Bonhoeffer: Nachfolge (7) Die Seligpreisungen

Dieses Kapitel hat mich jetzt nicht so unmittelbar gefesselt wie die meisten davor. Liegt vielleicht am Gegenstand: Die Seligpreisungen sind von ihrer Thematik her doch recht umfangreich. Bonhoeffer kann zu jeder Seligpreisung nur einen relativ kurzen Text schreiben und das Ganze wirkt dann recht vielgestaltig und aneinandergereiht.

Was mir bei der Einleitung besonders aufgefallen ist, ist die Unterscheidung zwischen Volk und Jüngern. Die Jünger sind aus dem Volk herausgerufen, sie sind in eine besondere Nähe zu Jesus gerufen, sie sind in die Nachfolge gerufen. Bonhoeffer macht nun eine ganz simple Gleichsetzung: Das Volk, das ist die Volkskirche und die Jünger, das ist die „kleine Gemeinde“ (S.100) der Nachfolger, die „aus dem Volk sichtbar zu ihm getreten“ (S.99) sind. In der damaligen Zeit hat sich mit dem Begriff des „Volkes“ natürlich noch eine ganz andere Ideologie verbunden als für uns heute mit der Volkskirche. Aber nichts desto trotz liegt auch heute noch eine provozierende Wahrheit in dieser Unterscheidung von Volkskirche und Nachfolger.

Die einzelnen Seligpreisungen bindet Bonhoeffer nun zusammen indem er jede einzelne als einen Verzicht auf etwas deutet. Die geistlich Armen leben im Verzicht und Mangel „an allen Stücken“ (S.101), sowohl im materiellen Sinn als auch im geistlichen Sinn (sie haben „keine eigene geistliche Kraft, Erfahrung, Erkenntnis“, S.101). Die Leidtragenden verzichten auf weltliches Glück und Frieden (S.102). Die Sanftmütigen leben im Verzicht auf jedes eigene Recht (S.104). Die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, verzichten auf die eigene Gerechtigkeit (S.105), die Barmherzigen auf die eigene Würde (S.106) und die reinen Herzens sind auf das eigene Gute und Böse (auf das Selbst-wissen-wollen, was gut und böse ist, S.107). Schließlich leben die Friedfertigen im Verzicht auf Gewalt und Aufruhr (sie leiden lieber selbst, als einem Anderen Leid zu zu fügen, S.108).

Die Konsequenz: Selig ist, der auf alles Eigene verzichtet. Der einzige Ort, der noch bleibt, ist der Platz unterm Kreuz (S.109). Die Gemeinde des Gekreuzigten: „Mit ihm verlor sie alles und mit ihm fand sie alles.“ (S.109) Was bleibt am Ende? Jesus Christus allein. Das ist die radikalste Konsequenz der Nachfolge. Das ist Nachfolge bis zum Ende gedacht. Allerdings betont Bonhoeffer ja (zum Glück) auch, dass wir im Gekreuzigten auch alles finden. Nicht all das, was die Welt gibt, aber all das, was wirklich zählt.

Nachfolge ist also Verzicht und Mangel, ist letztendlich sterben. Nachfolge ist Freiheit von allem Eigenen. Nachfolge ist frei werden für den der alles gibt. Wobei zu betonen bleibt, dass die Reihenfolge wichtig ist: Nicht der Verzicht führt in die wahre Nachfolge, sondern die wahre Nachfolge führt unweigerlich in den Verzicht. Jesus „spricht zu denen, die schon unter der Gewalt seines Rufes stehen. Dieser Ruf hat sie arm, angefochten, hungrig gemacht. Er preist sie selig, nicht um des Mangels oder um ihres Verzichtes willen. Weder Mangel noch Verzicht sind an sich in irgendeiner Weise Grund zur Seligpreisung. Allein der Ruf und die Verheißung, um derentwillen die Nachfolgenden in Mangel und Verzicht leben, ist Grund genug.“ (S.100)

Naja, so nach dem Zusammenfassen muss ich doch wieder feststellen, dass auch in diesem Kapitel wieder mal jede Menge gute und provozierende Gedanken drin stecken… 😉

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