Bonhoeffer: Nachfolge (13) – Die verborgene Gerechtigkeit

Nach den einführenden Kapiteln zum Thema Nachfolge ging es in Bonhoeffers Buch zunächst um Matthäus 5. Bonhoeffer hat diese Auslegung von Mt. 5 überschrieben mit „Vom ‚Außerordentlichen‘ des christlichen Lebens“. Jetzt geht es um Matthäus 6 unter der Überschrift „Von der Verborgenheit des christlichen Lebens“. Für Bonhoeffer rückt Matthäus 6 das vorige Kapitel ins rechte Licht: Die Nachfolge fordert das Außerordentliche, das was über das normale Maß hinausgeht. Darin liegt allerdings auch eine Gefahr: „Sich mit allem Radikalismus und aller Kompromisslosigkeit von der Welt zu trennen“ (S.150) und in geistlichen Hochmut zu verfallen (S.151).

Als Gegenpol geht es nun um die Demut der Verborgenheit in der Nachfolge. „Zwar muss es sichtbar werden, muss das Außerordentliche geschehen, aber – habt acht, dass es nicht geschieht, damit es sichtbar werde. Zwar hat die Sichtbarkeit der Nachfolge einen notwendigen Grund, nämlich den Ruf Jesu Christi, aber sie ist niemals selbst ein Ziel.“ (S.153) Nachfolge muss also einerseits sichtbar werden, die Menschen sollen das Außerordentliche des Nachfolgers sehen, aber wir sollen andererseits dieses Außerordentliche nicht deswegen tun, damit die Leute es sehen und wir selbst damit in den Mittelpunkt gerückt werden.

Konkret gelebt werden kann dieser Widerspruch nur im Schauen auf Christus. Der Nachfolger soll nicht auf das Außerordentliche sehen, sondern auf den, der ihm vorangeht (S.154). „So sieht der Nachfolgende immer nur seinen Herrn und folgt ihm. Sähe er das Außerordentliche selbst, so stünde er schon nicht mehr in der Nachfolge.“ (S.155) „Das echte Werk der Liebe ist immer das mir verborgene Werk.“ (S.155)

Ich finde diese Beobachtungen von Bonhoeffer sehr erhellend. Denn da liegt ja tatsächlich eine gewisse Spannung: Einerseits sollen wir unser Licht leuchten lassen vor den Menschen (Mt.5,16), aber andererseits sollen wir unsere Frömmigkeit nicht ausüben, um von den Menschen gesehen zu werden (Mt 6,1).

Wenn ich darüber nachdenke, dann ist es tatsächlich so, dass beides notwendig ist, ja, dass beides zusammengehört. Die Christen, die meines Erachtens am hellsten leuchten, sind gerade die Demütigen und Bescheidenen (und da geht es um echte Demut und nicht vorgespielte oder oberflächlich antrainierte Demut). Sobald Christen anfangen, sich auf ihre Frömmigkeit und ihre Fähigkeit das Außerordentliche zu tun, etwas einzubilden, wird es schief, hässlich, abstoßend und dunkel. Unter den Menschen, die ernsthaft Christus nachfolgen wollen, ist das tatsächlich eine große Gefahr: geistlicher Hochmut.

Bonhoeffer: Nachfolge (12) – Der Feind

Bonhoeffer beginnt Auslegung des Abschnittes über die Feindesliebe wieder mal mit einem Abschnitt, in welchem auf deutliche Weise eigentlich schon alles gesagt ist: „Hier fällt zum ersten Mal in der Bergpredigt das Wort, in dem alles Gesagte zusammengefasst ist: Liebe, und sogleich in der eindeutigen Bestimmung der Feindesliebe. Liebe zum Bruder wäre ein mißverständliches Gebot, Liebe zum Feind macht unmissverständlich deutlich, was Jesus will.“ (S.140)

Das Ziel der Bergpredigt ist Liebe. Nicht Polemik gegen Pharisäer oder alttestamentliche Gebote, sondern Liebe. Das Gebot der Bruderliebe ist nicht falsch, aber insofern missverständlich, als es leichter ist wie die Feindesliebe und Raum für die Abgrenzung vom Feind lässt. Den Feind zu lieben ist das Schwierigste, es schließt die Liebe zu allen anderen mit ein.

Auch bei der Feindesliebe versucht Bonhoeffer nicht zu erklären und abzuschwächen, sondern er spitzt zu und hebt die Schärfe dieses Gebots hervor. Es betrifft alle Feinde, seien es religiöse Feinde, seien es politische Feinde, seien es persönliche Feinde. Der Feind ist derjenige, „der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe; der mir nichts vergibt, wenn ich ihm alles vergebe; der mich haßt, wenn ich ihn liebe; der mich um so mehr schmäht, je ernster ich ihm diene.“ (S.142) Bonhoeffer betont, dass es nicht nur um ein Erleiden des Bösen ist, das uns der Feind zufügt, sondern mehr: „Ungeheuchelt und rein sollen wir unserem Feinde dienen und helfen in allen Dingen. Kein Opfer, das der Liebende dem Geliebten darbringen würde, kann uns zu groß und zu kostbar sein für unseren Feind.“ (S.142)

Ist solche ein Liebe überhaupt möglich für uns Menschen? Bonhoeffer sagt ja. Sie ist auf diese Weise möglich, „daß sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat. Die Feindesliebe führt den Jünger auf den Weg des Kreuzes und in die Gemeinschaft des Gekreuzigten. […] sie ist ja nicht seine eigene Liebe. Sie ist ganz allein die Liebe Jesu Christi.“ (S.144) Eine leidenschaftliche und stark betonte Theologie des Kreuzes verbunden mit radikaler Nachfolge: Wer Jesus wirklich nachfolgen will, in aller Konsequenz, der wird eins mit dem Gekreuzigten. Ohne das Kreuz „funktioniert“ die Bergpredigt nicht. Nicht weil Jesus uns am Kreuz vom Anspruch der radikalen Gebote der Bergpredigt erlöst, sondern weil er uns als Nachfolger Anteil an seinem Gehorsam gibt, dem Gehorsam bis zum Kreuz.

Bonhoeffer ergänzt die Überschrift zu diesem Kapitel mit dem Zusatz: das „Außerordentliche“. Gerade am Gebot der Feindesliebe wird deutlich, was das Christliche ist: „das Christliche ist das ‚Sonderliche‘, […], das Außerordentliche, das Nichtreguläre, Nichtselbstverständliche.“ (S.147) Es ist das, was über das normale ethische Maß hinaus geht. „Es ist der Weg der Selbstverleugnung, völliger Liebe, völliger Reinheit, völliger Wahrhaftigkeit, völliger Gewaltlosigkeit; es ist hier die ungeteilte Liebe zum Feind. […] Es ist in all dem der Weg, der seine Erfüllung fand am Kreuze Christi. […] Es ist die Liebe Jesu Christi selbst, die leidend und gehorsam ans Kreuz geht, es ist das Kreuz.“ (S.148)

Bonhoeffers Sicht des Kreuzes fordert uns heute heraus. Wir sehen im Kreuz vor allem Jesu Erlösungstat für uns. Er ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Durch sein Kreuz haben wir Vergebung. Das stimmt auch. Aber wenn wir dabei stehen bleiben, dann geraten wir leicht in eine sehr bequeme Kreuzestheologie: Wir sagen, dass wir ja eh nicht so perfekt sein können wie Jesus und dass wir das ja gar nicht brauchen. Jesus ist ja gerade für unsere Sünden, für unsere Unperfektheit gestorben. Und damit können wir die herausfordernden Gebote der Bergpredigt leicht beiseite schieben. Wir können uns beruhigt sagen: „Das kann und muss ich gar nicht erfüllen. Das hat ja Jesus für mich erfüllt. In ihm hab ich Vergebung und darf rein vor Gott stehen.“

Bonhoeffer sagt: Natürlich haben wir in Jesus Vergebung. Das entbindet uns aber in keiner Weise von dem Ernst der Gebote Jesu. Jesus gibt uns diese Gebote nicht, um uns unsere Unfähigkeit vor Augen zu führen, sondern weil er wirklich will, dass wir ihm ähnlicher werden, dass wir als Nachfolger auch den Weg des Kreuzes gehen, dass wir in seiner Kraft diesen radikalen Weg der Demut gehen.

Das Ganze erinnert mich an ein umstrittenes Stichwort von John Wesley: „christliche Perfektion“ (christian perfection; vgl. wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_perfection). Als ich das zum ersten mal gehört habe, da hab ich gedacht: „So ein Blödsinn! Kein Mensch kann perfekt sein! Gott allein ist perfekt! Wir sind doch alle Sünder!“ Es geht Wesley aber nicht um eine sündlose Perfektion, es geht ihm auch nicht um ein Erarbeiten des Heils durch Perfektion. Es geht ihm um den Prozess der Heiligung auf dem Hintergrund der Gnade Gottes. Es geht um die Zielrichtung und Blickrichtung. Ich kann bequem auf der Vergebung sitzen bleiben und dabei genau so bleiben wie ich bin. Oder ich kann mich auf den Weg der echten Nachfolge begeben und versuchen, Jesus immer ähnlicher zu werden, so zu leben und zu leiden wie er es tat.

Bonhoeffer: Nachfolge (11) – Die Wahrhaftigkeit – Die Vergeltung

In dem Kapitel zur Wahrhaftigkeit geht um das Schwören eines Eides. Ein Eid ist „die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage.“ (S.130) Die Grundabsicht der Anweisung Jesu für seine Nachfolger ist klar: „Jedes seiner Worte soll nichts als Wahrheit sein, so dass keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe.“ (S.131) Es geht um ein Leben in der Wahrhaftigkeit – ganz unabhängig von Schwurformeln.

Nachdem Bonhoeffer bis jetzt vor allem in geradezu provozierender Weise den einfältigen Gehorsam betont hat, taucht hier zum ersten mal so etwas wie eine Differenzierung je nach Einzelfall auf: „Wo gerade um der Wahrhaftigkeit willen der Eid zu leisten ist, ist nicht generell zu entscheiden, sondern wird vom Einzelnen entschieden werden müssen.“ (S.132) Es geht hier um die Frage, wie sich der Christ konkret verhalten soll, wenn er von anderen zu einem Eid aufgefordert wird. Hier will Bonhoeffer keine rein wörtliche Befolgung des Gebotes, sondern ein an der Wahrhaftigkeit orientiertes Entscheiden für den Einzelfall.

Wobei er sich dann gleich mit dem Treueid auseinandersetzt, den zur Zeit des dritten Reiches Geistliche und Beamten gegenüber Hitler leisten mussten. Hier bezieht er klar Stellung: „Es gibt für den Christen keine absolut irdische Bindung.“ (S.132) Solch einen Treueid kann ein Christ nur unter dem Vorbehalt des Willen Gottes leisten, wird dieser Vorbehalt nicht anerkannt, „so kann der Eid nicht geleistet werden.“ (S.133)

Mir ist etwas schleierhaft warum Bonhoeffer ausgerechnet an dieser Stelle recht vorsichtig formuliert und davon spricht, dass man beim Eid keine generelle Entscheidung treffen kann. Bis dahin hat er ja keineswegs mit vorsichtiger und überdifferenzierter Auslegung geglänzt. Die Differenzierung in der reformatorischen Theologie zu diesem Thema kann nicht der Grund sein, denn an anderen Stelle bezieht Bonhoeffer auch ganz klar Stellung gegen manche Aussagen aus reformatorischer Tradition. Denkt er an den konkreten Fall, wenn man vor Gericht einen Eid schwören muss? Ist es in dem Fall erlaubt, weil man damit der Wahrhaftigkeit dient?

Im nächsten Kapitel von der Vergeltung wird es dann schon wieder fast unerträglich radikal. Das Böse kann nur überwunden werden, indem man ihm keinen, aber auch nicht den geringsten Widerstand entgegensetzt. Bonhoeffer versteigt sich zu Aussagen wie: „Vergewaltigung wird darin gerichtet, dass ihr keine Gewalt entgegentritt.“ (S.136) Das heißt für ihn nicht, dass das Böse nicht als Böse benannt werden darf – das schon – aber überwunden wird es nur im erleiden und erdulden.

Die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht, wischt Bonhoeffer beiseite: Jesus kannte solch eine Unterscheidung nicht (S.137)

Nun gibt Bonhoeffer selbst zu, dass diese Sätze nicht als „ein allgemeines ethisches Programm“ (S.138) verstanden werden könnten. Aber wie dann? Immer wieder stoße ich bei Bonhoeffers Nachfolge an diesen Punkt: Seine Aussagen sind keine dogmatischen Aussagen, ich kann daraus kein theologisch schlüssiges Lehrgebäude machen, ich kann daraus keine praktisch lebbare Ethik entwickeln. Auch für die Seelsorge sind sie in ihrer Radikalität nur bedingt zu gebrauchen. Für Dogmatik, Ethik und Seelsorge sind seine Sätze ganz einfach zu steil.

Ich denke es geht Bonhoeffer darum, ganz grundlegende existentielle Aussagen zu machen. Er will den Anspruch Jesu, den Anspruch an die Nachfolger, auf die existentielle Spitze treiben. Mit dieser Zuspitzung kann ich keine Dogmatik betreiben, damit kann ich nur in herunter gebrochener Form Seelsorge betreiben. Er sagt es selbst: „Hier redet ja nicht ein Programmatiker, sondern hier redet“ (S.139) Jesus Christus, der am Kreuz durch die Niederlage hindurch, durch das Erleiden hindurch das Böse überwunden hat. „Im Kreuz allein ist es wahr und wirklich, dass die Vergeltung und Überwindung des Bösen die leidende Liebe ist.“ (S.139)

Aber was ist, wenn ich diese grundlegenden existentiellen Aussagen auf konkrete ethische Entscheidungen im Alltag herunter brechen muss? Dann ist nicht mehr alles so einfach und eindeutig, wie es sich bei Bonhoeffer anhört. Wie ist es z.B. mit dem Polizisten, der Verantwortung für andere übernommen hat und nun wählen muss: Tue ich dem Gewalttäter Gewalt an, um die Schwachen zu schützen oder leide ich mit dem Schwachen, um das Böse durch leidende Liebe zu überwinden? Wie ist das z.B. mit der Mutter, die mitansehen muss, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Sagt sie ihrem Sohn, dass er sich wehren soll, schickt sie ihm auf eine andere Schule oder sagt sie ihm, dass er das Böse nur durch Leiden wirklich besiegen kann? Hier finde ich die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht durchaus hilfreich.

Bonhoeffer: Nachfolge (10) – Der Bruder – Das Weib

Jesus zitiert in der Bergpredigt nun alttestamentliche Gebote und setzt jeweils hinzu: „Ich aber sage euch…“ Normalerweise wird das als Antithese bezeichnet. Bei Bonhoeffer taucht dieser Begriff nicht auf, er scheint ihm nicht passend zu sein. Nach dem vorherigen Abschnitt ist er überzeugt, dass Jesus sich nicht gegen das Gesetz wendet, sondern es bestärken will. Die sogenannten Antithesen sind für Bonhoeffer keine revolutionäre Neudeutung der alttestamentlichen Gebote oder eine weitere Meinung im Streit der rabbinischen Schriftauslegung, sondern „vielmehr bringt Jesus in Fortsetzung des Gesagten seine Einheit mit dem Gesetz des mosaischen Bundes zum Ausdruck.“ (S.122) Jesus wendet sich nicht gegen das Gesetz, sondern gegen ein falsches Verständnis des Gesetzes.

In konsequenter Radikalität legt Bonhoeffer das Wort vom Zorn gegenüber dem Bruder aus: „Jeder Zorn richtet sich gegen das Leben des Anderen, er gönnt ihm das Leben nicht… Der Jünger darf den Zorn überhaupt nicht kennen.“ (S.123) Bonhoeffer unterscheidet hier nicht zwischen Zorn im Affekt oder Zorn als andauernde Haltung, aber aus seinen Worten wird doch deutlich, in welcher Richtung er den Zorn versteht. Er schreibt davon, dass die Trennung vom Bruder auch von Gott trennt, dass die Verachtung des Bruders auch den Gottesdienst unwahr macht. Und zwar „solange dem Bruder der Dienst und die Liebe versagt wird, solange er der Verachtung preisgegeben bleibt…“ (S.124) Hier wird deutlich, dass es nicht um einen ersten Gefühlsausbruch geht, sondern um das Festhalten am Zorn.

Tieferer Grund für die Unmöglichkeit des Zorns gegenüber dem Bruder ist für Bonhoeffer die Menschwerdung Jesu. Jesus wurde Mensch, er wurde „unser aller Bruder“ (S.125). „Um der Menschwerdung des Sohnes Gottes willen ist Gottesdienst vom Bruderdienst nicht mehr zu lösen.“ (S.125) Ja sogar: „In Jesus wurde Dienst am geringen Bruder und Gottesdienst eins.“ (S.125) Wer sich durch den Zorn vom Bruder trennt, der trennt sich damit selbst auch von Gott.

In der Bergpredigt sagt Jesus dann als weiteres, dass der Ehebruch schon beim begehrlichen Blick beginnt. Bonhoeffer zentriert auch diese Aussage ganz auf die Beziehung des Nachfolgers zu Jesus. „Die Unreinheit der Begierde ist Unglaube.“ (S.127) Die Begierde ist nicht unrein, weil sie irgendwelche moralischen Standards verletzt, sondern weil sie Ausdruck von Unglaube ist. Der Jünger, der meint sich im begehrlichen Blick selbst Lust zu verschaffen vertraut nicht auf Jesus, sondern auf sich selbst. „Er traut nicht aufs Unsichtbare, sondern ergreift die sichtbare Frucht der Lust.“ (S.127)

Jesus fährt fort, dass man lieber sein Auge ausreisen soll, als dass der ganze Leib in die Hölle geworfen wird. Bonhoeffer stellt an dieser Stelle die Frage, „ob Jesus sein Gebot wörtlich gemeint habe oder in übertragenem Sinn?“ (S.127) Aber auch hier weicht Bonhoeffer mit seiner Auslegung nicht ins Unverbindliche aus. Er sagt ganz einfach: „Diese Frage selbst ist falsch und böse. Sie kann keine Antwort finden.“ (S.127) Wenn man diese Stelle wörtlich verstünde, dann würde die Absurdität dieses Gebots deutlich werden. Wenn man sie aber übertragen verstünde, so nähme man dem Gebot den Ernst.

Ich muss gestehen, an dieser Stelle werde ich etwas ratlos. Ich verstehe die Absicht Bonhoeffers: Er will verhindern, dass wir den Worten Jesu ausweichen („Wir können nach keiner Seite ausweichen“, S.128), er möchte, dass wir auf einfältige Weise gehorsam sind. Aber was mache ich denn, wenn ich ein Gebot nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragen Sinn verstehen kann? Dann kann ich es gar nicht mehr verstehen! Dann bleibt es ein abstraktes Gebot, dass ich nicht mit Leben füllen kann. Schießt hier Bonhoeffer übers Ziel hinaus, oder möchte er den Leser provozieren, jenseits alles Verstehens auf Jesus allein zu schauen?

Bonhoeffer: Nachfolge (9) – Christi Gerechtigkeit

Nach Bonhoeffer räumt Jesus in Mt.5,17-20 mit zwei Missverständnissen des Gesetzes auf. Das eine Missverständnis betrifft die Pharisäer: sie setzten Gott und Gesetz gleich und so kommt es zu einer „Vergottung des Gesetzes und Vergesetzlichung Gottes“ (S.117f). Hier wird das Gesetz zum Ersatz für die Gemeinschaft mit Gott. Umgekehrt wäre es aber auch ein Missverständnis, wenn die Jünger Gott und Gesetz völlig trennen würden (so wie es z.B. Marcion getan hat, der ein Christentum ohne alle jüdischen Bindungen wollte). „Es gibt keine Erfüllung des Gesetzes ohne Gottesgemeinschaft, es gibt auch keine Gottesgemeinschaft ohne Erfüllung des Gesetzes. Das erste gilt den Juden, das zweite dem drohenden Mißverständnis der Jünger.“ (S.118) Geber und Gabe müssen unterschieden werden, aber dürfen auch nicht auseinander gerissen werden.

Jesus setzt das Gesetz neu in Kraft (er bringt kein neues Gesetz, sondern bringt das alte neu zur Geltung), indem er zwischen das Gesetz und den Jünger tritt (S.119). Nicht um das Gesetz aufzulösen, sondern um es in der Bindung an ihn neu zu bekräftigen. Das Gesetz gilt auch für den Jünger Jesu. Und zwar geht es dabei nicht nur um die richtige Lehre über das Gesetz, sondern auch um das konkrete Tun des Gesetzes.

Allerdings erreicht der Jünger Jesu eine bessere Gerechtigkeit in diesem Tun als die Pharisäer. Denn kein Mensch kann das Gesetz völlig erfüllen. „Der Vorzug der Gerechtigkeit des Jüngers besteht darin, daß zwischen ihm und dem Gesetz derjenige steht, der das Gesetz vollkommen erfüllt hat…Ehe er anfängt dem Gesetz zu gehorchen, ist das Gesetz schon erfüllt.“ (S.120) Auch wenn der Nachfolger Jesu mit aller Kraft versucht das Gesetz zu erfüllen, so bleibt seine Gerechtigkeit doch „in strengem Sinne geschenkte Gerechtigkeit“ (S.121).

Was heißt das? In Jesus Christus ist das Gesetz erfüllt. Schon vor allem Tun der Jünger. Aber! Dies entbindet die Nachfolger nicht vom Tun des Gesetzes. Eine Gemeinschaft mit Gott ohne Tun der Gebote Gottes gibt es für Bonhoeffer nicht. Im Grunde wendet er sich hier wieder gegen eine „billige Gnade“, einer Gnade die uns von allem Tun und aller echten Nachfolge entbindet.

Bonhoeffer: Nachfolge (8) – Die sichtbare Gemeinde

Interessant: In der Theologie gibt es die Unterscheidung zwischen der sichtbaren Kirche und der unsichtbaren Kirche. Die sichtbare Kirche ist dabei das, was von Außen wahrgenommen werden kann. Die vielen verschiedenen Kirchen mit ihren offiziellen Mitgliedern. Die unsichtbare Kirche ist die eine Kirche derer, die nicht nur dem Namen nach, sondern auch dem Herzen nach glauben.

Im Zusammenhang mit der Bergpredigt verwendet Bonhoeffer nun diese Bezeichnung genau umgekehrt: Die sichtbare Gemeinde sind die wahren Christen, diejenigen die wirklich dem Ruf Jesu gefolgt sind. Sie sind das Licht, das gar nicht anders kann als in die Welt zu scheinen und weithin sichtbar zu sein. Wenn dagegen Christen versuchen in der Welt unsichtbar zu sein und in der Welt aufzugehen, dann verlassen sie die Nachfolge Jesu. Interessant und spannend, wie Bonhoeffer hier mit der theologischen Tradition spielt!

In diesem Kapitel geht es darum, dass wir Christen das Salz der Erde und das Licht der Welt sind. Im Salz sieht nicht nur etwas das dem Leben Würze verleiht, sondern Salz ist das „Sinnbild des auf Erden unentbehrlichsten Guten“ (S.110). Man beachte den Superlativ! Salz besitzt für ihn v.a. eine „dauernde Kraft der Reinigung“ (S.111) und ist darum für die Welt so wichtig.

Dass wir das Licht der Welt sind, drückt für Bonhoeffer v.a. aus, dass wir sichtbar sind. „Flucht in die Unsichtbarkeit ist Verleugnung des Rufes.“ (S.113) Diese Flucht kann aus Menschenfurcht geschehen oder aus bewusster Weltfrömmigkeit, um damit irgendwelche andere Zwecke zu erreichen (z.B. missionarischer Art). Die schlimmste Art von Flucht ist eine falsche verstandene Theologie des Kreuzes (wenn das Kreuz als demütiges Verschwinden und Aufgehen in der Welt gedeutet wird).

Sowohl beim Salz, als auch beim Licht betont Bonhoeffer, dass wir es sind. Es handelt sich nicht um einen Willensappell, sondern um eine Feststellung. Wer dem Ruf Jesu folgt, der kann gar nicht anders sein. Zugleich drückt die Formulierung aus, dass Salz und Licht etwas ist, das wir sind und nicht haben. Es ist nicht unsere Botschaft oder unseren guten Werke, sondern wir selbst als Personen.

Die guten Werke, welche die Leute nach dem Text in der Bergpredigt sehen sollen, sind keine Tugenden von Menschen, sondern gerade unsere Armut, Fremdlingschaft, Sanftmut, Friedfertigkeit, Verfolgt- und Verworfensein. Also unser Mangel und Verzicht sind die guten Werke, welche die Menschen sehen sollen. Denn gerade dadurch werden sie Gott preisen und nicht uns Christen. Das Licht leuchtet und das Salz salzt also im Tragen des Kreuzes!

Für mich ist es immer wieder beeindruckend, wie diese kraftvolle Demut, die in Bonhoeffers Leben, Leiden und Sterben aufleuchtet, schon vorher in seiner Theologie deutlich wird. Er redet nicht nur, er denkt nicht nur, er lebt auch das was er denkt und redet.

Bonhoeffer: Nachfolge (7) Die Seligpreisungen

Dieses Kapitel hat mich jetzt nicht so unmittelbar gefesselt wie die meisten davor. Liegt vielleicht am Gegenstand: Die Seligpreisungen sind von ihrer Thematik her doch recht umfangreich. Bonhoeffer kann zu jeder Seligpreisung nur einen relativ kurzen Text schreiben und das Ganze wirkt dann recht vielgestaltig und aneinandergereiht.

Was mir bei der Einleitung besonders aufgefallen ist, ist die Unterscheidung zwischen Volk und Jüngern. Die Jünger sind aus dem Volk herausgerufen, sie sind in eine besondere Nähe zu Jesus gerufen, sie sind in die Nachfolge gerufen. Bonhoeffer macht nun eine ganz simple Gleichsetzung: Das Volk, das ist die Volkskirche und die Jünger, das ist die „kleine Gemeinde“ (S.100) der Nachfolger, die „aus dem Volk sichtbar zu ihm getreten“ (S.99) sind. In der damaligen Zeit hat sich mit dem Begriff des „Volkes“ natürlich noch eine ganz andere Ideologie verbunden als für uns heute mit der Volkskirche. Aber nichts desto trotz liegt auch heute noch eine provozierende Wahrheit in dieser Unterscheidung von Volkskirche und Nachfolger.

Die einzelnen Seligpreisungen bindet Bonhoeffer nun zusammen indem er jede einzelne als einen Verzicht auf etwas deutet. Die geistlich Armen leben im Verzicht und Mangel „an allen Stücken“ (S.101), sowohl im materiellen Sinn als auch im geistlichen Sinn (sie haben „keine eigene geistliche Kraft, Erfahrung, Erkenntnis“, S.101). Die Leidtragenden verzichten auf weltliches Glück und Frieden (S.102). Die Sanftmütigen leben im Verzicht auf jedes eigene Recht (S.104). Die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, verzichten auf die eigene Gerechtigkeit (S.105), die Barmherzigen auf die eigene Würde (S.106) und die reinen Herzens sind auf das eigene Gute und Böse (auf das Selbst-wissen-wollen, was gut und böse ist, S.107). Schließlich leben die Friedfertigen im Verzicht auf Gewalt und Aufruhr (sie leiden lieber selbst, als einem Anderen Leid zu zu fügen, S.108).

Die Konsequenz: Selig ist, der auf alles Eigene verzichtet. Der einzige Ort, der noch bleibt, ist der Platz unterm Kreuz (S.109). Die Gemeinde des Gekreuzigten: „Mit ihm verlor sie alles und mit ihm fand sie alles.“ (S.109) Was bleibt am Ende? Jesus Christus allein. Das ist die radikalste Konsequenz der Nachfolge. Das ist Nachfolge bis zum Ende gedacht. Allerdings betont Bonhoeffer ja (zum Glück) auch, dass wir im Gekreuzigten auch alles finden. Nicht all das, was die Welt gibt, aber all das, was wirklich zählt.

Nachfolge ist also Verzicht und Mangel, ist letztendlich sterben. Nachfolge ist Freiheit von allem Eigenen. Nachfolge ist frei werden für den der alles gibt. Wobei zu betonen bleibt, dass die Reihenfolge wichtig ist: Nicht der Verzicht führt in die wahre Nachfolge, sondern die wahre Nachfolge führt unweigerlich in den Verzicht. Jesus „spricht zu denen, die schon unter der Gewalt seines Rufes stehen. Dieser Ruf hat sie arm, angefochten, hungrig gemacht. Er preist sie selig, nicht um des Mangels oder um ihres Verzichtes willen. Weder Mangel noch Verzicht sind an sich in irgendeiner Weise Grund zur Seligpreisung. Allein der Ruf und die Verheißung, um derentwillen die Nachfolgenden in Mangel und Verzicht leben, ist Grund genug.“ (S.100)

Naja, so nach dem Zusammenfassen muss ich doch wieder feststellen, dass auch in diesem Kapitel wieder mal jede Menge gute und provozierende Gedanken drin stecken… 😉

Bonhoeffer: Nachfolge (6) Die Nachfolge und der Einzelne

Es ist erschütternd, mit welcher intellektuellen und theologischen Schärfe, ja Radikalität und mit welcher existentiellen Tiefe und Hingabe Bonhoeffer in diesem Buch die Bedeutung von Nachfolge durchbuchstabiert und durchdekliniert. Wie seicht, oberflächlich und platt bleibt dazu im Vergleich so manche theologische Diskussion, so manche Predigt, oder so manche gutgemeinte Nachfolgeversuche in heutiger Zeit.

Wie schon in den anderen Kapiteln haut Bonhoeffer schon mit den ersten Sätzen knapp und präzise die Pflöcke ein, die dieses Kapitel bestimmen. In Anschluss an Lk. 14,26 schreibt er: „Der Ruf in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden… Jeder ist allein gerufen. Er muß allein folgen.“ (S.87)

Der Ruf Jesu reist uns heraus aus allen weltlichen und menschlichen Bindungen. Und zwar ganz radikal. In der Nachfolge, ja schon im Ruf dazu, geschieht ein „Bruch“ mit allen „natürlichen Gegebenheiten, in denen der Mensch lebt.“ (S.88) In der Nachfolge gibt es nur noch ein einziges unmittelbares Gegenüber: Jesus Christus. Alle anderen Beziehungen zur Welt und zu Menschen sind durch ihn hindurch vermittelt. „Er ist der Mittler.“ (S.89) Und zwar nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und der Wirklichkeit um ihn herum.

Darum muss alles, was sich zwischen Christus und den Nachfolger drängt, gehasst werden. Bonhoeffer entschärft also das „hassen“ aus Lk. 14,26 nicht, sondern bestärkt es. Er schwächt es nicht sprachlich ab in „nicht mehr lieben als“ (so wie es schon Matthäus in der Parallelstelle getan hat), sondern bleibt bei diesem provozierenden Ausdruck.

Im Hintergrund dieser scharfen Aussagen steht auch ein Konflikt in der damaligen Theologie. Es geht um die Frage der natürlichen Theologie: Können wir in der Natur, in der Wirklichkeit, die uns umgibt und die ja von Gott geschaffen ist, irgendwelche Anknüpfungspunkte finden, um theologische Aussagen machen zu können? Ist die Welt nur schlecht und gefallen oder ist sie nicht auch gut und kann uns zum Segen werden? Können wir aus ihr nicht auch unabhängig von Christus etwas über Gott erfahren?

Bonhoeffer bezieht hier radikal Stellung: Wir leben in einer gefallenen Welt und eine positive Beziehung zu dieser Welt können wir nur durch Christus hindurch bekommen. „Es gibt keine rechte Erkenntnis der Gaben Gottes ohne die Erkenntnis des Mittlers, um dessentwillen allein sie uns gegeben sind.“ (S.91) Deswegen konnte Bonhoeffer auch eine radikal kritische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus einnehmen, während andere Theologen immer noch positive Anknüpfungspunkte gesucht haben, um auch mit den Nazis ins Gespräch zu kommen (und auf faule Kompromisse geschielt haben).

Dieser Bruch zur Welt kann nun entweder äußerlich sichtbar geschehen, oder innerlich und unsichtbar (nach dem Motto: „haben als hätte man nicht“). Bonhoeffer führt dafür Abraham als Beispiel an: Er hat einerseits den Bruch äußerlich vollziehen müssen, indem er sein Vaterland ganz konkret verlassen hatte. Bei der Opferung Isaaks war er innerlich bis zum äußersten Bruch mit den engsten Familienbindungen bereit, aber Gott schenkt ihm dann alles wieder, was er innerlich schon aufgegeben hatte. Er hatte nun den Isaak auf ganz neue Weise, er darf den Isaak „haben, als hätte er ihn nicht.“ (S.93) Äußerlich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Es hat alles durch Christus hindurchgemußt.“ (S.93)

Am Schluss weißt Bonhoeffer noch darauf hin, dass dieser Bruch mit dem Alten aber auch zu einer „neuen Gemeinschaft“ (S.94) führt. Durch Christus hindurch entstehen neue Beziehungen. „Er trennt, aber er vereint auch.“ (S.94) Wer es in der Nachfolge wagt zum Einzelnen zu werden, ganz ohne unmittelbare Bindungen zu allem außer Christus, dem wird die Gemeinschaft der Gemeinde geschenkt.

Radikal! Mit beeindruckender Konsequenz zu Ende gedacht! Aber wie lebe ich das konkret?! Wie komme ich vom „haben“ zum „haben, als hätte ich nicht“?! Muss ich – wie Abraham – buchstäblich dazu bereit sein (nicht nur theoretisch bereit sein, sondern mich auch praktisch auf den Weg machen, es auszuführen), meinen Sohn, meine Familie auf dem Opferaltar zu schlachten und das – wie Abraham – nicht schon in der vorherigen Gewissheit, dass Gott sie mir wiederschenkt?! Muss ich -wie Bonhoeffer – bereit sein, zum Märtyrer zu werden, um mein Leben wirklich so zu haben, als hätte ich es nicht?!

Bonhoeffer: Nachfolge (5) Die Nachfolge und das Kreuz

Wieder so ein Bibeltext zur Nachfolge, der schon für sich allein genommen schon hart und herausfordernd ist: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk.8,34) Aber anstatt den Text durch Erklärungen zu entschärfen und erträglicher zu machen, tut Bonhoeffer das Gegenteil. Er treibt diesen Text noch weiter in die Wunde unserer verletzten Eitelkeit. Mit kräftigen und präzisen Sätzen arbeitet er den Anstoß dieses Textes heraus.

Im Zusammenhang dieses Verses steht die Leidensankündigung Jesu. Es ist ein göttliches „Muss“, dass Jesus am Kreuz leidet. Und weil Nachfolge Bindung an die Person Christi ist, ist „das Muß des Leidens nun auch klar und eindeutig auf seine Jünger zu beziehen.“ (S.78) Dabei geht es nicht um ein heroisches Leiden, in dem man Schweres mit Würde und Ehre trägt, sondern es ist ehrloses Leiden – so wie auch Jesus als Verworfener gelitten hat. „Kreuz ist Mitleiden mit Christus, Christusleiden.“ (S.80)

Bonhoeffer bestimmt die Art des Leidens in zweifacher Weise. Das erste Christusleiden ergibt sich aus dem Ruf in die Nachfolge, der uns aus allen Bindungen dieser Welt herausruft. Wer alle Bindungen abbricht, der ist tot! „Es ist das Sterben des alten Menschen in der Begegnung mit Jesus Christus… Jeder Ruf Christi führt in den Tod.“ (S.81) So wie Jesus am Kreuz sterben musste, so muss der alte Mensch des Nachfolgers an seinem Kreuz sterben. Das zweite Leiden ist das Tragen der Sünde. Der Nachfolger braucht durch das Tragen der Sünde keine Erlösung bewirken, aber er muss die Sünde des Anderen in entsprechender Weise zu Christus tragen: „Ich kann sie nicht anders tragen, als indem ich sie ihm vergebe… Sündenvergebung ist gebotenes Christusleiden des Jüngers. Es ist allen Christen auferlegt.“ (S.82) Sein Kreuz tragen heißt also: Sterben und vergeben – so wie es Christus getan hat.

Bonhoeffer betont, dass man dem Leiden um Christi willen, nicht ausweichen kann: „Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches.“ (S.82) Es kann gar nicht anders sein. Wir können diesem Leiden nicht davon laufen. Wir können ihm auch nicht ausweichen, indem wir meinen, es auf irgendwelche Weise besiegen zu können. „Allein durch das Tragen wird er [Jesus] das Leiden überwinden und besiegen. Sein Kreuz ist seine Überwindung.“ (S.83) Was von Christus gilt, gilt auch dem Nachfolger: „So ist auch der Nachfolger zum Tragen berufen. Im Tragen besteht das Christsein.“ (S.84) Das finde ich spannend und zugleich ernüchternd: Ein siegreiches Leben als Christ führt man gerade dann, wenn man das Leiden trägt. Nicht wenn man ihm von vornherein auszuweichen sucht oder es in der Kraft Gottes besiegen möchte, sondern wenn man durch es hindurchgeht und es dadurch überwindet.

Hört sich alles ziemlich erdrückend und deprimierend an, oder?! Bonhoeffer betont aber: „Unter diesem Kreuz zu gehen ist nicht Elend und Verzweiflung, sondern Erquickung und Ruhe für die Seelen, ist höchste Freude.“ (S.84) Warum? Weil wir dadurch von anderen Lasten frei werden, die unsere Seele letztendlich nur umso schwerer erdrücken. „Hier gehen wir nicht mehr unter selbstgemachten Gesetzen und Lasten, sondern unter dem Joch dessen der uns kennt und der selbst mit unter dem Joch geht.“ (S.84) Wer leidet, der hat Gemeinschaft mit Christus und darf sich darüber freuen.

Ja, die „Erquickung und Ruhe für die Seelen“, die hätten wir alle gerne. Aber wir möchten den Weg dorthin lieber abkürzen. Jesus hat doch für uns gelitten, warum sollen wir dann auch noch leiden? Jesus hat doch für uns den Sieg errungen, warum schenkt uns Gott in Christus nicht einfach alles – ohne dieses ganze Selbstverleugnungszeugs und Kreuztragenmüssen? Auch in diesem Kapitel stellt Bonhoeffer ganz heftige Anfragen an unser bequemes Christsein. Er übertreibt dabei nicht, sondern bringt nur präzise die Schärfe der biblischen Texte selbst ans Licht.

Bonhoeffer: Nachfolge (4) – Der einfältige Gehorsam

Jesus fordert von seinen Nachfolgern einen einfältigen, wörtlichen Gehorsam. Wenn er von dem reichen Jüngling fordert, er solle all sein Besitz verkaufen, dann meint er das wirklich so. Wir heute verstehen die biblischen Gebote dagegen oft auf paradoxe Weise. Wir sagen, dass es Jesus nicht auf gesetzlichen Gehorsam ankommt, sondern auf den Glauben. Wenn Jesus nun auffordert, alles zu verkaufen, dann geht es ihm letztendlich nicht um Reichtum oder Armut, sondern um die Abhängigkeit von ihm im Glauben. Wenn ich diesen Glauben habe, dann kann ich auch als Reicher ein Nachfolger sein.

Bonhoeffer warnt vor solch einem paradoxen Verständnis: „Es ist überall dasselbe, nämlich die bewußte Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.“ (S.71) Der reiche Jüngling habe nicht den Ausweg eines paradoxen Gehorsams gesucht, sondern er hat sehr gut verstanden, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: die wörtliche Befolgung oder der Ungehorsam.

Wenn Bonhoeffer hier stehen bleiben würde, dann wäre er einfach ein naiver Bibel-Fundamentalist, der dann auch konsequenterweise fordern müsste, dass jeder Christ alles verkauft und es den Armen gibt (und noch manch andere biblische Gebote müsste er unter allen Umständen wortwörtlich ausführen, wie wäre es z.B. mit dem abhacken der Hand, die einen zur Sünde verführt?)… Aber als scharf denkender Mensch sieht er durchaus, dass „das paradoxe Verständnis der Gebote […] sein christliches Recht“ (S.73) hat. Denn „es hängt letzten Endes gar nichts an dieser oder jener Tat des Menschen, sondern es hängt alles an dem Glauben an Jesus als den Sohn Gottes und Mittler. Es hängt letzten Endes allerdings nichts an Armut oder Reichtum, Ehe oder Ehelosigkeit, Beruf oder Nicht-Beruf, sondern es hängt alles am Glauben.“ (S.72)

Aber Bonhoeffer wehrt sich mit Vehemenz dagegen, dass das paraodoxe Verständnis der Gebote zur bequemen Ausflucht wird, mit dem ich jederlei Anspruch Jesu leichtfertig abwehren kann. Deshalb hält er es für notwendig, „daß das paradoxe Verständnis des Gebotes Jesu das einfältige Verständnis einschließt“ (S.75). Nur wer „an irgendeinem Punkt seines Lebens mit dem einfältigen Verständnis schon ernstgemacht hat, der so in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, in der Erwartung des Endes steht“ (S.73), der kann sich über die Möglichkeit einer paradoxen Auslegung Gedanken machen.

Das ist leider etwas schwammig formuliert („an irgendeinem Punkt seines Lebens“), aber ich versteht es in die Richtung, dass man nicht von vornherein und grundsätzlich alle Gebote Jesu durch ein paradoxes Verständnis (es kommt eigentlich auf die Absicht des Gebotes an, auf den Glauben und nicht auf die wörtliche Erfüllung) abmildern kann. Es geht zunächst immer um einen einfältigen Gehorsam und erst in einem zweiten Schritt kann ich mir über ein paradoxes Verständnis Gedanken machen.

Bonhoeffer stellt dann noch klar, dass für ihn einfältiger Gehorsam nicht bedeutet, „uns mit den von Jesus Gerufenen unmittelbar zu identifizieren“ (S.74). Der einfältige Gehorsam entbindet uns nicht von einer Auslegung und Interpretation des Textes (in der Theologie wird dieser Vorgang „Hermeneutik“ genannt): „Einfältiger Gehorsam wäre also hermeneutisch mißverstanden, wenn wir in direkter Gleichzeitigkeit mit dem Gerufenen handeln und nachfolgen wollten.“ (S.75) Nicht jeder ist einfach gleichzusetzen mit dem reichen Jüngling und muss als Nachfolger alles verkaufen. Aber auf der anderen Seite sollte auch nicht jeder für sich gleich von vornherein ausschließen, dass Jesus auch an ihn ähnlich harte Forderungen stellt, wie an den reichen Jüngling.

Ich verstehe Bonhoeffers Anliegen: Er will kein liberales wegtheologisieren des harten Anspruches des Nachfolge. Das finde ich gut und wichtig, auch und gerade heute! Zugleich will er jedoch auch nicht einfach ein platter Bibelfundamentalist sein, der auf jegliche Auslegung verzichtet und bei dem Nachfolge dann ziemlich willkürlich wird (je nachdem welche Bibelstelle er jetzt gerade wörtlich befolgt). Auch das ist gut und wichtig, auch heute! Aber für mich bleibt schwammig, wann denn jetzt konkret einfältiger Gehorsam gefragt ist, wie weit man Bibeltexte für solchen Gehorsam interpretieren darf und was der Maßstab ist, für die Möglichkeit eines paradoxen Verständnisses von Geboten. Aber von der konkreten Anwendung dieser grundsätzlichen Abgrenzungen wird sicher noch etwas im restlichen Buch deutlich werden…