Bonhoeffer: Nachfolge (23) – Das Bild Christi

Das Abschlusskapitel von Bonhoeffers Nachfolge. Noch einmal nimmt Bonhoeffer das Ganze in den Blick und fragt, was die Bestimmung, das Ziel des Nachfolgers ist: „Es ist die unfaßlich große Verheißung, die denen gegeben ist, die vom Ruf in die Nachfolge Jesu Christi getroffen wurden, daß sie Christus gleich werden sollen […] Das ist die letzte Bestimmung des Jüngers, daß er werden soll, ‚wie Christus‘.“ (S.297) Auffällig auch hier noch einmal der Ausgangspunkt: wir werden vom Ruf in die Nachfolge getroffen. Es ist nicht etwas, das von uns ausgeht, sondern Wesentlich ist der Ruf Jesu.

Bonhoeffer nimmt im Zusammenhang mit dem Bild Christi die Schöpfungsgeschichte auf: Das ist die Bestimmung des Menschen von Anfang an, „daß er Geschöpf ist und doch dem Schöpfer gleich sein soll“ (S.297). Er ist zu Gottes Ebenbild erschaffen. Jesus Christus ist gekommen, dieses verlorene Bild Gottes wiederherzustellen. „Niemand findet das verlorene Ebenbild Gottes wieder, es sei denn, daß er teilgewinnt an der Gestalt des menschgewordenen und gekreuzigten Jesus Christus.“ (S.300)

Diese Wiederherstellung geschieht auf dreifache Weise: Christus hat erstens Menschengestalt angenommen. Damit gibt er der ganzen „Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück“ (S.301). In jedem Menschen begegnet uns daher auch Christus und somit gründet in der Menschwerdung Jesu auch die Liebe zu allen Menschen. Zweitens muss der Jünger auch umgestaltet werden in die Todesgestalt des Gekreuzigten. Er muss der Sünde und der Welt sterben. Aber er wird drittens auch dem Verklärten und Auferstandenen gleichgestaltet. Das ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess: „Immer tiefer wird die Umgestaltung zum göttlichen Ebenbild, immer klarer wird das Bild Christi in uns“ (S.302).

Aber obwohl diese Umgestaltung ein anhaltender Prozess ist, sind wir doch jetzt schon Ebenbild Christi: „Weil wir zum Ebenbilde Christi gemacht sind, darum sollen wir sein wie Christus. Weil wir Christi Bild schon tragen, darum allein kann Christus ‚Vorbild‘ sein, dem wir folgen.“ (S.303) Wer in der Nachfolge steht, der soll das was er durch Christus schon längst ist, auch leben!

Am Ende betont Bonhoeffer noch einmal, was immer wieder durch das ganze Buch hindurch auftaucht: Nachfolge heißt allein auf Jesus zu sehen. „Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt.“ (S.304) Es geht nicht um religiöse Selbstfindung, es geht nicht um die Suche nach wahrem Glück und Erfüllung, es geht nicht um fromme Weiterentwicklung, es geht nicht politische Umgestaltung der Welt,… All das kann und wird geschehen in der Nachfolge, aber es bleibt zweitrangig – denn der Nachfolger hat allein eines im Blick: Jesus Christus.

Mein persönliches Schlussfazit: Ich muss zugeben, an manchen Stellen tat ich mich schwer mit Bonhoeffers scharfen Zuspitzungen. Ich muss zugeben, dass sich das letzte Drittel ziemlich hingezogen hat. Aber insgesamt gesehen bin ich beeindruckt von diesem Buch und von Bonhoeffers Lebenszeugnis, das seine theologischen Aussagen untermauert. Ich bin beeindruckt von seiner Klarheit, die nicht in Vereinfachung und Banalität mündet. Ich bin beeindruckt, wie er tiefe persönliche Jesus-Frömmigkeit mit politischer Weltverantwortung kombiniert. Ich bin fasziniert davon, wie er durch alle theologischen Differenzierungen hindurch immer den Blick auf Jesus gerichtet hat.

Bonhoeffer: Nachfolge (22) – Die Heiligen

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Heiligung der Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu. Darum geht es ja schon in der ganzen Bergpredigt ganz praktisch. Jetzt wird das eher systematisch-theologisch unter dem Stichwort „die Heiligen“ behandelt. Grundsätzlich gilt: „Heilig ist allein Gott.“ (S. 269) Aber im „Heiligtum […] verbindet sich der Heilige mit seinem Volk.“ (S.270) Das Heiligtum ist im Neuen Testament aber nun nicht ein irdisches Gebäude, sondern der Leib Christi, die Gemeinschaft der Heiligen. Weil Gott heilig ist, sind also auch die Glaubenden heilig.

Das geschieht durch die Rechtfertigung des Sünders. Bonhoeffer betont, dass es fremde Gerechtigkeit bleibt: es ist allein Gottes Gerechtigkeit, die dem Sünder angerechnet wird (S.273). Nur als gerechtfertigte Gemeinde sind wir die Gemeinde der Heiligen (S.274). Bonhoeffer ist nun aber wichtig, dass das einmalige Ereignis der Rechtfertigung zwar der Ausgangspunkt ist, dass dazu aber auch das Leben in der Heiligung kommen muss (S.275). „Beide Gaben gehören unlöslich zueinander. Aber sie sind eben darum auch nicht ein und dasselbe.“ (S.275) Heilige sind wir also nicht allein durch die Rechtfertigung, sondern nur wenn wir auch in einem Leben der Heiligung bleiben.

Bonhoeffer zieht daraus nun eine dreifache Konsequenz: Das erste ist, dass es Heiligung „nur in der sichtbaren Gemeinde“ (S.277) gibt. D.h. dass Heiligung nicht nur ein innerliches Geschehen ist, sondern dass es auch von außen sichtbar sein muss. Insofern gehört für die Gemeinde „ihr ‚politischer‘ Charakter unabdingbar zu ihrer Heiligung“ (S.277) dazu. Unser Leben als Christ muss sich in der polis (griech. für „Stadt, Gemeinwesen, Gesellschaft) zeigen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist für Bonhoeffer, dass sich die Heiligung der Gemeinde „gerade in der Absonderung von der Welt“ (S.278) zeigt. „Politisches“ Christsein heißt also nicht, dass wir uns der Welt gleichstellen, sondern dass wir gerade durch unsere Andersartigkeit die Welt verändern. Im folgenden geht Bonhoeffer ausführlich darauf ein, was das bedeutet: Christen nehmen Abstand von der Sünde und leben in der Frucht des Heiligen Geistes. Ganz konkret heißt das für Bonhoeffer auch, dass in der Gemeinde die Gemeindezucht praktiziert wird (S.286). Ziel dabei ist aber nicht die Reinerhaltung der Gemeinde (so als gäbe es eine Gemeinde der Vollkommenen, aus der alle Unvollkommene ausgeschlossen werden müssen), sondern die Buße und Versöhnung. Jeder in der Gemeinde lebt allein von der Vergebung und nicht von seinem vollkommenen Lebenswandel. Gemeindezucht ist „pädagogisches Handeln“ (S.290) welche zur Umkehr und Vergebung führen soll.

Die dritte Bestimmung der Heiligung ist die Ausrichtung auf das Ende hin: „Alle Heiligung ist auf das Bestehen am Tage Jesu Christi gerichtet.“ (S.292) Das bedeutet für Bonhoeffer, dass im Gericht auch die guten Werke zählen. Mit dem Kreuz sind die Forderungen des Gesetzes nicht einfach abgetan: „Gottes Gesetz bleibt aufgerichtet und muss erfüllt werden.“ (S.295) Aber als reformatorischer Theologe betont Bonhoeffer natürlich, dass diese guten Werke nicht unser Verdienst sind, sondern von Gott geschenkte Werke, in welchen wir wandeln sollen. „So bleibt unseren Augen unser gutes Werk gänzlich entzogen. Unsere Heiligung bleibt uns verborgen bis auf den Tag, da alles offenbar wird.“ (S.295)

Das finde ich im Zusammenhang der Heiligung extrem wichtig: Es geht nicht darum, dass wir uns um ein heiliges Leben bemühen sollten. Es geht nicht darum, dass wir danach streben sollten immer besser, heiliger und vollkommener zu werden. Sondern es geht – wie in der gesamten Nachfolge – nur um das eine: „So bleibt uns abermals nichts als von uns wegzusehen auf den, der alles schon für uns vollbracht hat und ihm nachzufolgen.“ (S.296)

Interessant finde ich auch Bonhoeffers betonter Blick auf die Gemeinde als Ort der Heiligung. Wir sind da heute sehr viel individualistischer geprägt und denken bei Heiligung vorwiegend an unser persönliches Glaubensleben und unsere persönliches geistliches Wachstum. Aber das ist durchaus wichtig: Heiligung geschieht nicht, wenn ich allein im stillen Kämmerlein sitze, sondern sie geschieht im Miteinander und oft auch in der Auseinandersetzung mit anderen Heiligen. Und Heiligung hat nicht nur persönliche Auswirkungen, sondern auch gesellschaftliche!

Bonhoeffer versucht im zweiten Teil seines Buches die Bergpredigt systematisch-theologisch zu durchdringen und zu bündeln. Das macht er auch konsequent und gut. Allerdings fehlt dem zweiten Teil und auch diesem Kapitel die provozierende und kantige Kraft des ersten Teils. Mir als Leser geht es auf jeden Fall so, dass ich beim ersten Teil (der sich mit Evangeliumstexten zur Nachfolge und der Bergpredigt beschäftigt) mit Begeisterung und manches mal auch mit ungläubigem Kopfschütteln dabei war. Jetzt gegen Ende des Buches quäle ich mich eher durch…

Bonhoeffer: Nachfolge (21) – Die sichtbare Gemeinde

„Der Leib Christi nimmt Raum ein auf Erden.“ (S.241) Dieser erste Satz in dem Kapitel hört sich reichlich seltsam und ungewohnt an. Was meint Bonhoeffer damit? Zuerst einmal ist deutlich, dass dieses Kapitel an das vorherige anschließt: „Der Leib Christi“. Es geht also darum, wie dieser Leib Christi heute in der Gemeinde sichtbar wird. Mit dem „Raum einnehmen“ meint Bonhoeffer offensichtlich, dass Nachfolge und Gemeinde keine leiblose und nichtmaterielle Idee ist, sondern dass Gemeinde ihren sichtbaren und wahrnehmbaren Platz und Raum in dieser irdischen Welt braucht: „Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos.“ (S. 241) Aber der Leib Christi muss sichtbar sein – nicht nur damals beim irdischen Leib Christi, sondern auch heute bei der Gemeinde als Leib Christi.

Bonhoeffer spricht nun verschiedene Punkte an, auf welche Weise die Gemeinde sichtbar wird. Der erste Punkt ist der Gottesdienst und hier speziell die Predigt und die Sakramente. Die Predigt soll apostolische Predigt sein, sie soll nichts anderes sein als „der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die ‚Lehre der Apostel‘, die apostolische Predigt.“ (S.244) Auch in Taufe und Abendmahl begegnet uns Christus selbst: „In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig.“ (S. 244) Wie so oft geht es bei Bonhoeffer um Jesus Christus selbst. Die sichtbare Gemeinde ist sein Leib und er wird selbst leibhaftig sichtbar in der Gemeinde.

Ein weiterer Punkt der sichtbaren Gemeinde ist die Gemeindeordnung. Darunter versteht Bonhoeffer die Ämter der Gemeinde. Sie sind keine Herrschaftsämter, sondern Dienste. Es gibt für ihn keine feste Liste von Ämtern oder die eine Gemeindeordnung der christlichen Kirche, sondern es muss „in verschiedenen Gemeinden verschiedenen Ämter […] geben. (S. 246) Die Gewähr für die rechte Ordnung einer Gemeinde muss die „gesunde heilsame Lehre“ (S. 246) sein. Bonhoeffer gibt zu, dass die Trennung zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre nicht immer leicht ist, aber er betont auch, dass da wo Irrlehre offenbar ist, dann auch eine sichtbare Trennung geschehen muss.

Ein dritter Punkt der sichtbaren Gemeinde ist der „Lebensraum“. Das klingt für heutige Ohren sehr seltsam und erinnert mich an die nationalsozialistische Ideologie, welche für Deutschland „Lebensraum“ im Osten gefordert hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff schon zur Entstehungszeit des Buches im Umlauf war und ob das eine bewusste Anspielung Bonhoeffers darauf ist. Er meint damit natürlich etwas völlig anderes als die Nazis. Es geht ihm darum, dass der Lebensraum der Gemeinde, der Raum in welchem die Nachfolge sichtbar wird, nicht abgetrennt ist von der restlichen Welt. Unser Lebensraum ist mitten drin in der vergänglichen Welt – wir sollen uns nicht abtrennen von dieser Welt und auf eine Insel der Seligen zurück ziehen, sondern wir sollen unseren Glauben mitten in der Welt leben.

Glaube betrifft das ganze Leben der Christen, es gibt hier kein Lebensbereich der ausgeklammert werden kann. Nachfolge spielt sich nicht nur am Sonntag im Gottesdienst ab, sondern auch an den restlichen Tagen der Woche. Das betrifft auch Miteinander in der Gemeinde. Hier setzt Bonhoeffer eine Spitze gegen Naziideologie: das gemeinschaftliche Leben der Glieder des Leibes Christi ist unabhängig von der Stimme des Blutes, der Natur, der Sympathien oder Antipathien. (S. 250) „So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus.“ (S. 253)

Schließlich kommt Bonhoeffer noch explizit auf die Beziehung zur Obrigkeit zu sprechen. Er bezieht sich dabei auf Röm. 13,1ff. Dabei betont er, dass dieser Text nicht der Obrigkeit gilt, sondern den Christen. „Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen.“ (S. 257) Bonhoeffer fasst das Anliegen von Paulus so zusammen: „Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.“ (S. 258) Die Aufgabe der Christen ist es, unabhängig von guter oder bösen Obrigkeit, das Böse mit Gutem zu überwinden (S. 259) Den Christen soll es nicht um das Reich dieser Welt gehen, sondern um Gottes Reich.

Nun hat aber das Leben in der Welt und unter der weltlichen Obrigkeit auch seine Grenzen: „Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht.“ (S. 261) Man könnte hier anstatt von Raumanspruch auch von Machtanspruch sprechen: Wenn Machtansprüche des Glaubens und der Welt in Konflikt geraten, dann ist es keine Frage, welcher Anspruch für Christen mehr zählt.

Insgesamt ist also die Beziehung der sichtbaren Gemeinde zur Welt eine dialektische: „So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderer Stelle die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbar werden.“ In der Welt aber nicht von der Welt.

Mir sind die Begriffe mit denen Bonhoeffer hier argumentiert teilweise ziemlich fremd, ich kann damit oft nichts konkretes verbinden. Aber von der Sache her finde ich seine Argumentation gut. Besonders gefällt mir seine Dialektik: er versucht in diesem Kapitel nicht schwierige Sachverhalte in die eine oder andere Richtung aufzulösen, sondern er belässt sie in einer Spannung. Eine Spannung, die bleiben wird, solange wir als Christen in dieser vergänglichen Welt leben.

Bonhoeffer: Nachfolge (20) – Der Leib Christi

Auf extrem zugespitzte Weise (wieder einmal) betont Bonhoeffer in diesem Kapitel die Realität des Leibes Christi – auch heute. Der „Leib Christi“ ist für ihn kein Sprachbild oder Symbol, um etwas tieferes und dahinter liegendes auszusagen, sondern er ist ganz realistisch (wenn auch nicht stofflich-materiell) der Leib des Auferstandenen Christus. „Wir leben in der vollen Gemeinschaft der leiblichen Gegenwart des verklärten Herrn.“ (S.227) Der Auferstandene ist nicht nur im Geist oder im Glauben oder auf übertragene Weise gegenwärtig, nein er ist – wie zur Zeit der ersten Jünger – leiblich gegenwärtig!

Grundlage für diese Aussagen ist die Fleischwerdung des Sohnes Gottes in Jesus Christus. Gott hat hier nicht nur einen einzelnen besonderen Menschen auserwählt, sondern er hat die menschliche Natur angenommen. „Das heißt: Gott nahm die ganze kranke, sündige menschliche Natur an…“ (S228) Gott benützt eben nicht nur einen besonderen Menschen, um durch ihn sein ewiges Wort hörbar werden zu lassen, sondern wird wirklich ein Teil der menschlichen Natur. Nur so kann er die menschliche Natur erlösen, indem in ihm all unsere Krankheit und Sünde stirbt. Diese Verleiblichung Gottes hört für Bonhoeffer mit Pfingsten nicht auf!

Schon für die ersten Jünger war die Gemeinschaft mit Christus nicht nur eine gedankliche, eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsamer Glaube, sondern eine leibliche Gemeinschaft. Von Anfang an haben Jesu Nachfolger mit ihm gegessen und gelitten, sie sind ganz konkret mit ihm durch die Lande gezogen. Heute werden wir ein Teil dieses Leibes Christi durch die Sakramente von Taufe und Abendmahl. Auch hier geht es Bonhoeffer nicht um eine symbolische Teilhabe an Christus, sondern eine ganz reale Eingliederung am Leib Christi. „Die Gemeinschaft der Getauften wird zu dem einen Leib, der Christi eigener Leib ist.“ (S. 231) Die Rede vom Leib Christi ist kein Symbol für unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander, sondern sie ist eine reale Gegebenheit.

Bonhoeffer treibt diese reale Vorstellung vom Leib Christi dann noch weiter: die real sichtbare Gemeinschaft der Gemeinde, ja sogar die Kirche ist die Gestalt des Auferstandenen. „Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaften Person.“ (S. 232) Wobei an dieser Stelle – wohl bewusst – offen bleibt, inwieweit man die sichtbare Institution der Kirche mit der Kirche als Leib Christi gleichsetzen kann.

Auf jeden Fall ist für den Christen die reale und leiblich geteilte Gemeinschaft mit anderen Nachfolgern essentiell. Ohne diese Gemeinschaft geht es nicht: „Es wird keiner ein neuer Mensch, es sei denn in der Gemeinde, durch den Leib Christi. Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten. Ein neuer Mensch werden heißt in die Gemeinde kommen, Glied am Leibe Christi werden.“ (S.233) In unserer individualistisch geprägten postmodernen Frömmigkeit sind das ganz schön herausfordernde Worte. Vor allem weil sich Bonhoeffer diese Gemeinschaft sehr konkret und leibhaft vorstellt und nicht nur an ein gemeinsames Bekenntnis von Gleichgesinnten denkt.

In konsequenter Fortführung der Identität von Jesu irdischen Leib und dem Leib der Gemeinde ist es für uns die größte Ehre, wenn wir auch an Jesu Leiden und Verklärung teilhaben dürfen. „Keine größere Herrlichkeit konnte er den Seinen schenken, keine unbegreiflichere Würde kann es für den Christen geben, das dass er ‚für Christus‘ leiden darf.“ (S.236) Das passt so gar nicht in unser bequemes heile Welt Christentum: Bete nicht dass du nicht Verfolgung, Krankheit oder Schmerz leidest, sondern freue dich, wenn du mit Christi leiden darfst! Gerade darin bist du ein Teil seines Leibes!

Ich merke bei diesem Kapitel, wie sehr ich im Denken von der griechischen Philosophie geprägt bin, die streng zwischen Geist und Materie unterscheidet. Alles Materielle ist von vornherein schlecht und das eigentlich göttliche ist das Geistige. Bonhoeffer betont gegen solch eine Vergeistigung des Glaubens seine „Verleiblichung“.

Bonhoeffer: Nachfolge (19) – Die Taufe

Im ersten Hauptteil seines Buches untersucht Bonhoeffer das Thema Nachfolge ausgehend von synoptischen Texten, die sich mit dem irdischen Jesus und der ganz konkreten Nachfolge der ersten Jünger beschäftigen. Im zweiten Hauptteil stellt Bonhoeffer die Frage, wie die Nachfolge nach Tod und Auferstehung Jesu Christi aussieht: „Wie erreicht uns heute sein Ruf in die Nachfolge? Jesus geht nicht mehr leiblich an mir vorüber…“ (S.215). Muss man nicht unterscheiden zwischen der Nachfolge beim irdischen Jesus und dem Glauben an den auferstandenen Christus? Für Bonhoeffer ist die Antwort klar und zweifellos: Nein, es ist derselbe Jesus Christus, der uns auch heute noch in die Nachfolge ruft. Er ist nicht tot, „sondern heute lebendig“ (S.215) und spricht durch das Zeugnis der Schrift zu uns. „Der Ruf Jesu Christi ergeht in der Kirche durch sein Wort und Sakrament.“ (S.215)

Schon für die ersten Nachfolger war der Ruf nicht eindeutig, sondern vieldeutig. Schon damals wurde Christus „allein im Glauben erkannt“ (S.216). Zwar trifft der Ruf heute auf andere Personen in anderen Zeiten, aber Bonhoeffer betont „die Gleichheit Jesu Christi und seines Rufes damals und heute“ (S.217). Damit wendet er sich deutlich gegen Rudolf Bultmann und seine Trennung von irdischem Jesus und kerygmatischen Jesus (vgl. Fußnote 3, S.219). Für Bonhoeffer gibt es nur einen Jesus Christus, dessen Ruf derselbe ist – vor und nach der Auferstehung.

Exegetisch macht er das an der Einheit der Schrift fest: Paulus und die Synoptiker sprechen zwar in unterschiedlichen Begriffen von Jesus Christus und der Nachfolge, von der Sache her bezeichnen sie jedoch dasselbe. „Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus.“ (S.220)

Die erste Entsprechung von der Sache her sieht Bonhoeffer bei der Taufe: „Ruf und Eintritt in die Nachfolge haben bei Paulus ihre Entsprechung in der Taufe.“ (S.221) An verschiedenen Punkten macht Bonhoeffer diese Entsprechung deutlich: die Taufe ist (wie der Ruf des irdischen Jesus in die Nachfolge) ein Angebot Jesu Christi und sie führt zu einem Bruch mit dem bisherigen Leben (S.221). „Der Bruch mit der Welt ist ein vollkommener. Er fordert und bewirkt den Tod des Menschen.“ (S.222) Dabei geht es nicht darum, dass der Mensch sich selbst abtötet, sondern dass er Teil hat am Tod Jesu Christi. „Schon Jesus hat seinen Tod eine Taufe genannt und seinen Jünger diese Taufe des Todes verheißen (Mk.10,39; Lk. 12,50).“ (S.222)

Weitere Ebenen der Entsprechung sind für Bonhoeffer der Tod in der Taufe als Rechtfertigung von der Sünde und die Verbindung von Taufe und Geist (den Heiligen Geist sieht er als nichts anderes als die Gegenwart Christi selbst). Des weiteren ist die Taufe (wie die Nachfolge gegenüber dem irdischen Jesus) ein sichtbarer Gehorsamsakt, ein öffentliches Geschehen. Wie der Eintritt in die Nachfolge, so ist auch die Taufe ein einmaliges Geschehen, welches sich aber immer wieder neu im täglichen Leben auswirkt.

Am Schluss stellt sich schließlich auch für Bonhoeffer die Frage nach der Kindertaufe. Er stellt sie nicht grundsätzlich in Frage, betont aber die Wichtigkeit der Einbettung „in einer lebendigen Gemeinde“ (S.226). Sie kann „nur dort erteilt werden […], wo die erinnernde Wiederholung des Glaubens an die ein für alle mal vollbrachte Heilstat gewährleistet werden kann.“ (S.225/226) An dieser Stelle könnte man zurecht kritisch nachfragen: im ersten Teil betont Bonhoeffer im Kapitel „Die Nachfolge und der Einzelne“ dass der Ruf Jesu in die Nachfolge den Jünger zum Einzelnen macht. „Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden.“ (S.87) Wäre da nicht die logische Entsprechung, dass auch bei der Taufe der Einzelne allein entscheiden muss und nicht andere (Eltern oder Gemeinde) an seiner Stelle?

Grundsätzlich finde ich die Betonung der Einheit von irdischen und auferstandenen Jesus Christus gut, richtig und wichtig. Genauso wie damals ruft Christus auch heute noch Menschen in seine Nachfolge. Ich denke, dass es damals genauso schwierig war, hinter dem Ruf dieses irdischen Menschen Jesus von Nazareth die Stimme Gottes zu hören, wie für uns heute schwierig ist, wirklich den Ruf des Auferstandenen zu hören. Wir können uns da nicht rausreden und sagen, dass die Jünger damals es viel einfacher gehabt haben diesen Ruf zu hören und Jesus nachzufolgen. Sie wussten ja damals auch nicht, ob sich in diesem Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn offenbart.

Auf der theologischen Ebene leuchtet mir auch die Entsprechung von Taufe und Ruf bzw. Eintritt in die Nachfolge ein. Das lässt sich für mich sogar auch mit der Kindertaufe vereinbaren, solange die Kindertaufe nicht als abgeschlossenes Geschehen gesehen wird, sondern als Ruf Gottes auf welchen dann irgendwann die Antwort des Menschen folgen muss. Aber empirisch gesehen, von meiner Erfahrung her gesehen, habe ich eben den Ruf Christi nicht in meiner Kindertaufe gehört (auch nicht im Rückblick), sondern völlig unabhängig davon durch andere Christen und durch die Bibel. Diese Diskrepanz (nicht nur an dieser Stelle) zwischen klaren, scharfen und richtigen theologischen Aussagen und meiner konkret erlebten Glaubenswirklichkeit finde bei Bonhoeffer zunehmend schwierig.

Kritisch anfragen könnte man auch die Selbstverständlichkeit und Ausschließlichkeit, mit der Bonhoeffer davon ausgeht, dass wir heute den Ruf Jesu in Wort und Sakrament hören. Das übernimmt er einfach aus seiner lutherischen Tradition ohne direkte biblische Begründung. Gibt es darüber hinaus nicht auch noch andere Möglichkeiten, durch die uns Jesu Ruf heute erreichen kann?

Bonhoeffer: Nachfolge (18) – Die Boten

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Sendung der Jünger. Es geht um den Abschluss von Matthäus 9 und das ganze 10. Kapitel. Relativ zügig geht Bonhoeffer an diesem Text entlang und schreibt zu den einzelnen Textabschnitten jeweils einige Gedanken.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Kapitel nicht so besonders angesprochen hat. Es ist im Wesentlichen eine Nacherzählung und kurze Entfaltung des Matthäustextes. Keine große Überraschungen. Anstatt zu erklären spitzt Bonhoeffer wie gewohnt die Herausforderungen des Textes eher noch zu.

Bisher war ich ja recht angetan von dieser Zuspitzung. Sie macht den Text unbequem und herausfordernd. Man liest nicht so leicht darüber hinweg. Allerdings merke ich auch, dass die ständige Provokation mit der Zeit nicht mehr so wirksam ist (und in diesem Kapitel auch nicht so spitzt herausgearbeitet ist) – man stumpft gegenüber diesen Zuspitzungen ab. Es ist ja gut, wenn uns der Bibeltext herausfordert. Aber für für mein Leben als Christ wäre es auch ganz hilfreich zu erfahren, wie ich mit all diese steilen Anforderungen umgehen soll? Wenn ich Bonhoeffer ernst nehme, dann lebe ich in einer ständigen Überforderung. Dann erlebe ich ständig nur Scheitern, weil mein Leben bei weitem nicht dem entspricht, wie Bonhoeffer die Nachfolge darstellt.

Hier macht sich der Hintergrund von Bonhoeffers Theologie bemerkbar: Er steht in der Tradition der dialektischen Theologie von Karl Barth. Barth betont die Andersartigkeit Gottes, sein Wort kommt unvermittelt, senkrecht von oben in unsere Welt hinein. Wir sollen dementsprechend Gottes Wort nicht menschlich erklären und verständlicher machen, sondern gerade in seiner Andersartigkeit stehen lassen. Barth hat damit einen berechtigten Gegenentwurf zur liberalen Theologie des 19. Jh. geliefert, in welcher nur noch der Mensch und seine Erfahrungen und Möglichkeiten im Zentrum stand.

Aber auch das andere Extrem (die dialektische Theologie) hat so ihre Probleme und die werden mir so langsam bei Bonhoeffers Nachfolge deutlich: die Kluft zwischen Gott und Mensch wird groß und größer. Das Evangelium wird ziemlich abstrakt und es wird nicht recht deutlich, wie wir diese Evangelium auch in unserem Alltag leben können. Die menschliche Wirklichkeit gerät aus dem Blickfeld.

Ein Beispiel: Bonhoeffer schreibt: „Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden.“ (S. 199) Das mag als theologisches Postulat richtig sein – aber deckt sich nicht mit meiner Lebensrealität, nicht mit meiner Erfahrung. Mein Leben als Nachfolger ist bruchstückhaft und bei weitem nicht so perfekt, wie Christus es gelebt hat. Man kann natürlich sagen, dass das eine Verheißung ist, die unabhängig von meiner Einschätzung wahr ist – aber wenn Gottes Verheißungen gar nichts mehr mit meinem wirklichen Leben zu tun haben, dann wird das Evangelium lebensfremd und unwirklich, dann wird Nachfolge kalt und abstrakt.

Wie gesagt: das ist eine Gefahr und wir sehen ja bei Bonhoeffer selbst, wie er in eindrucksvoller Weise seinen Glauben auch im Alltag gelebt hat. Es wäre interessant zu erfahren, wie er selbst in seinem Glauben diese zugespitzten Forderungen der Nachfolge auf der einen Seite und die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit miteinander in in Verbindung gebracht hat. Ich denke Theologie hat nicht nur die Aufgabe uns die Andersartigkeit Gottes und die ungeheuren Ansprüche, die Jesus an seine Nachfolger stellt, vor Augen zu führen, sondern sie sollte auch deutlich machen, wie Jesus Mensch wurde, wie er schwach wurde, wie er gerade die Zerbrochenen und Müden mit Gott in Verbindung gebracht hat.

Bonhoeffer: Nachfolge (17) – Die Aussonderung der Jüngergemeinde

Nach Bonhoeffer geht es in Matthäus 7 um „die Frage nach dem Verhältnis der nachfolgenden zu den Menschen um sie herum“ (S. 176f). Hier steht zunächst die Aufforderung im Zentrum, andere nicht zu richten. Das ist deswegen unmöglich, weil der Christ dazu gar keinen Maßstab hat. Er hat seine Gerechtigkeit nur in der Verbundenheit mit Jesus Christus, nie als Besitz zur eigenen Verfügung. „Richten die Jünger, so richten sie Maßstäbe auf über Gut und Böse. Jesus Christus aber ist kein Maßstab, den ich auf andere anwenden könnte.“ (S.178)

Der Nachfolger kann dem Anderen nur mit einfältiger Liebe begegnen. Ich nehme zwar die Sünde des Anderen wahr, aber dies wird für mich „allein Anlaß zur Vergebung und zur bedingungslosen Liebe […], die Jesus mir beweist.“ (S.179) Mein Verhalten gegenüber dem Anderen soll nicht von meinem eigenen Maßstab über Gut und Böse bestimmt sein, sondern von der Liebe, die ich selbst erfahren habe. „Richten macht blind, aber die Liebe macht sehend. Im Richten bin ich blind gegen mein eignes Böses und gegen die Gnade, die dem Anderen gilt.“ (S.179) Wer im Richten dem Anderen keine Gnade gönnt, der richtet sich selbst, er nimmt für sich in Anspruch, dass ihm Gottes Wort anders gelte als ihm selbst. „So wird der Jünger dem Anderen immer nur begegnen als der, dem seine Sünden vergeben sind und der von nun an allein von der Liebe Gottes lebt.“ (S.183)

Offen bleibt für mich bei Bonhoeffer die Abgrenzung zu einer Ermahnung in Liebe (das Thema Ermahnung kommt ja oft genug im Neuen Testament vor, z.B. in Röm.12,8). Ist Ermahnung dann überhaupt noch möglich? Denn auch bei der Ermahnung trete ich dem Anderen gegenüber „in dem Abstand der Beobachtung, der Reflexion“ (S.178). Für Bonhoeffer ist dieser Abstand aber gar nicht möglich, weil ihn die Liebe zum Anderen gar nicht zulässt.

Neben dem Stichwort Richten ist für Bonhoeffer das Thema „die große Scheidung“ von zentraler Bedeutung in Matthäus 7. Da geht es nicht nur um das große Gericht und die Scheidung in Gut und Böse am Ende der Zeiten, sondern auch um die Scheidung im Hier und Jetzt. „Mitten unter den Jüngern Jesu muß sich die Scheidung immer wieder vollziehen.“ (S.185) Auch in der Gemeinde gibt es Menschen, die andere vom rechten Weg abbringen (ohne dass ihnen selbst das immer bewusst sein muss). Aber auch hier ist es nicht Aufgabe der Christen selbst zu unterscheiden, sondern Jesus verweist hier auf die Frucht: „Es kommt die Zeit des Fruchttragens, es kommt die Zeit der Unterscheidung. Es wird früher oder später offenbar, wie es um ihn steht.“ (S.186)

Entscheidend bei dieser Unterscheidung wird nicht das Bekenntnis sein: „Mitten durch die bekennende Gemeinde hindurch wird die Scheidung gehen. Das Bekenntnis verleiht keinerlei Anrecht auf Jesus.“ (S.187) Man bedenke an dieser Stelle den historischen Hintergrund, auf dem Bonhoeffer diese Worte schreibt: Für die bekennende Kirche im dritten Reich war das Bekenntnis zu Jesus Christus schon deutlich mehr als nur eine Glaubensüberzeugung! Entscheidend ist für Bonhoeffer aber nicht das Bekenntnis allein, sondern das Tun von Gottes Willen.

Aber selbst beim Tun gibt es „die Möglichkeit eines dämonischen Glaubens, […] der wunderbare Taten, bis zur Unkenntlichkeit den Werken der wahren Jünger Jesu ähnlich, vollbringt, Werke der Liebe, Wunder, […] und der doch Jesus und seine Nachfolge verleugnet.“ (S.189) Das ist dann Glaube „ohne Liebe, d.h. ohne Christus, ohne den Heiligen Geist.“ (S.189) Das wird dann allerdings erst am jüngsten Tag offenbar werden.

Woran kann man sich dann noch halten? „Wenn uns nichts mehr bleibt, nicht unser Bekenntnis, nicht unser Gehorsam? Dann bleibt nur noch sein Wort: ich habe dich erkannt.“ (S.190) Am Ende muss ich alles loslassen, nichts kann mich halten, nichts trägt mich wirklich als allein das Wort Jesu. „Sein Wort ist seine Gnade.“ (S.190)

Wieder einmal treibt Bonhoeffer die Bergpredigt und die Nachfolge radikal auf die Spitze. Nachfolge verlangt das Außerordentliche, sie ist nicht bequem, sondern fordert alles von mir. Trotz diesem Außerordentlichen soll die Nachfolge im Verborgenen geschehen, ich darf kein Lob von mir selbst oder von anderen Erwarten. Und ich kann mir auf meine Nachfolge auch nichts einbilden. Ich bin nicht besser als Andere und lebe genau wie sie allein aus der Gnade. Nachfolge heißt dann: auf radikale Weise alles allein von Jesus erwarten, sich an nichts anderes zu klammern, als an ihn.

Bonhoeffer: Nachfolge (16) – Die Einfalt des sorglosen Lebens

Für Bonhoeffer hat das Wort „Einfalt“ noch einen sehr positiven Klang (vgl. auch das Kapitel: „Der einfältige Gehorsam“). Für uns heute ist ein einfältiger Mensch entweder etwas naiv und gutmütig oder sogar „geistig beschränkt“ und „nicht sehr schlau“ (de.wiktionary.org). Das Einfältige des christlichen Lebens liegt für Bonhoeffer in einer geradlinigen und bewusst schlichten Ausrichtung auf Jesus Christus: „Das Leben des Nachfolgenden bewährt sich darin, dass nichts zwischen Christus und ihn tritt.“ (S.167) Wer einfältig auf Jesus vertraut, ist nicht geistig beschränkt, sondern hat das Wesentliche, den Kern seines Lebens begriffen und lässt sich durch nichts davon abbringen.

Die Einfalt des sorglosen Lebens besteht darin, sein Herz nicht von den Gütern der Welt von Christus ablenken zu lassen (S. 167). Dabei ist für die Nachfolger zu beachten: „Nicht den Gebrauch der Güter versagt ihnen Jesus. […] Dazu sind Güter gegeben, dass sie gebraucht werden; aber nicht dazu, dass sie gesammelt werden.“ (S.168).

Wo verläuft aber die Grenze zwischen einem legitimen Gebrauch von Gütern und einem Gebrauch der sich zwischen Jesus und Nachfolger stellt? Bonhoeffer sagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Schatz, dann ist die Antwort schon gegeben. […] Alles, was dich hindert, Gott über alle Dinge zu lieben, alles was zwischen dich und deinen Gehorsam gegen Jesus tritt, ist der Schatz, an dem dein Herz hängt.“ (S. 169) Gegenüber Gott gibt es nicht ein bisschen Glaube und daneben noch ein bisschen Welt. Es gibt nur das Entweder-Oder. Es gibt nur die Einfalt des Herzens: entweder ganz auf Gott ausgerichtet sein, oder gar nicht. „Entweder du liebst Gott oder du liebst die Güter der Welt.“ (S.170) Das Herz kann nicht zwei Herren dienen!

Diese einfältige Ausrichtung auf Gott ist richtig verstanden eine Befreiung. Sie befreit uns von falscher Sorge. Dazu ein genialer Satz von Bonhoeffer: „Sorget nicht! Die Güter spiegeln dem menschlichen Herzen vor, ihm Sicherheit und Sorglosigkeit zu geben; aber in Wahrheit verursachen sie gerade erst die Sorge. […] Wir wollen durch Sorge sorglos werden; aber in Wahrheit erweist sich das Gegenteil.“ (S. 171) Echte Sorglosigkeit verschaffen nicht die Güter dieser Welt, sondern der Glaube an Jesus Christus.

Wieder einmal bringt Bonhoeffer die Provokation der Bergpredigt auf den Punkt. Gegen Ende des Kapitels charakterisiert er die Einfalt des sorglosen Lebens folgendermaßen: Sie „ist entweder eine unerträgliche Last, ein unmögliche Vernichtung der menschlichen Existenz […] – oder aber es ist das Evangelium selbst, das ganz froh und ganz frei macht.“ (S. 174)

Diese Gegenüberstellung kann ich sehr gut nachvollziehen. Sowohl bei der Bergpredigt, als auch bei den Worten Bonhoeffers regt sich bei mir innerlicher Widerspruch: So kann man doch nicht leben, das ist doch utopisch, kein Mensch schafft es, sich ganz allein auf Christus auszurichten und sich um nichts anderes mehr Sorgen zu machen. Wenn ich diese Einfalt des sorglosen Lebens als Forderung empfinde, dann muss ich wahrlich daran verzweifeln, dann muss ich mir unendlich viele Sorgen darüber machen, wie ich diese Einfalt je erreichen soll. Wenn ich es aber als Evangelium, als Zuspruch höre, dann ist es wahrlich befreiend, dann ist es erlösend und freudig. „Nicht von dem, was der Mensch soll und nicht kann, spricht Jesus, sondern von dem, was Gott uns geschenkt hat und noch verheißt.“ (S. 174)

Bonhoeffer: Nachfolge (15) – Die Verborgenheit der frommen Übung

Seinen Lesern damals (und noch viel mehr uns heute) muss Bonhoeffer erst einmal die Notwendigkeit von frommen Übungen ins Gedächtnis rufen, bzw. begründen. Zur Nachfolge gehört ganz selbstverständlich die „strenge Übung in der Enthaltsamkeit“ (S. 164) dazu. Ein Leben ganz ohne asketische Übung tut sich im Dienst für Jesus schwer.

Es geht dabei nicht darum, dass der Wille des Fleisches (unser selbstsüchtiges Wesen) erst gebrochen werden soll. Wir können uns durch Askese nicht erlösen oder verändern – das tut Gott. Aber es geht um den alltäglichen Kampf, in welchem sich unsere grundsätzliche geistliche Ausrichtung auf Gott bewähren muss. Es geht also nicht um Erlösung, sondern um Heiligung. Der freiwillige Verzicht auf Dinge dieser Welt, kann uns helfen uns auf die ewige Welt auszurichten.

Konkret nennt Bonhoeffer als fromme Übungen: „Hierzu hilft die tägliche, geordnete Übung des Gebets, wie auch die tägliche Betrachtung des Wortes Gottes, hierzu hilft allerlei Übung leiblicher Zucht und Enthaltsamkeit.“ (S.165f) Klingt anstrengend – ist es auch. Es bleibt „der unendliche mannigfache Kampf des Geistes gegen das Fleisch.“ (S.165) Dabei soll man sich nicht hinter einer falsch verstandenen evangelischen Freiheit verstecken – nach dem Motto: das sind doch alles gesetzliche Forderungen und wir sind frei vom Gesetz!

Es geht hier wie gesagt um Heiligung und nicht um unsere Erlösung: Unsere Erlösung können wir nicht durch fromme Werke erkaufen, aber in der Heiligung können wir durch fromme Werke durchaus weiterkommen. Das Ziel dieser Werke ist nicht, ein moralisch besserer Mensch zu werden, sondern die Ausrichtung auf Jesu. Wenn ich lerne von weltlichen Dingen unabhängiger zu werden, kann mir das helfen, meine Abhängigkeit allein von Jesus zu stärken. Es geht darum, von anderen Bindungen frei zu werden und allein auf die Bindung zu Jesus zu vertraue.

Bonhoeffer: Nachfolge (14) – Die Verborgenheit des Gebets

„Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters. Darum ist das Gebet niemals demonstrativ, weder vor Gott, noch vor uns selbst, noch vor anderen. Wüsste Gott nicht, was ich bedarf, dann müsste ich darüber reflektieren, wie ich es Gott sage, was ich ihm sage, ob ich es ihm sage. So schließt der Glaube, aus dem ich bete, jede Reflexion, jede Demonstration aus.“ (S.158) Damit ist eigentlich schon alles gesagt, damit ist deutlich, warum echtes Gebet verborgen ist. Im Gebet muss ich niemandem etwas demonstrieren – auch mir selbst nicht!

Das schließt die Gebetsgemeinschaft mit anderen nicht aus (S.159). Es macht aber deutlich, dass das Gebet allein auf Gott ausgerichtet ist (S.160). Das Gebet ist keine Aufführung auf einer Bühne (egal wer die Bühne beobachtet: Gott, Andere oder ich selbst), sondern es ist ein Bitten des Herzen. Es kommt nicht auf die äußere Form oder den Ort des Gebets an, sondern auf die Ausrichtung auf Gott.

Bonhoeffer schließt dann noch eine kurze und konventionelle Auslegung des Vaterunsers an, bei der er betont voranstellt, dass es kein Beispielgebet ist, sondern dass es in diesen Worten, die Jesus uns gelehrt hat, gebetet werden soll (S.160)

Was mich in diesem Kapitel angesprochen hat, ist der Gedanke, dass mein Beten auch für mich selbst eine Bühne werden kann, auf der ich versuche für mich eine gute Show abzuziehen. Geht es im Gebet um mich und auch um mein frommes Gefühl, damit etwas Gutes für mich zu tun, oder geht es um Gott?