Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Bucay: Komm, ich erzähl dir eine GeschichteNach vielen Büchern im elektronischen Format endlich mal wieder ein „echtes“ Buch zum anfassen. Ich habe mir die Ausgabe der Fischer Taschenbibliothek gekauft – ich mag das handliche Format und die schöne Aufmachung.

Das Buch selbst ist eigentlich kein Roman, sondern durch eine Rahmenerzählung zusammen gehaltene Kurzgeschichten. Jorge Bucay ist in seiner Heimat Argentinien ein bekannter Psychiater, der seinen Patienten weniger durch abstrakte Wahrheiten helfen will, sondern durch lebendige Geschichten. In diesem Buch hat er einige seiner Geschichten, welche er wohl in der Therapie verwendet, einfach zusammengefasst und lässt sie einem fiktiven Patienten namens Demian zu Gute kommen. Als Leser dürfen wir miterleben, wie Demian dadurch besser mit dem Leben zurecht kommt. Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte weiterlesen

Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd

Geiger: Selbstporträt mit FlusspferdSchade. Von Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ war ich begeistert – von diesem Buch nicht. Der Titel und die Idee mit dem Flusspferd klingt interessant. Aber leider haben mich die Geschichte und die Personen während des Lesens nicht gepackt, sondern eher gelangweilt. Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd weiterlesen

Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Glavinic: Das größere WunderEndlich mal wieder ein Roman, der mich gefesselt hat und den ich regelrecht verschlungen habe. Nicht alles fand ich gelungen und so manche Fragen bleiben offen, aber wie sagt schon ein Protagonist des Buches: „Antworten werden überschätzt.“

Die Hauptperson des Buches ist Jonas. Er hat zu Beginn eine deprimierenden Kindheit. Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholabhängig, hat ständig wechselnde Freunde und kümmert sich kaum um Jonas und seinen behinderten Zwillingsbruder Mike. Doch auf märchenhafte Weise ändert sich das Leben der beiden schlagartig. Sie werden gewissermaßen adoptiert von Picco, einem unermesslich reichen älteren Mann, der mafiöse Züge zeigt, aber als Pate fortan über die Jonas und seinen Bruder wacht. Bei Picco wachsen die beiden zusammen mit Werner, dem Enkel von Picco auf. Thomas Glavinic: Das größere Wunder weiterlesen

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

Hesse: GlasperlenspielEin komplexer und vielschichtiger Roman, dem man sicher nicht in einem kurzen Blogartikel gerecht werden kann. Es ist das große Alterswerk von Hermann Hesse, an welchem er von 1931 bis 1942 (bzw. mit letzten Überarbeitungen bis 1943) gearbeitet hat. Es ist ein Werk in welchem viele Lebensthemen Hesses aufgenommen werden, in welchem aber auch indirekt die geschichtlichen Ereignisse der Entstehungszeit des Romanes verarbeitet werden. Das Ganze geschieht auf eine kühl und distanziert wirkende Weise, hinter der sich aber – wie kann es bei Hesse anders sein – seine eigenen existentiellen Kämpfe wiederspiegeln.

Rein formal gibt sich der Roman als eine Biographie eines Dritten über die Hauptperson Josef Knecht aus. Schon diese Erzählperspektive ergibt eine gewisse Distanz, weil der Erzähler ja nur aus der Außenperspektive und anhand von fiktiven Quellen diese Lebensgeschichte beschreiben kann. Die Handlung spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in welcher die chaotische Welt des 20. Jh. längst überwunden ist. Die Geschichte spielt in einer Provinz namens Kastalien, welches eine Art weltlicher Orden ist, der sich ganz der Pflege der Geisteswissenschaften verschrieben hat. Das Studium der Musik, Mathematik und Philologie spielen eine zentrale Rolle. Aber auch die Persönlichkeitsbildung der Einzelnen durch Ein- und Unterordnung unter das große Ganze und durch Meditationsübungen wird als wichtig erachtet. Die Provinz wird vom weltlichen Staat getragen und bildet dafür im Gegenzug die geistige Elite zu Lehrern aus. Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel weiterlesen

N. T. Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes

Wright: Das Neue TestamentWas für eine Mammutaufgabe, die sie N.T. Wright hier vorgenommen hat. Unter dem Übertitel „Ursprünge des Christentums und die Frage nach Gott“ will er ein Gesamtwerk zur neutestamentlichen Theologie vorlegen. Es geht ihm schon vom Anspruch her nicht um irgendwelche Detailfragen, sondern er will einen Gesamtentwurf und Gesamtblick für das Neue Testament entwickeln. Nicht nur einen zusammenfassenden Überblick, sondern einen theologisch stringenten Gesamtentwurf des ganzen Neuen Testaments. Sein Werk ist auf sechs Bände angelegt und das vorliegende knapp 700-seitige Buch „Das Neue Testament und das Volk Gottes“ ist nur das erste Buch dieser Reihe.

In diesem ersten Band geht es um die Grundlagen: Erkenntnistheoretische Fragen und der weltanschauliche Hintergrund von Juden und Christen im ersten Jahrhundert. Im Jahr 1992 erschien das Original auf Englisch: „The New Testament and the People of God“ (auf deutsch erschien es 2011 bei Francke). Im zweiten Band geht es dann um die Frage, wer Jesus war und was er wollte („Jesus and the Victory of God“, 1996; „Jesus und der Sieg Gottes“, 2013). Der dritte Band beschäftigt sich mit dem Thema Auferstehung – allgemein und im besonderen mit der Auferstehung Jesus („The Resurrection of the Son of God.“, 2003; „Die Auferstehung des Sohnes Gottes“, 2014). Der aktuell neuste Band ist der vierte, in dem Wright seine Paulusinterpretation entfaltet („Paul and the Faithfullness of God“, 2013). Parallel zu diesem vierten Band ist auch ein Buch zur Forschungsgeschichte erschienen („Paul and his Recent Interpreters“,2014). Im fünften Band soll es dann um die Theologie der Evangelien gehen und der sechste Band wird eine zusammenfassende Synthese bieten. Man sieht: ein anspruchsvolles Programm! N. T. Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes weiterlesen

Ulrike Purschke: Hendrikje, vorübergehend erschossen

Purschke: HendrikjeSicher kein anspruchsvolles Stück Weltliteratur, aber doch ein charmantes, unterhaltsames und gut geschriebenes Buch. Wenn ich den Roman mit einem Wort beschreiben sollte, dann wäre das Wort: skurril. Sowohl von den Personen her als auch von der Geschichte her. Es erinnert mich von der Art etwas an manche Romane von John Irving. Eine skurrile Geschichte so zu erzählen, dass sie nicht ins völlig ins Lächerliche abdriftet oder total überdreht wirkt, ist eine gar nicht so einfache Kunst (und dieser besondere Art von Humor findet man gerade in der deutschen Literatur äußerst selten). Ich finde das ist der Autorin recht gut gelungen. Ulrike Purschke: Hendrikje, vorübergehend erschossen weiterlesen

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Joyce: Die unwahrscheinliche Reise...Die Geschichte klingt ziemlich abstrus. Auch etwas kitschig. Außerdem ist es ein Bestseller, also vermeintlich eher leichte und oberflächliche Kost… Diese Vorurteile haben sich auch während des Lesens mehr oder weniger bestätigt – aber trotzdem habe ich es gerne gelesen und fand es letztendlich zwar abstrus, aber trotzdem irgendwie realistisch, zwar kitschig, aber trotzdem tiefgründig, zwar leicht zu lesen, aber trotzdem auch herausfordernd.

Es geht um Harold Fry, ein Engländer, der an der Südküste Englands seinen Ruhestand genießt. Wobei es nicht wirklich was zu genießen gibt. Er lebt so vor sich hin und die Ehe mit seiner Frau Maureen ist mehr ein nebeneinander her leben. Diese ungute Ruhr kommt aus dem Gleichgewicht, als eines Tages ein Brief von einer ehemaligen Kollegin kommt: diese hat Krebs und befindet sich in einem Hospiz an der schottischen Grenze. Harold schreibt einen kurzen Brief und will ihn in den Briefkasten einwerfen. Doch es gelingt ihm nicht. Er kommt am ersten Briefkasten vorbei, dann an weiteren Briefkästen und Postämtern, und er spürt immer deutlicher, dass dieser Brief nicht genug ist. Er muss seine Kollegin persönlich sehen. Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry weiterlesen

Henning Mankell: Das Auge des Leoparden

Mankell: Das Auge des LeopardenEin Schwede in Afrika – das könnte ein kitschiger Sehnsuchtsroman werden, voller Sonnenuntergänge und romantischer Safari-Erfahrungen. Ist es aber zum Glück nicht! Mankell zeichnet ein bedrückendes und ernüchterndes Bild über Afrika und unsere Vorstellung von uns weißen Europäer als Freund und Helfer der „armen Schwarzen“.

Hauptperson des 1990 im schwedischen erschienen Romans ist Hans Olofson. Sein Vater ist Trinker und seine Mutter hat er nie kennengelernt. Er ist auf der Suche nach sich selbst, lässt sich dabei aber eher treiben, als diese Suche selbst zu gestalten. So ist es auch nicht seine Idee nach Afrika zu reisen, sonder er erfüllt den Lebenstraum einer verstorbenen Freundin, als er nach Sambia reist. Dort übernimmt er auf eher zufällige Weise eine Hühnerfarm und aus dem kurzen Afrikabesuch wird ein 18-jähriger Aufenthalt.

Hans Olofsen sieht sich als der gute Weiße, der den Afrikanern auf seiner Farm mit allerlei Wohltaten helfen möchte. Doch schnell merkt er, dass diese Hilfe nicht so einfach ist und er in der Gefahr steht ausgenutzt zu werden. Dem kann er nur mit Härte begegnen, wobei er sich immer noch als Wohltäter versteht, weil er ja vielen Afrikanern auf seiner Hühnerfarm Arbeit verschafft.

Im Lauf des Romans wird immer mehr deutlich, wie unterschiedlich die Kultur Europas und Sambias ist. Nicht nur die Denk- und Lebensweise ist völlig unterschiedlich, sondern es ist durch die Erfahrung der Kolonialzeit von vornherein schwierig zu einem freundschaftlichen Miteinander zu kommen. Dazu kommt das Problem der Korruption einer reichen Oberschicht in Sambia. Diese führen sich auch nicht besser auf als die weißen Kolonialherren.

Mankell erzählt die Geschichte im steten hin und her zwischen der Kinder- und Jugendzeit in Schweden und der Zeit in Afrika. Bindeglied sind immer wieder Fieberträume Olofsons, welche von Malaria verursacht werden. Darin wird auch die existentielle Angst und Heimatlosigkeit der Hauptperson deutlich.

Ich hatte Anfangs etwas Probleme in den Roman hinein zu finden. Aber mit der Zeit hat mich die Geschichte gefesselt. Es ist keine schöne und leichte Geschichte, sondern oft sehr bedrückend. Das Buch hilft auf jeden Fall, den kulturellen Unterschied zwischen Afrika und Europa besser zu verstehen. Mankell hat viel Zeit in Afrika verbracht. Er ist wohl selbst auf der einen Seite fasziniert von diesem Kontinent, sieht aber auch klar die Schwierigkeiten. Der Roman ist nicht parteiisch, sondern möchte dem Leser helfen, sich selbst ein Bild zu machen. Besondere Sympathie zeigt Mankell dabei den afrikanischen Frauen, welche abseits von allen Machtspielen und Raffgier einfach nur ihr Bestes geben, um ihre Familie zu ernähren.

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Titus Müller: Nachtauge

Müller: NachtaugeEin gelungener historischer Roman, der in der Zeit des 2. Weltkrieges spielt. Ausgehend von wahren Begebenheiten erzählt Titus Müller in zwei Erzählsträngen eine Spionagegeschichte, die in England spielt und eine Liebesgeschichte, die in Deutschland spielt. Durch verschiedene Personen und verschiedene Perspektiven gibt er dem Leser einen guten Einblick in die verworrene Zeit des Nationalsozialismus. Titus Müller: Nachtauge weiterlesen

John Williams: Stoner

Williams: StonerIst dieser Roman jetzt deprimierend oder faszinierend? Einerseits ist diese Lebensgeschichte eines Literaturprofessors eine Geschichte voller Enttäuschungen und unerfüllter Träume. Nichts läuft in diesem Leben so richtig gut. Man leidet als Leser mit dieser tragischen Hauptperson. Andererseits hat dieser nüchterne Bericht auch eine eigenartige Faszination. Die Hauptperson lässt sich nicht kleinkriegen und man ist als Leser beeindruckt von seiner Stärke. Auch wenn in dem Roman nichts außergewöhnliches geschieht, versteht es der Autor so zu schreiben, dass man als Leser dran bleiben möchte.

Der Roman ist schon älter, er wurde 1965 von dem amerikanischen Literaturprofessor John Williams veröffentlicht. Allein schon der Beruf verät, dass in dem Buch wohl auch manch autobiographische Erlebnisse verarbeitet wurden. Es liegt eine gewisse passende Tragik darin, dass der Roman zunächst nicht groß beachtet wurde und erst Jahre nach dem Tod von Williams (1994) wieder entdeckt wurde und inzwischen zu einem Welterfolg wurde. Es gibt inzwischen zahllose begeisterte Rezensionen zu diesem Buch. Nur hat der Autor nichts mehr von dieser späten Anerkennung… John Williams: Stoner weiterlesen