Bonhoeffer: Nachfolge (3) – Der Ruf in die Nachfolge

Unglaublich, wie Bonhoeffer einige bekannte Bibelstellen zitiert, sie dann mit wenigen, aber präzisen Sätzen analysiert und sie dadurch in ein völlig neues Licht führt. Man kann sicher über die eine oder andere Auslegung streiten, aber Bonhoeffer schafft es, altbekannte Bibeltexte wieder neu lebendig werden zu lassen. Er schafft es, die Texte so anzugehen, dass nicht wir die Texte lesen und deuten, sondern die Texte uns mit ihrer ganzen Wucht treffen und hinterfragen.

Den ersten Bibeltext, den Bonhoeffer in diesem Kapitel behandelt ist die Berufung des Levi (Mk.2,14): Jesus „sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.“ Jeder Bibelleser stolpert über die Kürze und Unmittelbarkeit, mit der hier der Ruf in die Nachfolge geschildert wird. Gewöhnlich versucht man in der Auslegung oder als Prediger hier zu erklären oder die radikale Reaktion des Levi einsichtig zu machen. Bonhoeffer tut das Gegenteil. Er sagt: Die Kürze ist gerade der Punkt dabei, es liegt „ja gerade alles an dem gänzlich unvermittelten Gegenüber von Ruf und Tat“ (S.45).

Hier wird das Wesen der Nachfolge auf Schärfste deutlich. Nachfolge ist nicht durch ihren Inhalt geprägt, nicht durch bestimmte Glaubenssätze, sondern sie „ist etwas schlechthin Inhaltsloses“ (S.46). Nachfolge ist „Bindung an Jesus Christus allein“ (S.47). Daneben gibt es keinen anderen Inhalt, Jesus selbst ist der Inhalt. Jesus ruft und der Jünger folgt. Sonst nichts!

Als nächstes beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Frage nach dem freien Willen. Kann der Mensch sich von sich aus für den Glauben bzw. für die Nachfolge entscheiden? Oder ist das nicht immer schon ein Wirken der Gnade Gottes, wenn ein Mensch glauben kann? Bonhoeffer spricht von einem notwendigen ersten Schritt des Menschen, der ihn in eine Situation führt, in der er glauben kann. Das ist eine sehr feine Unterscheidung, die Bonhoeffer hier macht.

Hier gibt es ja zwei Extreme. Erstens: die Betonung der Gnade; alles ist Gnade und der Mensch kann absolut nichts zu seinem Heil beitragen, ja er darf es nicht einmal, weil Gott alles schenkt. Auch den Glauben schenkt er, den kann sich kein Mensch selbst erarbeiten und verdienen. Zweitens: Die Betonung des freien Willens: Der Mensch kann sich selbst für oder gegen Gott entscheiden. Der Mensch ist für seine Entscheidung verantwortlich, denn sonst könnte Gott ja nicht die bestrafen, die sich gegen ihn entschieden haben.

Bonhoeffer sagt, dass der Mensch einen ersten Schritt des Gehorsams tun muss. Dafür kann er sich entscheiden, dazu hat er die Freiheit. Aber dieser erste Schritt allein hat noch nichts mit Glauben zu tun, er ist einfach Gehorsam gegen den Ruf Jesu. Als äußerliches Tun ist er ein „totes Werk des Gesetzes“ (S.54). Aber dieser Schritt ist notwendig, um uns „in die Situation des Glaubenkönnens hinein“ (S.55) zu führen. Zugespitzt heißt das: „erst muß der Schritt des Gehorsams getan sein, ehe geglaubt werden kann.“ (S.55)

Bonhoeffer betont in seinen Ausführungen vor allem diesen ersten Gehorsamsschritt des Menschen (gegen einen all zu flachen und bequemen Gebrauch von Luthers „allein aus Gnaden“). Aber insgesamt hält er an der Richtigkeit von beiden Extrempositionen fest. Er macht dies an zwei Sätzen deutlich, die für ihn „in gleicher Weise wahr sind: Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“ (S.52) „Nur der Glaubende ist gehorsam“: das ist sola gratia pur – Gott schenkt allein aus Gnade den Glauben und erst dann kann der Mensch auch gehorsam sein. „Nur der Gehorsame glaubt“: das ist für sich genommen eigentlich Werkgerechtigkeit – erst durch die Gehorsamsleistung des Menschen ist Glaube ermöglicht.

Für Bonhoeffer ist Glaube und Gehorsam eine „unauflösliche Einheit“ (S.53). Nur wenn an der Wahrheit von beiden Sätzen festgehalten wird, ist Nachfolge richtig zu verstehen. Nachfolge ist allein durch von Gott gnädig geschenkten Glauben möglich und doch gilt zugleich, dass der Mensch mit seinen menschlichen Möglichkeiten gegenüber dem Ruf Jesu gehorsam sein muss, um zur Nachfolge zu gelangen.

Bonhoeffer zeigt dann noch an der Geschichte vom reichen Jüngling auf, dass dieser Gehorsam des Menschen durch ein einfältiges Tun gekennzeichnet ist und nicht durch ein zwiefältiges Denken (S.62). Die einzig mögliche Reaktion auf den Ruf Jesu (und damit implizit auch gegenüber den Geboten Gottes) ist der Gehorsam, das Tun und nicht die Diskussion und die Hinterfragung, wie das denn genau gemeint ist.

Auch in diesem Kapitel wird deutlich, dass sich Bonhoeffer gegen eine weichgespülte lutherische Theologie wehrt. Luther hat in Auseinandersetzung mit der Werkgerechtigkeit der damaligen katholischen Kirche die Gnade Gottes betont: Allein die Gnade! Bonhoeffer sagt, dass Luther dabei aber immer auch die andere Seite noch im Hinterkopf hatte: Gottes Forderung an den Menschen, auf welche wir nur mit Gehorsam antworten können – natürlich führt dieser Gehorsam nicht zum Heil, aber er ist genau so notwendig, wie die Gnade.

Da steckt viel drin, in diesem Kapitel. Stoff zum Nachdenken, Sätze, die provozieren. Mir gefällt es, wie Bonhoeffer gegen eine harmlos und bequem gewordene lutherische Theologie kämpft, ohne dabei gesetzlich zu werden. Das ist ja bis heute ein Zwiespalt: auf der einen Seite die Weite der evangelischen Landeskirche, die die Gnade so sehr betont, dass der Mensch gar nichts mehr machen muss (und dann darüber staunt, dass die Menschen das ernst nehmen und auch nichts mehr tun, nicht einmal mehr zum Gottesdienst kommen…). Und auf der anderen Seite ein verbissener Aktionismus bei Evangelikalen und Pfingstlern, die meinen den echten Glauben durch genügend Einsatz erzwingen zu können (und die dann alle verteufeln, bei denen ihre Bemühungen keine Frucht bringen…).

Bewerte diesen Artikel

Ein Gedanke zu „Bonhoeffer: Nachfolge (3) – Der Ruf in die Nachfolge“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.