Bonhoeffer: Nachfolge (2) Die teure Gnade

von windhauch

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.” (S.29) Zack! Das sitzt! In einem kurzen Satz sagt Bohoeffer pointiert das Wichtigste! In der damaligen Situation hätte man sich ja auch andere Sätze vorstellen können. Z.B.: “Der Nationalsozialismus ist der Todfeind unserer Kirche.” Oder: “Wetterwenderische Kirchenführer sind der Todfeind unserer Kirche.” Aber nein: die billige Gnade ist der Todfeind. Ich denke das ist bis heute so.

Schön finde ich, dass Bonhoeffer nicht gegen die billige Gnade kämpfen will, sondern dass sein Kampf um die teure Gnade geht. Gegen etwas zu kämpfen ist relativ leicht. Bis heute finden sich jede Menge Leute, die gegen etwas sind. Menschen, die für etwas kämpfen sind seltener. Etwas nieder zu machen und platt zu walzen ist einfacher und bequemer, als etwas besseres aufzubauen. Das beobachte ich an mir selbst und an anderen Christen leider viel zu oft: Das Kritisieren ist leicht und wird ausgiebig praktiziert, aber eine Situation durch eigenen positiven Einsatz zu verändern, das tun nicht viele.

In diesem Kapitel beschreibt Bonhoeffer den Unterschied zwischen billiger und teurer Gnade. “Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System” (S.29) “teure Gnade ist das Evangelium” (S.31), das in die gelebte Nachfolge ruft und diese Nachfolge ist teuer, “weil sie dem Menschen das Leben kostet” (S.31). Der Unterschied ist der, dass billige Gnade als theologisches Prinzip, unabhängig vom Leben gilt, sie setzt von vornherein vor alles menschliche Handeln ein positives Vorzeichen: Gott ist ja gnädig, er vergibt alles. Teure Gnade ist dagegen das Ergebnis von ernsthafter Nachfolge. Jeder der ernsthaft nach Gottes Willen leben will, wird daran scheitern und dann als Resultat dieses Scheiterns die Gnade Gottes erleben.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.” (S.30)

In einem kurzen Durchgang durch die Kirchengeschichte entfaltet Bonhoeffer diesen Unterschied. Petrus hat die teure Gnade empfangen, weil für ihn Gnade und Nachfolge unauflöslich zusammen gehören. Als die Kirche zur Staatskirche wurde, “ging die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren” (S.32). Nur im Mönchtum versuchte man noch ernsthaft, den Gebote Jesu zu folgen, allerdings wurde dann gerade durch das Mönchtum die Nachfolge auch zu einer verdienstlichen Sonderleistung Einzelner und zu einer billigen Rechtfertigung der christlichen Massen, da ja offensichtlich nicht jeder solch ein radikales Leben wie die Mönche führen konnte.

Erst Martin Luther holte die Nachfolge aus dem Kloster zurück in den Alltag der Welt. Luther scheiterte als Mönch an dem Versuch, ein frommes Leben zu führen und erst dann ergriff er die Gnade. Erst nachdem er alles gegeben hatte merkte er, dass das nicht genug ist, dass er vor Gott nichts leisten kann. Und so hat er sein frommes Ich im Kloster zurück gelassen und sich allein von der Gnade Gottes abhängig gemacht. Diese völlige Abhängigkeit von der Gnade soll nicht in der Abgeschiedenheit des Klosters gelebt werden, sondern mitten in der Welt. “Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesus mußte im täglichen Berufsleben geleistet werden.” (S.35)

Doch schon die Schüler Luthers verdrehten seine Lehre wieder: “Aus der Rechtfertigung des Sünders in der Welt wurde die Rechtfertigung der Sünde in der Welt.” (S.36) Für Luther war Gnade noch das Ergebnis, der Endpunkt der Nachfolge. In der lutherischen Orthodoxie wurde Gnade zur Voraussetzung und Anfangspunkt von allem, sie galt als Prinzip und zugespitzt ganz unabhängig von der konkreten Nachfolge. “Ist aber Gnade prinzipielle Voraussetzung meines christlichen Lebens, so habe ich damit im voraus die Rechtfertigung meiner Sünden, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf diese Gnade hin sündigen, die Welt ist ja im Prinzip durch Gnade gerechtfertigt. Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen Existenz wie bisher, es bleibt alles beim alten.” (S.37)

Den Unterschied zwischen Gnade als Voraussetzung und Gnade als Resultat verdeutlicht Bonhoeffer auch durch folgenden Vergleich: “Wenn Faust am Ende seines Lebens sagt: Ich sehe, daß wir nichts wissen können, so ist das Resultat, und etwas durchaus anderes, als wenn dieser Satz von einem Studenten im ersten Semester übernommen wird, um damit seine Faulheit zu rechtfertigen.” (S.38) Die Konsequenz für Bonhoeffer: Es “muß der Versuch gemacht werden, Gnade und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander zu verstehen.” (S.42)

Ich merke, dass ich sehr viel zitiere. Das liegt daran, dass Bonhoeffer schon so knapp und prägnant formuliert, dass man es eigentlich kaum sinnvoll zusammenfassen kann, ohne Wesentliches auszulassen. Von der billigen Gnade habe ich bis jetzt immer nur stichwortartig gehört oder gelesen. Es ist wirklich hilfreich, den Zusammenhang kennen zu lernen. Erstaunlich ist für mich auch, wie aktuell die Analysen Bonhoeffers sind. Wenn es um die zentralen Fragen des Glaubens geht, dann haben wir seit Jahrhunderten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

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