Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 4) – antihomosexuell

Wenn Christen vor allem für das bekannt sind wogegen sie sind (vgl. Teil 1), dann ist ganz logisch dass dazu auch das Stichwort Homosexualität zählt. In den USA ist die Diskussion darüber ganz sicher schärfer und verbitterter, aber auch in Deutschland bekommen Christen zunehmend Gegenwind zu spüren, wenn sie sich gegen Homosexualität aussprechen. So gab es z.B. scharfe Kritik gegen ein geplantes Seminar auf dem Christival 2008 über Homosexualität (vgl. u.a. einen Artikel dazu auf jesus.de).

Kinnaman möchte nicht an der biblischen Haltung gegenüber Homosexualität herumbasteln, aber er möchte dass wir Christen anders mit den betroffenen Personen umgehen. Für viele Nichtchristen ist die „Feindschaft“ (hostility) der Christen gegenüber Homosexuellen geradezu zu einem Synonym für den christlichen Glauben selbst geworden. Wenn es um dieses Thema geht, dann erscheinen wir Christen als arrogant, selbstgerecht und gefühllos – genau das Gegenteil von dem, wie sich Jesus gegenüber Außenseitern verhalten hat.

Für die Beurteilung der Homosexualität ist wichtig, dass von der Bibel her Homosexualität nicht als Sünde angesehen wird, die anders gewertet wird, als andere Sünden. Sünde ist im Kern Rebellion gegen Gott. Und da macht es keinen Unterschied, ob Homosexuelle vom gleichen Geschlecht angezogen werden, oder Heterosexuelle vom anderen Geschlecht angezogen werden. Kinnman geht es also zunächst einmal um die richige Gewichtung: Homosexualität wird von vielen Christen als die eine große Sünde angesehen, die man auf besondere Weise bekämpfen muss. Ist sie aber nicht: Sie ist nur eine Sünde unter vielen. Und jeder von uns ist Sünder. Nur wird um Dinge wie Stolz, Egoismus, Geldgier oder Lästern kein solch ein Trara gemacht wie um die Homosexualität.

Daneben betont der Autor, dass es ein entscheidender Unterschied ist, ob man gegen Homosexualität ist oder gegen Homosexuelle. Gerade bei diesem Thema scheint es uns besonders schwer zu fallen zwischen Sünde und Sünder zu unterscheiden. Des weiteren wird in dem Buch ausgeführt, dass sich die Haltung der Gesellschaft zur Homosexualität verändert. Unter jüngeren Menschen wird sie zunehmend als ganz normaler Lebensstil akzeptiert. Das ändert nichts an der biblischen Beurteilung, aber es macht deutlich, dass unter jüngeren Menschen noch sehr viel genauer darauf geachtet wird, ob Christen herablassend und überheblich mit Homosexuellen umgehen, oder ob sie sich ihnen liebevoll zuwenden.

Wie sieht eine biblische Antwort aus? Dazu werden einige Punkte angeführt:

  • Die Komplexität des Themas anerkennen (jeder hat mit sexuellen Problemen zu kämpfen und auch in Beziehung auf Homosexuelle gibt es nicht ein einfaches gut oder böse Schema)
  • Durch Gespräche Türen öffnen (viele Christen haben eine Scheu vor Beziehungen mit Homosexuellen, aber nur durch Gespräche und Begegnungen kann der Respekt füreinander wachsen)
  • Andere Christen mit Respekt behandeln (es kommt nicht so sehr darauf an, unsere Rechtgläubigkeit dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass wir gegen Homosexualität sind, sondern es ist viel wichtiger, dass Menschen erreicht werden, die Jesus brauchen)
  • Die richtige Perspektive gewinnen (wirkliche Veränderung kann man nicht mit Politik und staatlichen Gesetzen bewirken, sondern nur wenn man die Herzen von Menschen verändert)
  • Sich um Kinder kümmern (bei der Frage, ob Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen, sollte unser wichtigstes Anliegen sein, wie Kinder Christus begegnen können und nicht wie sie aufwachsen)
  • Mitgefühl haben (wir müssen lernen die Menschen nicht im Licht dessen zu sehen, was sie tun oder nicht tun, sondern im Licht dessen, was sie erleiden)

Shayne Wheeler meint zu dem Thema, dass Christen vielleicht sagen, dass sie die Sünder lieben und die Sünde hassen, aber bei den Homosexuellen kommt durch unser Verhalten an: „Gott hasst Schwule!“ Dabei sollten wir bedenken, dass bei jedem Menschen die Linie zwischen Gut und Böse direkt durch sein Herz verläuft (nach einem Zitat von Solzhenitsyn). Chris Seay betont, dass wir uns zu sehr auf Moral konzentrieren anstatt auf das was Christsein wirklich ausmacht. Und auch wenn es um Moral geht, so können wir Moral nicht verändern, wenn die Menschen nicht zuvor Jesus kennen gelernt haben. Alfred Ells sieht Homosexualität als nur eine Facette einer sexuell zerbrochenen Gesellschaft. Auch wenn wir Homosexualität nicht akzeptieren, so müssen wir doch freundlich, mitfühlend, umsorgend und hilfbereit mit allen sein, die mit ihrer Sexualität zu kämpfen haben. Und er ergänzt dass er in der Seelsorge viel mehr mit sexuellen Problemen von Heterosexuellen zu tun hat (vom Ehebruch bis zur Abhängigkeit von Pornographie) als mit Homosexuellen.

Mir ist bei diesem Kapitel deutlich geworden, dass ein einfaches „Homosexualität ist schlecht“ viel zu platt ist. Der Satz dass man die Sünde hassen soll und den Sünder lieben, den lassen wir oft nur in der Theorie stehen und schaffen es nicht, ihn wirklich umzusetzen. Ich musste auch immer wieder an Jesus selbst denken, wie er mit Leuten umgegangen ist, die von der religiösen Elite gemieden wurde. Er hatte keinerlei Berührungsängste mit Huren, Zöllnern und Ehebrechern. Er hat wirklich den Menschen gesehen, er hat ihre Wunden, Verletzungen und Sehnsüchte gesehen und ihnen geholfen, Frieden zu finden. Dabei hat er Sünde nicht verschwiegen, sondern sie oft direkt angesprochen. Aber er hat mit seinem Verhalten die Liebe zum Sünder immer ganz deutlich gemacht. Gegenüber den „Rechtgläubigen“ war er da sehr viel härter.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 3) – Bekehre dich!

Christen sind zu beschäftigt damit, andere Leute zu bekehren anstatt sich wirklich um sie zu kümmern – das ist ein weiterer Punkt wie Christen (in den USA) von Außenseitern wahrgenommen werden. Viele haben das Gefühl, dass sie – noch bevor ein Wort gesprochen wurde – bei Begegnungen mit Christen schon wissen, was sie wollen: Sie wollen bekehren! Christen vermitteln den Eindruck, dass sie nicht wirklich am Gegenüber als individueller Person interessiert sind, sondern es nur als Missionsobjekt betrachten.

DIe Autoren sprechen einige falsche Vorstellungen an, wenn es um Evagelisation geht. Eine falsche Vorstellung ist z.B. dass man mit logischen Argumenten Menschen vom Glauben überzeugen kann. Das stimmt aber nicht: der wichtigste Faktor, um Christ zu werden ist, dass es „sich richtig anfühlt“ – d.h. also dass das Gefühl viel wichtiger ist, als der Verstand. Für die Situation in den USA gilt auch, dass die meisten jungen Menschen keine völligen Außenseiter sind, sondern sie sind ent-kirchlichte Menschen. Fast jeder hat Erfahrungen (oft sogar eine Bekehrungs-Erfahrung) mit dem Glauben gemacht und hat sich dann im Lauf der Jahre wieder innerlich vom Christentum entfernt. Es gibt in Amerika ein breites Interesse am Christentum, aber es geht nicht sehr tief. Gerade solche Menschen sind sehr sensibel gegenüber platten Missionsgesprächen.

Schuld an dieser Sicht der Christen ist auch, dass der Zugang zum Glauben oft zu einseitig und einfach auf die Bekehrung reduziert wurde. Wenn der Weg in die Nachfolge Christi nur auf eine einfache und wenig fordernde Entscheidung fokusiert wird, dann wird daraus ein Glaube folgen, der nicht sehr lange hält. Der Startpunkt der Nachfolge darf aber kein Ersatz für die Nachfolge selbst sein! Gegen diesen Trend ist es wichtig Glaube nicht allein an der Bekehrungserfahrung fest zu machen, sondern Glaube als eine spirituelle Transformation anzusehen, die tiefer geht und die das ganze Leben durchzieht.

„If outsiders stop listening, we cannot just turn up the volume.“ (S. 84; „Wenn Außenstehende aufhören zu zuhören, dann bringt es nichts einfach nur die Lautstärke hoch zu drehen). Wir müssen nicht lauter schreien, sondern tiefer gehen. D.h. dass wir Beziehungen zu Menschen suchen und pflegen müssen und dass wir ein Umfeld schaffen müssen, in welchem tiefe spirituelle Transformation stattfinden kann.

Wie bei jedem Kapitel folgen auch in diesem 4. Kapitel des Buches verschiedene Stimmen von christlichen Leitern und Persönlichkeiten. Rick McKinley meint zu diesem Thema, dass wir das Evangelium nicht reduzieren sollten auf eine „Was-ist-für-mich-drin“-Botschaft, die Leute denken lässt, dass Jesus nur dazu existiert ihr Wohlbefinden zu steigern. Ich verstehe das so, dass wir von Anfang an klar machen, dass Nachfolge etwas kostet, dass sie nicht nur ein kleines Puzzleteilchen für ein angenehmes Leben ist, sondern dass es dabei um’s Ganze geht. Chuck Colson meint, dass das Christentum am Anfang gewachsen ist, weil Christen das Evangelium getan haben (und nicht nur davon geredet haben) und weil sie eine Gemeinschaft hatten, in welcher die Menschen einander wirklich liebten.

Wahrscheinlich ist die Situation hier bei uns in Deutschland noch einmal ein bisschen anders und nicht alles so einfach übertragbar. Ich glaube nicht dass ein Großteil der Christen hier durch zu agressive und oberflächliche Mission auffällt. Ich beobachte da eher eine zu große Vorsicht. Aber auch für uns gilt, dass es wichtig ist die Menschen zu sehen und nicht die Missionsobjekte. Und auch die Versuchung die Kosten der Nachfolge herunter zu spielen ist eine universelle Versuchung, unabhängig von Zeit und Kultur. Mir wurde bei diesem Kapitel wieder neu deutlich, was wir eigentlich schon lange wissen: Die Beziehungen zu Menschen sind wichtig, viel wichtiger als alle Großveranstaltungen und alle Evangelisationsprogramme.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch

In Kapitel 3 gehen Kinnaman und Lyons auf die erste Beurteilung ein, wie Außenstehende uns Christen sehen: sie sehen uns als heuchlerisch und scheinheilig („hypocritical“). Scheinheilig ist jemand der eine bestimmte Aussage macht, aber dann ganz anders handelt. Erstaunlich ist, dass das die meisten jungen Menschen gar nicht besonders stört: Sie wissen ganz genau, dass jeder heuchlerisch ist. In unserer Welt will jeder gut dastehen und jeder versucht sich selbst ins beste Licht zu rücken. Es wird ganz einfach damit gerechnet, dass Christen das auch tun. Das ist traurig: Christen sind nicht dafür bekannt, dass sie ein transparentes und authentisches Leben führen, sondern dass sie versuchen ein Bild aufrecht zu erhalten, nach dem bei ihnen alles in Ordnung ist. Das Image der Scheinheiligkeit bekommen wir Christen ganz einfach deswegen, weil unser Leben nicht mit unserer Botschaft übereinstimmt.

Wie können wir dem begegnen? Spannend ist der Lösungsversuch, den die Autoren vorschlagen: Sie sagen, dass wir selbst schuld sind, weil wir ein falsches Bild vom Christentum vermitteln. Wir vermitteln das Bild, dass Glaube im Wesentlichen eine Anzahl von Regeln und Verboten ist, die es gilt einzuhalten. „Gut zu sein“ ist nicht nur in den Augen von Außenseitern das Wichtigste am Christentum, sondern die Christen selbst reduzieren ihren Glauben viel zu sehr auf moralische Faktoren. Natürlich merken wir selbst, dass wir diesen ganzen moralischen Anforderungen nicht genügen, aber anstatt ehrlich damit umzugehen, versuchen wir die Probleme zu überspielen und uns besser darzustellen als wir sind.

Wenn wir nicht als heulerisch da stehen wollen, dann gibt es nur einen Weg: Transparenz. Wir müssen zugeben, dass es auch für Christen stimmt, was die Bibel sagt: Wir leben in einer gefallenen Welt und wir brauchen Gott um mit unserem Versagen und unseren Sünden klar zu kommen. Sünde wird nicht dadurch beseitigt, dass wir so tun, als ob sie uns nicht beträfe. Es ist notwendig, dass wir immer wieder Buße tun, dass wir zu Gott umkehren. Und es ist notwendig, dass diese Buße auch nach außen sichtbar wird. Die Autoren fragen: „Are you honest with yourself about your own struggles? Do they motivate you to turn your heart – and that of others – toward God, seeking his ways to handle these issues? Or are you focused on maintaining the rules and regulations?“ (S.58) Jud Wilhite schreibt dazu (S.61), dass das eigentliche Problem nicht die Heuchelei sei, sondern die moralische Überlegenheit, die viele Christen ausstrahlen. Das Problem ist, dass wir die Unperfektheit unseres Lebens nicht mehr wahrnehmen und zugeben.

Ich kann diese Gedankengänge sehr gut nachvollziehen und möchte das unterstreichen. Auf meinem Weg zum Glauben waren es nicht die scheinbar strahlend perfekten Christen, die immer alles richtig machen, die mich beeindruckt haben. Im Gegenteil: Es waren einige Christen, die ihr Christsein ehrlich gelebt haben. Mit all den Kämpfen und Niederlagen, mit all der Unperfektheit, mit all dem Versagen. Mich hat ihre Ehrlichkeit und Offenheit beeindruckt, mich hat beeindruckt, dass sie eben nicht, wie alle andere in unserer Gesellschaft, einfach nur gut dastehen wollten. Mich hat beeindruckt, dass sie trotz und durch alles Versagen hindurch ihre Würde behalten haben. Mich hat nicht beeindruckt, dass sie Fehler vermieden haben, sondern wie sie mit den Fehlern umgegangen sind. Wenn wir die Botschaft der Vergebung predigen, dann können wir das doch nur dann, wenn wir deutlich machen, dass auch wir selbst immer wieder neu aus dieser Vergebung leben.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 1)

So langsam fängt’s an mich zu fesseln. In dem amerikanischen Buch, das ich gerade lese, stellen die Autoren eine Studie vor, bei der es um die Frage geht: Was halten junge Menschen wirklich vom christlichen Glauben. Dazu wurden Jugendliche und junge Erwachsene befragt, die keine oder nur lose Beziehung zum christlichen Glauben haben. Die Ergebnisse werden ausführlich dargestellt und gedeutet. Interessant ist auch, dass dazwischen auch angesehene christliche Leiter mit ihren Einschätzungen zu Wort kommen (Dan Kimball, Jim Wallis, Rick Warren und viele andere).

Auf den ersten Seiten hatte ich noch öfters das Gefühl, dass das für unsere deutsche Situation nicht sehr viel austrägt. In Amerika herrscht eine ganz andere kirchliche Situation. Der christliche Glaube ist sehr viel mehr in der Gesellschaft verankert. Das Christentum ist sehr viel präsenter im amerikanischen Leben und in der Politik. Hier in Deutschland sind wir ja eher eine Randgruppe, wir sind die Exoten. Aber im Lauf des Buches hab ich doch immer mehr das Gefühl, dass auch bei unterschiedlichen Ausgangspositionen, die grundsätzlichen Probleme junger Menschen mit dem Glauben hier bei uns ähnlich sind.

Ich möchte gerne eine kleine Reihe starten und zu jedem Haupt-Kapitel wichtige Inhalte weitergeben. Das hilft mir selbst beim Überlegen und ist vielleicht auch für andere interessant. Noch eine Zwischenbemerkung: Ich lese das Buch im englischen Original und versuche nach bestem Wissen die Gedankengänge auf deutsch darzustellen. Aber an einige Stellen werden wohl auch englischen Zitate vorkommen…

Nach einer Einführung geht es im 2. Kapitel um die Entdeckung des „unchristlichen“ Glaubens („Discovering unChrisitan faith“). Viele junge Menschen stehen dem Glauben an Jesus zunehmend kritisch und auch feindlich gegenüber. Das ist ein zentrales Ergebnis der Umfragen, die durchgeführt wurden. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Christen bekannter dafür sind, wogegen sie sind, anstatt für das wofür sie stehen. Viele haben den Eindruck, dass das Christentum nicht mehr in der reinen und ursprünglichen Form gelebt wird. „Modern-day Christianity no longer seems christian.“ (S. 29) Das ist dann wohl mit“ unChristian faith“ gemeint: Ein Glaube, der eigentliche nicht mehr christlich ist. Die wichtigsten Kritikpunkte am modernen Christentum werden dann in den folgenden Kapiteln ausführlich behandelt (Scheinheiligekeit – zu sehr darauf fokusiert sein, Leute zu bekehren – Antihomosexuell – überbehütet, im Sinn von altmodisch, langweilig und realitätsfern – zu politisch – verurteilend). Grundlage für diese Meinungen sind nicht in erster Linie säkulare Medien oder der Einfluss antichristlicher Propaganda, sondern eigene Erfahrungen mit Christen (!!!).

Die Antwort für uns Christen liegt für Kinnaman nicht darin, dass wir anfangen unsere Botschaft zu verwässern, sondern dass wir lernen zuzuhören und dass wir wirklich in einen Dialog mit Menschen kommen, die eine kritische Meinung oder einfach nur schlechte Erfahrungen mit Christen haben. Und wir müssen ehrlicher mit uns selbst sein und lernen, nicht mit all zu simplen Standardantworten den Fragen unserer Zeit zu begegnen: „The Christian life looks so simplified and constricted that a new generation no longer recognizes it as a sophisticated, livable response to a complex world.“ (S.40)

Das ist für mich ein erster wichtiger Impuls: Ehrlichkeit und Authentizität bewirkt mehr als geheuchelte Schöne-Welt-Fassade und zu einfache Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

Der Skeptiker und der Heilige Geist

Ich bin kein Charismatiker. Da ist mir viele zu abgedreht und überspannt. Aber dieses Buch eines Charismatikers hat mir gefallen (S. Großmann: Ich brauche täglich deine Kraft). In dem kompakten Buch behandelt Großmann im ersten Kapitel allgemein den Heiligen Geist und seine Wirkungen und in zwei weiteren Kapiteln die Gaben des Geistes. Es geht ihm nicht um das Spektakuläre und Besondere, sondern darum, wie sich der Geist Gottes im Alltag auswirken kann. Dazu bringt er auch zu allen Gaben anschauliche Beispiele.

Mir gefällt seine nüchterne Art und seine Betonung, dass die Gaben des Geistes kein Selbstzweck sind, sondern dass mit den Gaben auch immer Auf-Gaben verbunden sind. Der Geist ist nicht da, um mich „high“ zum machen, sondern um mich zu befähigen, anderen zu dienen.

Großmann gibt allerdings auch ehrlich zu, dass die Einschätzung und Deutung der Geistesgaben an manchen Stellen gar nicht so einfach ist. Das Neue Testament gibt uns keine umfassende Lehre dazu. Ein paar Gaben werden ausführlicher behandelt (wohl weil schon damals der Umgang damit umstritten war), aber die meisten tauchen einfach nur in Aufzählungen auf und wir haben nichts weiter als den griechischen Begriff und die Erfahrungen die wir Christen mit Dingen machen, die vielleicht etwas mit dem Begriff zu tun haben. Daher war ich an manchen Stellen skeptisch: Ist es nicht besser, dass wir manchmal zugeben, dass wir nicht genau wissen um was es geht, anstatt alles Mögliche hinein zu interpretieren? Das ist genau meine Skepsis gegenüber vielen charismatischen Erfahrungen: Werden da nicht einzelne Dinge aus der Bibel herausgegriffen, diese mit eigenen Erfahrungen vermischt und dem ganzen dann ein viel zu hoher Stellenwert eingeräumt?

Trotz aller Skepsis hat dieses Buch mir wieder deutlich gemacht, dass Gott durch seinen Geist in uns wirkt. Er begabt jeden von uns. Und es ist wichtig, dass wir lernen im Alltag auf die leise Stimme Gottes zu hören. Ich würde das mit dem Stichwort „Intuition“ verbinden. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott in uns die richtigen Gedanken und Worte eingeben kann. Das bleibt allerdings immer auch ein Wagnis, weil wir – soweit ich weiß – immer noch in einer gefallenen Welt leben und wir Gottes Wirken immer nur gebrochen und unvollständig wahrnehmen können.

Zehn Minuten Glück

Manchmal liest sich ein Buch wie von selbst und manchmal muss ich mich richtig durchkämpfen. Das Buch von Chatwin (Bruce Chatwin: Auf dem schwarzen Berg) ist eher von der zweiten Sorte. Es ist nicht unbedingt spannend geschrieben, es tauchen viele verschiedene Personen auf (von denen ich irgendwann nicht mehr wusste, wer jetzt wer war…) und es passiert auch nichts spektakuläres in der Geschichte. Und trotzdem habe ich es auch gern gelesen. Es ist etwas faszinierendes an der Geschichte der zwei Zwillingsbrüder Benjamin und Lewis, die solch eine enge Verbindung zueinander haben, dass sie es nicht ertragen können länger getrennt zu sein. Und es geht auch eine Faszination von dem „archaischen Leben“ (Klappentext) der beiden auf ihrem Bauernhof aus. Es wurde mir wieder deutlich, wie bequem und komfortabel ich eigentlich leben kann.

Die Stelle, die mich aus dem Buch am meisten angesprochen hat kommt fast ganz am Schluss. Zum ihrem 80. Geburtstag bekommen die beiden Zwillinge einen Rundflug geschenkt. Lewis ist schon von Kind auf vom Fliegen begeistert, kam aber als einfacher Bauer damit nur über das Lesen damit in Verbindung. Dann darf er beim Rundflug für eine Zeit das Steuer übernehmen:

„Und plötzlich überkam ihn das Gefühl – selbst wenn der Motor ausfiel, selbst wenn das Flugzeug einen Sturzflug machte und ihre Seelen in den Himmel flogen -, dass alle Enttäuschungen seines beengten, anspruchslosen Lebens jetzt keine Bedeutung mehr hatten, denn zehn wunderbare Minuten hatte er getan, was er tun wollte.“ (S.316)

Das ist zum Heulen: Zum Heulen schön, dass er diese zehn Minuten erleben durfte. Zum Heulen schrecklich, dass er in 80 Jahren nur diese zehn Minuten getan hat, was er wirklich wollte. Und es ist zum Heulen, dass ich selbst die Arroganz habe, vom Leben und von Gott zu verlangen, in meinem Leben ständig glücklich zu sein und nur das tun zu müssen, was ich will.

Bruder Lorenz – Weltentfremdung und Gottesnähe

Hab inzwischen das Buch über Bruder Lorenz (R.Deichgräber: Alle meine Gedanken sind bei dir) zu Ende gelesen. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Ärger, zwischen Begeisterung und Kopfschütteln.

Manche Sätze von Bruder Lorenz sind so klar, einfach, einleuchtend und treffend, dass man denkt: Ja wohl, genau, der spricht mir aus dem Herzen! (vgl. Artikel: Bruder Lorenz) Und dann sind da wieder Aussagen, bei denen ich denke: Das kann man doch so nicht sagen! Vieles klingt nach totaler Überforderung, nach totaler Weltfremdheit, nach einem abgehobenen Leben ohne Fleisch und Blut.

Ein Beispiel: „Denn es ist unmöglich, dass eine Seele, die noch einige Lust und Liebe zu den Geschöpfen hat, diese göttliche Gegenwart vollkommen genießen könnte.“ (S.110) Und ob ich das hab. Ich hab sehr wohl noch einige Lust und Liebe zu so manchen wundervollen Geschöpfen, die mir Gott an die Seite gestellt hat. Und ich hab auch nicht vor diese Liebe aufzugeben…

Ich kann also ganz und gar nicht alles unterschreiben, was der gute Bruder Lorenz so von sich gegeben hat. Aber er fordert mich auch heraus. Der Grundansatz von Bruder Lorenz ist einfach und bestechend: Versuche bei allem – in deinem ganz normalen Alltag, bei deinen ganz normalen Tätigkeiten – immer mehr und immer öfter an Gott zu denken (so wie es der Buchtitel deutlich macht: All meine Gedanken sind bei dir). Er sagt, dass es nicht auf irgendwelche geistlichen Übungen und Leistungen ankommt, sondern darauf, dass wir immer mit der Gegenwart Gottes rechnen. Er gibt auch zu, dass das kein einfacher Weg ist und dass er selbst viele Schwierigkeiten hatte bei dieser Art seinen Glauben zu leben. Aber ich bin schon überzeugt, dass das ein Leben verändern kann, dass das einen viel näher zu Gott bringen kann. Ob das dann gleich mit solch einer totalen Weltentfremdung einhergehen muss, bleibt für mich in Frage.

Bruder Lorenz, die zweite…

Bruder Lorenz spricht immer wieder von der völligen Hingabe an Gott. Wir sollten uns nichts anderes wünschen, als den Willen Gottes zu erfüllen. Wir sollen uns um nichts anders kümmern als darum, Gott zu lieben.

Wie soll das gehen??? Ich kann das nicht! Ich habe (auch als langjähriger Christ) Angst davor! Und es geht ganz einfach nicht, eine hoffnungslose Überforderung… Jeden Augenblick nur für Gott da sein, nichts selbst wollen, immer nur an ihn denken,…

Aber Bruder Lorenz gibt auch Hinweise, wie es vielleicht doch – zumindest ansatzweise – gehen kann: „Unsere Heiligung besteht nicht darin, dass wir etwas anderes tun, sondern darin, dass wir um Gottes willen verrichten, was wir für gewöhnlich um unserer selbst willen tun.“ (R.Deichgräber: All meine Gedanken sind bei dir, S.54)

Nichts anderes tun, sondern das was ich sowieso tue für Gott tun…

Bruder Lorenz

Gestern habe ich angefangen, ein Buch über „Bruder Lorenz“ zu lesen (Reinhard Deichgräber: All meine Gedanken sind bei dir: In Gottes Gegenwart leben). Habe schon manche kurze Artikel über ihn gelesen, hab mich aber nicht wirklich für ihn interessiert. Bruder Lorenz war ein Mönch, der im 17. Jh. gelebt hatte und der durch seinen einfachen Glauben und seine besondere Nähe zu Gott viele Menschen fasziniert hat. Er scheint bei vielen Christen gerade in Mode zu sein (deswegen war ich skeptisch: bei Modeerscheinungen – und seien sie noch so christlich – bin ich erst mal misstrauisch).

Ich weiß noch nicht, ob ich wirklich viel mit diesem Bruder Lorenz anfangen kann, aber am Anfang des Buches standen einige Zitate, die mich umgehauen haben. Nur wenige Worte. Aber die haben mich getroffen.

Ein Beispiel: „Diejenigen, die vom Wind des Heiligen Geistes getrieben werden, segeln selbst im Schlaf noch weiter.“ (R.Deichgräber: All meine Gedanken sind bei dir, S. 7) Genial!!! Genau das möchte ich: Mich von Gott treiben lassen und selbst im Schlaf – dann wenn ich gar nichts mehr tue und tun kann, selbst dann – noch von Gottes Geist getragen und weiter gebracht werden. Ja, segeln müsste man können. Im Schlaf mit Segeln mehr erreichen, als andere bei Tag mit Höchstanstrengung durch Rudern versuchen zu erreichen. Sich vom „windhauch“ Gottes treiben lassen…

Ein paar weitere Zitate:

  • „Man wird nicht im Schnellverfahren heilig.“ – Auch wenn ich das manchmal gerne so hätte…
  • „Die heiligste, gewöhnlichste und nötigste Übung im geistlichen Leben ist die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes.“ – Und gerade das ist so schwierig, weil so viel anderes sooo wichtig und dringend erscheint, weil uns die Konzentration fehlt, weil wir immer an alles und nichts denken.
  • „Die feste Gewohnheit wird nur unter Schmerzen in uns zuwege gebracht.“ – Für ein Leben in der Gegenwart Gottes sind solche Gewohnheiten überlebensnotwendig. Aber wir leben in einer Zeit, die Schmerzen meidet, die Schmerzen verhindern will, die schmerzfrei genießen möchte…