Bonhoeffer: Nachfolge (22) – Die Heiligen

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Heiligung der Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu. Darum geht es ja schon in der ganzen Bergpredigt ganz praktisch. Jetzt wird das eher systematisch-theologisch unter dem Stichwort „die Heiligen“ behandelt. Grundsätzlich gilt: „Heilig ist allein Gott.“ (S. 269) Aber im „Heiligtum […] verbindet sich der Heilige mit seinem Volk.“ (S.270) Das Heiligtum ist im Neuen Testament aber nun nicht ein irdisches Gebäude, sondern der Leib Christi, die Gemeinschaft der Heiligen. Weil Gott heilig ist, sind also auch die Glaubenden heilig.

Das geschieht durch die Rechtfertigung des Sünders. Bonhoeffer betont, dass es fremde Gerechtigkeit bleibt: es ist allein Gottes Gerechtigkeit, die dem Sünder angerechnet wird (S.273). Nur als gerechtfertigte Gemeinde sind wir die Gemeinde der Heiligen (S.274). Bonhoeffer ist nun aber wichtig, dass das einmalige Ereignis der Rechtfertigung zwar der Ausgangspunkt ist, dass dazu aber auch das Leben in der Heiligung kommen muss (S.275). „Beide Gaben gehören unlöslich zueinander. Aber sie sind eben darum auch nicht ein und dasselbe.“ (S.275) Heilige sind wir also nicht allein durch die Rechtfertigung, sondern nur wenn wir auch in einem Leben der Heiligung bleiben.

Bonhoeffer zieht daraus nun eine dreifache Konsequenz: Das erste ist, dass es Heiligung „nur in der sichtbaren Gemeinde“ (S.277) gibt. D.h. dass Heiligung nicht nur ein innerliches Geschehen ist, sondern dass es auch von außen sichtbar sein muss. Insofern gehört für die Gemeinde „ihr ‚politischer‘ Charakter unabdingbar zu ihrer Heiligung“ (S.277) dazu. Unser Leben als Christ muss sich in der polis (griech. für „Stadt, Gemeinwesen, Gesellschaft) zeigen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist für Bonhoeffer, dass sich die Heiligung der Gemeinde „gerade in der Absonderung von der Welt“ (S.278) zeigt. „Politisches“ Christsein heißt also nicht, dass wir uns der Welt gleichstellen, sondern dass wir gerade durch unsere Andersartigkeit die Welt verändern. Im folgenden geht Bonhoeffer ausführlich darauf ein, was das bedeutet: Christen nehmen Abstand von der Sünde und leben in der Frucht des Heiligen Geistes. Ganz konkret heißt das für Bonhoeffer auch, dass in der Gemeinde die Gemeindezucht praktiziert wird (S.286). Ziel dabei ist aber nicht die Reinerhaltung der Gemeinde (so als gäbe es eine Gemeinde der Vollkommenen, aus der alle Unvollkommene ausgeschlossen werden müssen), sondern die Buße und Versöhnung. Jeder in der Gemeinde lebt allein von der Vergebung und nicht von seinem vollkommenen Lebenswandel. Gemeindezucht ist „pädagogisches Handeln“ (S.290) welche zur Umkehr und Vergebung führen soll.

Die dritte Bestimmung der Heiligung ist die Ausrichtung auf das Ende hin: „Alle Heiligung ist auf das Bestehen am Tage Jesu Christi gerichtet.“ (S.292) Das bedeutet für Bonhoeffer, dass im Gericht auch die guten Werke zählen. Mit dem Kreuz sind die Forderungen des Gesetzes nicht einfach abgetan: „Gottes Gesetz bleibt aufgerichtet und muss erfüllt werden.“ (S.295) Aber als reformatorischer Theologe betont Bonhoeffer natürlich, dass diese guten Werke nicht unser Verdienst sind, sondern von Gott geschenkte Werke, in welchen wir wandeln sollen. „So bleibt unseren Augen unser gutes Werk gänzlich entzogen. Unsere Heiligung bleibt uns verborgen bis auf den Tag, da alles offenbar wird.“ (S.295)

Das finde ich im Zusammenhang der Heiligung extrem wichtig: Es geht nicht darum, dass wir uns um ein heiliges Leben bemühen sollten. Es geht nicht darum, dass wir danach streben sollten immer besser, heiliger und vollkommener zu werden. Sondern es geht – wie in der gesamten Nachfolge – nur um das eine: „So bleibt uns abermals nichts als von uns wegzusehen auf den, der alles schon für uns vollbracht hat und ihm nachzufolgen.“ (S.296)

Interessant finde ich auch Bonhoeffers betonter Blick auf die Gemeinde als Ort der Heiligung. Wir sind da heute sehr viel individualistischer geprägt und denken bei Heiligung vorwiegend an unser persönliches Glaubensleben und unsere persönliches geistliches Wachstum. Aber das ist durchaus wichtig: Heiligung geschieht nicht, wenn ich allein im stillen Kämmerlein sitze, sondern sie geschieht im Miteinander und oft auch in der Auseinandersetzung mit anderen Heiligen. Und Heiligung hat nicht nur persönliche Auswirkungen, sondern auch gesellschaftliche!

Bonhoeffer versucht im zweiten Teil seines Buches die Bergpredigt systematisch-theologisch zu durchdringen und zu bündeln. Das macht er auch konsequent und gut. Allerdings fehlt dem zweiten Teil und auch diesem Kapitel die provozierende und kantige Kraft des ersten Teils. Mir als Leser geht es auf jeden Fall so, dass ich beim ersten Teil (der sich mit Evangeliumstexten zur Nachfolge und der Bergpredigt beschäftigt) mit Begeisterung und manches mal auch mit ungläubigem Kopfschütteln dabei war. Jetzt gegen Ende des Buches quäle ich mich eher durch…

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Ein Gedanke zu „Bonhoeffer: Nachfolge (22) – Die Heiligen“

  1. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“

    Jesus von Nazareth

    Der Glaube ist die Hoffnung, ihn eines Tages durch Wissen ersetzen zu können. Entartet er zum Selbstzweck (Fundamentalismus), wird nicht mehr nach der Wahrheit gesucht und die Fundamentalisten wollen sie gar nicht mehr hören:

    „Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.“

    (nicht in der Bibel zu finden)

    Wie wir alle wissen, sind selbstverständlicher, allgemeiner Wohlstand und der Weltfrieden (noch) nicht die Unsrigen, obwohl die Überwindung von Massenarmut und Krieg in dem ersten Zitat bereits erklärt wird. Die wahre Bedeutung wird offensichtlich, wenn wir es mit dem folgenden Zitat aus dem bis heute unwiderlegten (alle „Gegenargumente“ basieren auf Vorurteilen und Denkfehlern), makroökonomischen Grundlagenwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ aus dem Jahr 1916 vergleichen:

    „Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

    Silvio Gesell

    Die Aussagen von wahren Genies bleiben für gewöhnliche Menschen (Fundamentalisten) unverständlich, und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten können sie nur mit Mühe sinnhaftig werden.

    „The greatest tragedy in mankind’s entire history may be the hijacking of morality by religion.“

    Arthur C. Clarke

    Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:
    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html

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