Bonhoeffer: Nachfolge (5) Die Nachfolge und das Kreuz
von windhauch
Wieder so ein Bibeltext zur Nachfolge, der schon für sich allein genommen schon hart und herausfordernd ist: “Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.” (Mk.8,34) Aber anstatt den Text durch Erklärungen zu entschärfen und erträglicher zu machen, tut Bonhoeffer das Gegenteil. Er treibt diesen Text noch weiter in die Wunde unserer verletzten Eitelkeit. Mit kräftigen und präzisen Sätzen arbeitet er den Anstoß dieses Textes heraus.
Im Zusammenhang dieses Verses steht die Leidensankündigung Jesu. Es ist ein göttliches “Muss”, dass Jesus am Kreuz leidet. Und weil Nachfolge Bindung an die Person Christi ist, ist “das Muß des Leidens nun auch klar und eindeutig auf seine Jünger zu beziehen.” (S.78) Dabei geht es nicht um ein heroisches Leiden, in dem man Schweres mit Würde und Ehre trägt, sondern es ist ehrloses Leiden – so wie auch Jesus als Verworfener gelitten hat. “Kreuz ist Mitleiden mit Christus, Christusleiden.” (S.80)
Bonhoeffer bestimmt die Art des Leidens in zweifacher Weise. Das erste Christusleiden ergibt sich aus dem Ruf in die Nachfolge, der uns aus allen Bindungen dieser Welt herausruft. Wer alle Bindungen abbricht, der ist tot! “Es ist das Sterben des alten Menschen in der Begegnung mit Jesus Christus… Jeder Ruf Christi führt in den Tod.” (S.81) So wie Jesus am Kreuz sterben musste, so muss der alte Mensch des Nachfolgers an seinem Kreuz sterben. Das zweite Leiden ist das Tragen der Sünde. Der Nachfolger braucht durch das Tragen der Sünde keine Erlösung bewirken, aber er muss die Sünde des Anderen in entsprechender Weise zu Christus tragen: “Ich kann sie nicht anders tragen, als indem ich sie ihm vergebe… Sündenvergebung ist gebotenes Christusleiden des Jüngers. Es ist allen Christen auferlegt.” (S.82) Sein Kreuz tragen heißt also: Sterben und vergeben – so wie es Christus getan hat.
Bonhoeffer betont, dass man dem Leiden um Christi willen, nicht ausweichen kann: “Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches.” (S.82) Es kann gar nicht anders sein. Wir können diesem Leiden nicht davon laufen. Wir können ihm auch nicht ausweichen, indem wir meinen, es auf irgendwelche Weise besiegen zu können. “Allein durch das Tragen wird er [Jesus] das Leiden überwinden und besiegen. Sein Kreuz ist seine Überwindung.” (S.83) Was von Christus gilt, gilt auch dem Nachfolger: “So ist auch der Nachfolger zum Tragen berufen. Im Tragen besteht das Christsein.” (S.84) Das finde ich spannend und zugleich ernüchternd: Ein siegreiches Leben als Christ führt man gerade dann, wenn man das Leiden trägt. Nicht wenn man ihm von vornherein auszuweichen sucht oder es in der Kraft Gottes besiegen möchte, sondern wenn man durch es hindurchgeht und es dadurch überwindet.
Hört sich alles ziemlich erdrückend und deprimierend an, oder?! Bonhoeffer betont aber: “Unter diesem Kreuz zu gehen ist nicht Elend und Verzweiflung, sondern Erquickung und Ruhe für die Seelen, ist höchste Freude.” (S.84) Warum? Weil wir dadurch von anderen Lasten frei werden, die unsere Seele letztendlich nur umso schwerer erdrücken. “Hier gehen wir nicht mehr unter selbstgemachten Gesetzen und Lasten, sondern unter dem Joch dessen der uns kennt und der selbst mit unter dem Joch geht.” (S.84) Wer leidet, der hat Gemeinschaft mit Christus und darf sich darüber freuen.
Ja, die “Erquickung und Ruhe für die Seelen”, die hätten wir alle gerne. Aber wir möchten den Weg dorthin lieber abkürzen. Jesus hat doch für uns gelitten, warum sollen wir dann auch noch leiden? Jesus hat doch für uns den Sieg errungen, warum schenkt uns Gott in Christus nicht einfach alles – ohne dieses ganze Selbstverleugnungszeugs und Kreuztragenmüssen? Auch in diesem Kapitel stellt Bonhoeffer ganz heftige Anfragen an unser bequemes Christsein. Er übertreibt dabei nicht, sondern bringt nur präzise die Schärfe der biblischen Texte selbst ans Licht.


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