Bonhoeffer: Nachfolge (6) Die Nachfolge und der Einzelne

Es ist erschütternd, mit welcher intellektuellen und theologischen Schärfe, ja Radikalität und mit welcher existentiellen Tiefe und Hingabe Bonhoeffer in diesem Buch die Bedeutung von Nachfolge durchbuchstabiert und durchdekliniert. Wie seicht, oberflächlich und platt bleibt dazu im Vergleich so manche theologische Diskussion, so manche Predigt, oder so manche gutgemeinte Nachfolgeversuche in heutiger Zeit.

Wie schon in den anderen Kapiteln haut Bonhoeffer schon mit den ersten Sätzen knapp und präzise die Pflöcke ein, die dieses Kapitel bestimmen. In Anschluss an Lk. 14,26 schreibt er: „Der Ruf in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden… Jeder ist allein gerufen. Er muß allein folgen.“ (S.87)

Der Ruf Jesu reist uns heraus aus allen weltlichen und menschlichen Bindungen. Und zwar ganz radikal. In der Nachfolge, ja schon im Ruf dazu, geschieht ein „Bruch“ mit allen „natürlichen Gegebenheiten, in denen der Mensch lebt.“ (S.88) In der Nachfolge gibt es nur noch ein einziges unmittelbares Gegenüber: Jesus Christus. Alle anderen Beziehungen zur Welt und zu Menschen sind durch ihn hindurch vermittelt. „Er ist der Mittler.“ (S.89) Und zwar nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und der Wirklichkeit um ihn herum.

Darum muss alles, was sich zwischen Christus und den Nachfolger drängt, gehasst werden. Bonhoeffer entschärft also das „hassen“ aus Lk. 14,26 nicht, sondern bestärkt es. Er schwächt es nicht sprachlich ab in „nicht mehr lieben als“ (so wie es schon Matthäus in der Parallelstelle getan hat), sondern bleibt bei diesem provozierenden Ausdruck.

Im Hintergrund dieser scharfen Aussagen steht auch ein Konflikt in der damaligen Theologie. Es geht um die Frage der natürlichen Theologie: Können wir in der Natur, in der Wirklichkeit, die uns umgibt und die ja von Gott geschaffen ist, irgendwelche Anknüpfungspunkte finden, um theologische Aussagen machen zu können? Ist die Welt nur schlecht und gefallen oder ist sie nicht auch gut und kann uns zum Segen werden? Können wir aus ihr nicht auch unabhängig von Christus etwas über Gott erfahren?

Bonhoeffer bezieht hier radikal Stellung: Wir leben in einer gefallenen Welt und eine positive Beziehung zu dieser Welt können wir nur durch Christus hindurch bekommen. „Es gibt keine rechte Erkenntnis der Gaben Gottes ohne die Erkenntnis des Mittlers, um dessentwillen allein sie uns gegeben sind.“ (S.91) Deswegen konnte Bonhoeffer auch eine radikal kritische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus einnehmen, während andere Theologen immer noch positive Anknüpfungspunkte gesucht haben, um auch mit den Nazis ins Gespräch zu kommen (und auf faule Kompromisse geschielt haben).

Dieser Bruch zur Welt kann nun entweder äußerlich sichtbar geschehen, oder innerlich und unsichtbar (nach dem Motto: „haben als hätte man nicht“). Bonhoeffer führt dafür Abraham als Beispiel an: Er hat einerseits den Bruch äußerlich vollziehen müssen, indem er sein Vaterland ganz konkret verlassen hatte. Bei der Opferung Isaaks war er innerlich bis zum äußersten Bruch mit den engsten Familienbindungen bereit, aber Gott schenkt ihm dann alles wieder, was er innerlich schon aufgegeben hatte. Er hatte nun den Isaak auf ganz neue Weise, er darf den Isaak „haben, als hätte er ihn nicht.“ (S.93) Äußerlich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Es hat alles durch Christus hindurchgemußt.“ (S.93)

Am Schluss weißt Bonhoeffer noch darauf hin, dass dieser Bruch mit dem Alten aber auch zu einer „neuen Gemeinschaft“ (S.94) führt. Durch Christus hindurch entstehen neue Beziehungen. „Er trennt, aber er vereint auch.“ (S.94) Wer es in der Nachfolge wagt zum Einzelnen zu werden, ganz ohne unmittelbare Bindungen zu allem außer Christus, dem wird die Gemeinschaft der Gemeinde geschenkt.

Radikal! Mit beeindruckender Konsequenz zu Ende gedacht! Aber wie lebe ich das konkret?! Wie komme ich vom „haben“ zum „haben, als hätte ich nicht“?! Muss ich – wie Abraham – buchstäblich dazu bereit sein (nicht nur theoretisch bereit sein, sondern mich auch praktisch auf den Weg machen, es auszuführen), meinen Sohn, meine Familie auf dem Opferaltar zu schlachten und das – wie Abraham – nicht schon in der vorherigen Gewissheit, dass Gott sie mir wiederschenkt?! Muss ich -wie Bonhoeffer – bereit sein, zum Märtyrer zu werden, um mein Leben wirklich so zu haben, als hätte ich es nicht?!

Bewerte diesen Artikel

Ein Gedanke zu „Bonhoeffer: Nachfolge (6) Die Nachfolge und der Einzelne“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.