Bonhoeffer: Nachfolge (4) – Der einfältige Gehorsam

Jesus fordert von seinen Nachfolgern einen einfältigen, wörtlichen Gehorsam. Wenn er von dem reichen Jüngling fordert, er solle all sein Besitz verkaufen, dann meint er das wirklich so. Wir heute verstehen die biblischen Gebote dagegen oft auf paradoxe Weise. Wir sagen, dass es Jesus nicht auf gesetzlichen Gehorsam ankommt, sondern auf den Glauben. Wenn Jesus nun auffordert, alles zu verkaufen, dann geht es ihm letztendlich nicht um Reichtum oder Armut, sondern um die Abhängigkeit von ihm im Glauben. Wenn ich diesen Glauben habe, dann kann ich auch als Reicher ein Nachfolger sein.

Bonhoeffer warnt vor solch einem paradoxen Verständnis: „Es ist überall dasselbe, nämlich die bewußte Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.“ (S.71) Der reiche Jüngling habe nicht den Ausweg eines paradoxen Gehorsams gesucht, sondern er hat sehr gut verstanden, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: die wörtliche Befolgung oder der Ungehorsam.

Wenn Bonhoeffer hier stehen bleiben würde, dann wäre er einfach ein naiver Bibel-Fundamentalist, der dann auch konsequenterweise fordern müsste, dass jeder Christ alles verkauft und es den Armen gibt (und noch manch andere biblische Gebote müsste er unter allen Umständen wortwörtlich ausführen, wie wäre es z.B. mit dem abhacken der Hand, die einen zur Sünde verführt?)… Aber als scharf denkender Mensch sieht er durchaus, dass „das paradoxe Verständnis der Gebote […] sein christliches Recht“ (S.73) hat. Denn „es hängt letzten Endes gar nichts an dieser oder jener Tat des Menschen, sondern es hängt alles an dem Glauben an Jesus als den Sohn Gottes und Mittler. Es hängt letzten Endes allerdings nichts an Armut oder Reichtum, Ehe oder Ehelosigkeit, Beruf oder Nicht-Beruf, sondern es hängt alles am Glauben.“ (S.72)

Aber Bonhoeffer wehrt sich mit Vehemenz dagegen, dass das paraodoxe Verständnis der Gebote zur bequemen Ausflucht wird, mit dem ich jederlei Anspruch Jesu leichtfertig abwehren kann. Deshalb hält er es für notwendig, „daß das paradoxe Verständnis des Gebotes Jesu das einfältige Verständnis einschließt“ (S.75). Nur wer „an irgendeinem Punkt seines Lebens mit dem einfältigen Verständnis schon ernstgemacht hat, der so in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, in der Erwartung des Endes steht“ (S.73), der kann sich über die Möglichkeit einer paradoxen Auslegung Gedanken machen.

Das ist leider etwas schwammig formuliert („an irgendeinem Punkt seines Lebens“), aber ich versteht es in die Richtung, dass man nicht von vornherein und grundsätzlich alle Gebote Jesu durch ein paradoxes Verständnis (es kommt eigentlich auf die Absicht des Gebotes an, auf den Glauben und nicht auf die wörtliche Erfüllung) abmildern kann. Es geht zunächst immer um einen einfältigen Gehorsam und erst in einem zweiten Schritt kann ich mir über ein paradoxes Verständnis Gedanken machen.

Bonhoeffer stellt dann noch klar, dass für ihn einfältiger Gehorsam nicht bedeutet, „uns mit den von Jesus Gerufenen unmittelbar zu identifizieren“ (S.74). Der einfältige Gehorsam entbindet uns nicht von einer Auslegung und Interpretation des Textes (in der Theologie wird dieser Vorgang „Hermeneutik“ genannt): „Einfältiger Gehorsam wäre also hermeneutisch mißverstanden, wenn wir in direkter Gleichzeitigkeit mit dem Gerufenen handeln und nachfolgen wollten.“ (S.75) Nicht jeder ist einfach gleichzusetzen mit dem reichen Jüngling und muss als Nachfolger alles verkaufen. Aber auf der anderen Seite sollte auch nicht jeder für sich gleich von vornherein ausschließen, dass Jesus auch an ihn ähnlich harte Forderungen stellt, wie an den reichen Jüngling.

Ich verstehe Bonhoeffers Anliegen: Er will kein liberales wegtheologisieren des harten Anspruches des Nachfolge. Das finde ich gut und wichtig, auch und gerade heute! Zugleich will er jedoch auch nicht einfach ein platter Bibelfundamentalist sein, der auf jegliche Auslegung verzichtet und bei dem Nachfolge dann ziemlich willkürlich wird (je nachdem welche Bibelstelle er jetzt gerade wörtlich befolgt). Auch das ist gut und wichtig, auch heute! Aber für mich bleibt schwammig, wann denn jetzt konkret einfältiger Gehorsam gefragt ist, wie weit man Bibeltexte für solchen Gehorsam interpretieren darf und was der Maßstab ist, für die Möglichkeit eines paradoxen Verständnisses von Geboten. Aber von der konkreten Anwendung dieser grundsätzlichen Abgrenzungen wird sicher noch etwas im restlichen Buch deutlich werden…

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