zeh: SchilfKrimis sind eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser Roman hat es mir dann doch angetan. Es ist eine ziemlich abstruse Geschichte um eine Männerfreundschaft zwischen zwei hochbegabten Physikern. Die Krimielemente reichen von Kindesentführung, über Mord bis hin zu einem todkranken und skurrilen Polizeikommissar. Daneben geht es aber um Quantenphysik, Paralleluniversen und die Frage nach unserer Wirklichkeit. Einmal kräftig geschüttelt und heraus kommt ein ungewöhnlicher Kriminalroman.

So manche Kritiker finden das Plot zu konstruiert, die Figuren zu schematisch und den ganzen Roman zu überambitioniert. Mich hat das wenig gestört. Denn der Roman ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben und spannend zu lesen. Es ist klar, dass die Autorin hier keinen möglichst realitätsnahen Fall schildern will, sondern das Krimigenre benutzt, um über unser Wirklichkeitsverständnis zu philosophieren. Ich finde das ist ihr gelungen. Und es ist ja kein Fehler, wenn man dabei noch gut unterhalten wird.

(Amazon-Link: Juli Zeh: Schilf)

Kazuo Ishiguro: Never let me go (Alles, was wir geben mussten)

Ishiguro: Never let me goDen Roman habe ich während eines Urlaubs in England auf englisch gelesen. Zuerst hab ich gedacht es liegt an meinen mangelhaften Englisch-Kenntnissen, dass ich so manches des Erzählten nicht gleich verstanden habe oder nicht so richtig einordnen konnte. Mit der Zeit hab ich dann festgestellt, das liegt nicht an meinem Englisch, sondern an der Geschichte.

Eine einundreissigjährige Frau erzählt aus ihrer Kindheit in einer Art Internat in England. Es geht auf der einen Seite um die typischen Schülererfahrungen und um eine sich entwickelnde Dreiecksbeziehung zwischen der Erzählerin Kathy und ihren Mitschülern Tommy und Ruth. Doch von Anfang an merkt man, dass mit diesem „Internat“ etwas nicht stimmt. Erst nach und nach erfährt man als Leser, was der Hintergrund ist. Die Schüler werden von ihren Aufseherinnen als etwas ganz besonderes bezeichnet, sollen sich gesund ernähren, viel Sport treiben und sich auch künstlerisch entwickeln. Immer wieder kommt eine Frau, „Madame“ genannt, um die besten Schülerkunstwerke für eine Ausstellung mitzunehmen. Kazuo Ishiguro: Never let me go (Alles, was wir geben mussten) weiterlesen

Leo Tolstoi: Auferstehung

Tolstoi: AuferstehungSchon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch von Tolstoi gelesen. Nachdem ich von „Krieg und Frieden“ begeistert war, hatte ich mich auf diesen Roman gefreut. Tolstoi hat drei große Romane geschrieben. Auferstehung ist nach „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ der zeitlich letzte davon. Es ist das Alterswerk des großen russischen Schriftstellers. In dem Roman spürt man deutlich seine Hinwendung zu einem moralisch verstandenen Christentum, das sich vor allem an der Feindesliebe der Bergpredigt orientiert.

Bei der „Auferstehung“ geht es Tolstoi nicht um die leibliche Auferstehung Jesu Christi oder um die biblische Auferstehungshoffnung am Ende der Zeiten. Es geht um eine moralische Auferstehung, es geht um die Läuterung zu einem besseren Menschen. Der biblische Jesus ist für Tolstoi ein Lehrer der Nächstenliebe. Er hat für ihn keine göttliche Erlösungsmacht, sondern ist eher ein Vorbild. Leo Tolstoi: Auferstehung weiterlesen

Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Yalom: Das Spinoza-ProblemDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Yalom hat mit seinen unterhaltsamen Romanen über große Denker der Philosophie erstaunlichen Erfolg. Er stellt das Denken berühmter Philosophen in mehr oder weniger fiktiven Lebensgeschichten dar. Das ist gar nicht so einfach. Mit seinen Romanen will er spannend und anschaulich erzählen, er bringt sein psychologisches Fachwissen in die Darstellung der Personen mit ein und will dennoch auch den philosophischen Grundgedanken seiner Hauptpersonen gerecht werden.

In diesem Buch wagt er sich an den großen und kühnen Denker des 17. Jh. heran: Spinoza. Das Problem bei Spinoza ist, dass man kaum etwas über sein Leben weiß. Er stammt aus dem Judentum, wurde aber wegen seiner religionskritischen Denkweise aus der Gemeinde verbannt. In seinen überlieferten Schriften findet sich wenig persönliches, denn Spinoza war fasziniert von der logischen Vernunft. Er argumentierte nicht mit Erfahrungen oder persönlichen Erlebnissen, sondern mit kühler und oft auch sehr abstrakter Vernunft.  Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem weiterlesen

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden

Tolstoi: Krieg und FriedenWas für ein monumentales Werk! Das Buch ist wie ein riesiger Berg: Auf dem Weg zum Gipfel kann man sich leicht verlaufen, man kann die Lust verlieren, man kann müde werden, man fragt sich, ob es sich überhaupt lohnt, diesen Berg zu erklimmen,… und ich muss zugeben auch ich hab mich durch das Buch durchkämpfen müssen. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe. Es ist gut, am Ende auf dem Gipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen. Lew Tolstoi: Krieg und Frieden weiterlesen