Bonhoeffer: Nachfolge (17) – Die Aussonderung der Jüngergemeinde

Nach Bonhoeffer geht es in Matthäus 7 um „die Frage nach dem Verhältnis der nachfolgenden zu den Menschen um sie herum“ (S. 176f). Hier steht zunächst die Aufforderung im Zentrum, andere nicht zu richten. Das ist deswegen unmöglich, weil der Christ dazu gar keinen Maßstab hat. Er hat seine Gerechtigkeit nur in der Verbundenheit mit Jesus Christus, nie als Besitz zur eigenen Verfügung. „Richten die Jünger, so richten sie Maßstäbe auf über Gut und Böse. Jesus Christus aber ist kein Maßstab, den ich auf andere anwenden könnte.“ (S.178)

Der Nachfolger kann dem Anderen nur mit einfältiger Liebe begegnen. Ich nehme zwar die Sünde des Anderen wahr, aber dies wird für mich „allein Anlaß zur Vergebung und zur bedingungslosen Liebe […], die Jesus mir beweist.“ (S.179) Mein Verhalten gegenüber dem Anderen soll nicht von meinem eigenen Maßstab über Gut und Böse bestimmt sein, sondern von der Liebe, die ich selbst erfahren habe. „Richten macht blind, aber die Liebe macht sehend. Im Richten bin ich blind gegen mein eignes Böses und gegen die Gnade, die dem Anderen gilt.“ (S.179) Wer im Richten dem Anderen keine Gnade gönnt, der richtet sich selbst, er nimmt für sich in Anspruch, dass ihm Gottes Wort anders gelte als ihm selbst. „So wird der Jünger dem Anderen immer nur begegnen als der, dem seine Sünden vergeben sind und der von nun an allein von der Liebe Gottes lebt.“ (S.183)

Offen bleibt für mich bei Bonhoeffer die Abgrenzung zu einer Ermahnung in Liebe (das Thema Ermahnung kommt ja oft genug im Neuen Testament vor, z.B. in Röm.12,8). Ist Ermahnung dann überhaupt noch möglich? Denn auch bei der Ermahnung trete ich dem Anderen gegenüber „in dem Abstand der Beobachtung, der Reflexion“ (S.178). Für Bonhoeffer ist dieser Abstand aber gar nicht möglich, weil ihn die Liebe zum Anderen gar nicht zulässt.

Neben dem Stichwort Richten ist für Bonhoeffer das Thema „die große Scheidung“ von zentraler Bedeutung in Matthäus 7. Da geht es nicht nur um das große Gericht und die Scheidung in Gut und Böse am Ende der Zeiten, sondern auch um die Scheidung im Hier und Jetzt. „Mitten unter den Jüngern Jesu muß sich die Scheidung immer wieder vollziehen.“ (S.185) Auch in der Gemeinde gibt es Menschen, die andere vom rechten Weg abbringen (ohne dass ihnen selbst das immer bewusst sein muss). Aber auch hier ist es nicht Aufgabe der Christen selbst zu unterscheiden, sondern Jesus verweist hier auf die Frucht: „Es kommt die Zeit des Fruchttragens, es kommt die Zeit der Unterscheidung. Es wird früher oder später offenbar, wie es um ihn steht.“ (S.186)

Entscheidend bei dieser Unterscheidung wird nicht das Bekenntnis sein: „Mitten durch die bekennende Gemeinde hindurch wird die Scheidung gehen. Das Bekenntnis verleiht keinerlei Anrecht auf Jesus.“ (S.187) Man bedenke an dieser Stelle den historischen Hintergrund, auf dem Bonhoeffer diese Worte schreibt: Für die bekennende Kirche im dritten Reich war das Bekenntnis zu Jesus Christus schon deutlich mehr als nur eine Glaubensüberzeugung! Entscheidend ist für Bonhoeffer aber nicht das Bekenntnis allein, sondern das Tun von Gottes Willen.

Aber selbst beim Tun gibt es „die Möglichkeit eines dämonischen Glaubens, […] der wunderbare Taten, bis zur Unkenntlichkeit den Werken der wahren Jünger Jesu ähnlich, vollbringt, Werke der Liebe, Wunder, […] und der doch Jesus und seine Nachfolge verleugnet.“ (S.189) Das ist dann Glaube „ohne Liebe, d.h. ohne Christus, ohne den Heiligen Geist.“ (S.189) Das wird dann allerdings erst am jüngsten Tag offenbar werden.

Woran kann man sich dann noch halten? „Wenn uns nichts mehr bleibt, nicht unser Bekenntnis, nicht unser Gehorsam? Dann bleibt nur noch sein Wort: ich habe dich erkannt.“ (S.190) Am Ende muss ich alles loslassen, nichts kann mich halten, nichts trägt mich wirklich als allein das Wort Jesu. „Sein Wort ist seine Gnade.“ (S.190)

Wieder einmal treibt Bonhoeffer die Bergpredigt und die Nachfolge radikal auf die Spitze. Nachfolge verlangt das Außerordentliche, sie ist nicht bequem, sondern fordert alles von mir. Trotz diesem Außerordentlichen soll die Nachfolge im Verborgenen geschehen, ich darf kein Lob von mir selbst oder von anderen Erwarten. Und ich kann mir auf meine Nachfolge auch nichts einbilden. Ich bin nicht besser als Andere und lebe genau wie sie allein aus der Gnade. Nachfolge heißt dann: auf radikale Weise alles allein von Jesus erwarten, sich an nichts anderes zu klammern, als an ihn.

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