Bonhoeffer: Nachfolge (18) – Die Boten

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Sendung der Jünger. Es geht um den Abschluss von Matthäus 9 und das ganze 10. Kapitel. Relativ zügig geht Bonhoeffer an diesem Text entlang und schreibt zu den einzelnen Textabschnitten jeweils einige Gedanken.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Kapitel nicht so besonders angesprochen hat. Es ist im Wesentlichen eine Nacherzählung und kurze Entfaltung des Matthäustextes. Keine große Überraschungen. Anstatt zu erklären spitzt Bonhoeffer wie gewohnt die Herausforderungen des Textes eher noch zu.

Bisher war ich ja recht angetan von dieser Zuspitzung. Sie macht den Text unbequem und herausfordernd. Man liest nicht so leicht darüber hinweg. Allerdings merke ich auch, dass die ständige Provokation mit der Zeit nicht mehr so wirksam ist (und in diesem Kapitel auch nicht so spitzt herausgearbeitet ist) – man stumpft gegenüber diesen Zuspitzungen ab. Es ist ja gut, wenn uns der Bibeltext herausfordert. Aber für für mein Leben als Christ wäre es auch ganz hilfreich zu erfahren, wie ich mit all diese steilen Anforderungen umgehen soll? Wenn ich Bonhoeffer ernst nehme, dann lebe ich in einer ständigen Überforderung. Dann erlebe ich ständig nur Scheitern, weil mein Leben bei weitem nicht dem entspricht, wie Bonhoeffer die Nachfolge darstellt.

Hier macht sich der Hintergrund von Bonhoeffers Theologie bemerkbar: Er steht in der Tradition der dialektischen Theologie von Karl Barth. Barth betont die Andersartigkeit Gottes, sein Wort kommt unvermittelt, senkrecht von oben in unsere Welt hinein. Wir sollen dementsprechend Gottes Wort nicht menschlich erklären und verständlicher machen, sondern gerade in seiner Andersartigkeit stehen lassen. Barth hat damit einen berechtigten Gegenentwurf zur liberalen Theologie des 19. Jh. geliefert, in welcher nur noch der Mensch und seine Erfahrungen und Möglichkeiten im Zentrum stand.

Aber auch das andere Extrem (die dialektische Theologie) hat so ihre Probleme und die werden mir so langsam bei Bonhoeffers Nachfolge deutlich: die Kluft zwischen Gott und Mensch wird groß und größer. Das Evangelium wird ziemlich abstrakt und es wird nicht recht deutlich, wie wir diese Evangelium auch in unserem Alltag leben können. Die menschliche Wirklichkeit gerät aus dem Blickfeld.

Ein Beispiel: Bonhoeffer schreibt: „Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden.“ (S. 199) Das mag als theologisches Postulat richtig sein – aber deckt sich nicht mit meiner Lebensrealität, nicht mit meiner Erfahrung. Mein Leben als Nachfolger ist bruchstückhaft und bei weitem nicht so perfekt, wie Christus es gelebt hat. Man kann natürlich sagen, dass das eine Verheißung ist, die unabhängig von meiner Einschätzung wahr ist – aber wenn Gottes Verheißungen gar nichts mehr mit meinem wirklichen Leben zu tun haben, dann wird das Evangelium lebensfremd und unwirklich, dann wird Nachfolge kalt und abstrakt.

Wie gesagt: das ist eine Gefahr und wir sehen ja bei Bonhoeffer selbst, wie er in eindrucksvoller Weise seinen Glauben auch im Alltag gelebt hat. Es wäre interessant zu erfahren, wie er selbst in seinem Glauben diese zugespitzten Forderungen der Nachfolge auf der einen Seite und die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit miteinander in in Verbindung gebracht hat. Ich denke Theologie hat nicht nur die Aufgabe uns die Andersartigkeit Gottes und die ungeheuren Ansprüche, die Jesus an seine Nachfolger stellt, vor Augen zu führen, sondern sie sollte auch deutlich machen, wie Jesus Mensch wurde, wie er schwach wurde, wie er gerade die Zerbrochenen und Müden mit Gott in Verbindung gebracht hat.

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